Limmattal
Das Limmattal soll sich künftig als Limmatstadt verstehen

Das Limmattal muss die Urbanisierung nicht fürchten, sagt Michael Hermann. Sie sei die grösste Chance für die Region. Der Leiter der Forschungsstelle Sotomo plädiert dafür, dass sich das Limmattal künftig als Limmatstadt versteht.

Bettina Hamilton-Irvine
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Die zweite, anziehendere Phase der Urbanisierung stehe dem Limmattal noch bevor, sagt Michael Hermann. Keystone

Die zweite, anziehendere Phase der Urbanisierung stehe dem Limmattal noch bevor, sagt Michael Hermann. Keystone

Herr Hermann, Dietikon hat soeben den 25 000. Einwohner empfangen und ist damit sozusagen eine ViertelGrossstadt. Wenn Sie in die Zukunft blicken, sehen Sie aber nicht die Grossstadt Dietikon, sondern eine Limmatstadt, die von Zürich bis Baden reicht. Wie ernst meinen Sie das?

Michael Hermann: Sehr ernst. Wenn man sich die revidierte Bau- und Zonenordnung ansieht, welche die Stadt Zürich diese Woche präsentiert hat, sieht man, wie zurückhaltend in Zürich geplant wird. Man will nicht höher und dichter bauen, sondern vor allem bewahren und auf die Sicherung der bestehenden Lebensqualität setzen. Das führt dazu, dass die vielen Menschen, die es nach Zürich zieht, gar nicht alle dort leben können. Auf die Frage, wie diese Stadt nun grösser gedacht werden kann, gibt es für mich nur eine Antwort: Die natürliche und logische Entwicklung der Kernstadt Zürich ist die Limmatstadt.

Die Stadt Zürich will bewahren, die Neuzuzüger werden ins Limmattal abgedrängt. Können Sie nachvollziehen, dass das auch Ängste auslöst?

Absolut. Aber das Limmattal ist bis zu einem gewissen Grad längst verstädtert, hat jedoch erst die erste Stufe davon erreicht: Sie ist dicht, verkehrsreich, kaum mehr dörflich. Die zweite Stufe der Urbanität steht grösstenteils noch bevor: Dabei entstehen in den Quartieren wieder kleinräumigere Strukturen mit einem grossen Angebot an Läden, Gewerbe, Gastronomie. Die Stadt wird anziehender.

Das Limmattal soll zur Limmatstadt werden. Geht es Ihnen mehr um den Begriff oder um die Entwicklung?

Ich schlage nicht vor, das ganze Limmattal soll zu einer grossen Stadt fusioniert werden. Es geht mir um das Label Limmatstadt, in dem extrem viel Potenzial steckt. Das Limmattal ist geprägt von Verkehr und Grossstrukturen, die negative Assoziationen wecken. Im Begriff Limmatstadt hingegen steckt eine positive, städtische Identität, die dadurch gestärkt wird, dass man sich als gemeinsamen Raum sieht.

Der Begriff Limmatstadt ist aber bereits durch Zürich besetzt.

Das stimmt, aber er wird nur als Synonym benützt. Man braucht ihn, wenn man einen längeren Bericht schreibt und nicht immer von Zürich sprechen will. Als eigenständigen Begriff gibt es ihn nicht. Das Limmattal kann sich dieses starke Label aneignen. Es zeigt den Menschen, die nach städtischem Wohnen suchen: Das hier gehört auch noch zur Stadt. Das ist nicht Provinz, kein Überlaufbecken, sondern ein Ort, an den man hinwill. Im Gegensatz zum Limmattal hat die Limmatstadt einen sehr positiven Klang.

Was stört Sie am Wort Limmattal?

Der Begriff Tal ist schwierig, denn ein Tal ist tendenziell schattig und peripher.

Darum soll das Tal zur Stadt werden?

Den Begriff Limmatstadt könnte man sehr einfach als Klammerbegriff für eine Region verwenden, zu der auch Zürich und Baden gehören, bei dem die Gemeinden aber immer eigenständig bleiben und ihren Charakter behalten – wie Quartiere in einer Stadt.

Dann geht es Ihnen vor allem um ein gemeinsames Selbstverständnis.

Genau. Zudem ist der Begriff enorm gut geeignet, um die Region als Lebensraum zu vermarkten. Es wäre ein einfacher und eleganter Weg, das Image anzupassen und zukunftsweisend zu tragen. Denn wer wohin zieht, hat im städtischen Kontext viel mit Image zu tun.

Das Limmattal kämpft seit Jahrzehnten gegen das schlechte Image an. Wäre mit einer simplen Umbenennung der Region das Problem wirklich gelöst?

Das geht natürlich nur, weil sich sowieso etwas ändert. Wären die Voraussetzungen nicht gegeben, nützte auch ein neues Label nichts. Man muss nur die ohnehin schon reife Frucht pflücken.

Welche Voraussetzungen sind im Limmattal denn gegeben?

Ganz Zürich drängt nach Westen. Von Albisrieden über Altstetten bis Zürich West galt Quartier für Quartier zuerst als Provinz und wurde dann hip. Es ist einfach, dies im Limmattal weiterzuführen. Insbesondere weil von der Gegenseite her auch Baden aus allen Nähten platzt und ins Limmattal drängt.

Sie sagten aber einst, es sei hoffnungslos, all die Grossstrukturen im Limmattal kaschieren zu wollen. Das klingt weniger positiv.

Das heisst bloss: Es gibt keinen Weg zurück. Man kann aus dem Limmattal keine Goldküste machen, kein suburbanes Wohnparadies mit Einfamilienhäusern. Die Narben bringt man nicht mehr weg. Aber: Wer urban wohnen und arbeiten will, den stören die Narben nicht. Auch in Zürich West hat es ähnliche Narben, und trotzdem ist es eine boomende Region. Für das eher traditionelle, suburbane Wohnmodell gibt es ja immer noch die Nordseite des Limmattals.

Das heisst, die ländlich geprägten Dörfer rechts der Limmat und am Hang werden nicht Teil der Limmatstadt?

Doch. Aber wie in der Kernstadt, wo es ganz unterschiedliche Bereiche gibt, sind sie eine andere Art von Quartier – quasi die Fortsetzung des Zürichbergs. Auch sie profitieren von der Ausdehnung der Innenstadt, denn dadurch gibt es ein attraktiveres Angebot, das auch höheren Ansprüchen genügt.

Zurzeit kann man sich diese neue städtische Qualität noch schwer vorstellen. Gerade Dietikon hat grosse Mühe, Ladenflächen zu vermieten. Kann man diese Entwicklung unterstützen?

Vieles geschieht ohnehin – dass Neuzuzüger kommen, beispielsweise. Ein Ort entwickelt dagegen nicht automatisch städtische Qualitäten. Hier muss man von den Erfahrungen der Kernstädte lernen. Das Tram spielt eine ganz wichtige Rolle, um den Raum zu hierarchisieren, Knotenpunkte zu schaffen, wo die Leute verweilen.

Die Limmattalbahn als Katalysator?

Die Limmattalbahn ist ein ganz zentrales Projekt der Stadtentwicklung, weil sie dazu führt, dass die Leute vermehrt zu Fuss unterwegs sind, weil es entschleunigend wirkt. So wird der Raum enorm aufgewertet und es entsteht städtisches Flair. Durch kleinere Strukturen führt die Urbanität nicht zu mehr Anonymität, sondern mehr Lebensqualität.

Wie wird die Veränderung eingeläutet?

An den Kernstädten sieht man, dass immer zuerst die Kreativen kommen, die Nischen nutzen, ein Angebot kreieren, andere nachziehen, die das Angebot nutzen und verändern. Daraus entsteht eine Entwicklung, die irgendwann zur Gentrifizierung führt. Heute gibt es in Zürich fast keine Nischen mehr. Für das Limmattal, das die logische Fortsetzung dieser Nische ist, besteht daher eine einzigartige Chance, diese Entwicklung bewusst zu steuern und fördern, indem man den Kreativen einen neuen Ort bietet. Sie sind zentral für die Stadtentwicklung.

Diese Entwicklung ist in Schlieren schon teilweise zu spüren.

Es lohnt sich, diese Entwicklung bewusst zu pflegen. Das ist wie eine Fermentierung, wie Bakterien, die den Boden umgestalten und einen Ort sehr schnell hip machen. Davon profitiert man enorm, denn Image ist wichtig.

Viele Neuzuzüger sehen Schlieren oder Dietikon bereits jetzt als Aussenquartier von Zürich. Geht so nicht auch Identität verloren, weil sich diese Leute weniger mit dem Ort identifizieren oder in Vereinen engagieren?

Doch, aber dieser Prozess geschieht ohnehin. Es werden Wohnungen für Neuzuzüger gebaut, der Anteil der Alteingesessenen sinkt. Zu versuchen, dem mit der alten, dörflichen Strategie zu begegnen und zu versuchen, diese Leute in die Vereine holen, funktioniert nicht.

Man muss sich einfach damit abfinden?

Ändern kann man es nicht. Der Anteil der Personen, die am traditionellen dörflichen Leben teilnehmen, wird kleiner, das ist ein gesellschaftlicher Trend, der nicht aufs Limmattal beschränkt ist. Deshalb muss man neue Wege finden, damit die Leute bleiben. Dafür braucht es nette Restaurants, Läden, Eltern, die sich gemeinsam engagieren. Man kann die alten Vereine nicht direkt transformieren, aber es entsteht etwas Neues.

Wie können die Städte denn die netten Läden anziehen?

Wichtig ist, dass sie einerseits Platz für die Fussgänger schaffen und sich andererseits der Bedeutung der Parterregewerbenutzungen bewusst sind. Es gibt Städte, die ganz bewusst Parterrenutzung günstiger an Läden abgeben, weil sie einen Standort aufwerten.

Gibt es für das Limmattal Grenzen des Wachstums?

Ich bin fest davon überzeugt, dass das momentane Wachstum nicht so weitergehen wird. Es werden wieder Phasen der Stagnation oder Stabilität kommen. Daher sollte man auch nicht die ganze Planung darauf ausrichten, dass immer alles weiterwächst. Unaufhaltsam ist hingegen der gesellschaftliche Wandel.

Steht dem Limmattal eine vielversprechende Zukunft bevor?

Auf jedem Fall. Es ist für mich fast wie ein Märchen, wie das viel gescholtene, hässliche Limmattal plötzlich so ein Potenzial entwickelt hat. Etwas Ähnliches kann man in Schwamendingen beobachten: Früher war es der Inbegriff der Biederkeit, heute hat es schon einen ganz anderen Klang. Wenn man mal ein Image hat, auch wenn es ein schlechtes ist, kann man das transformieren. Regionen, die gar nie ein Image hatten, haben dieses Potenzial nicht. Die Stadtzürcher Kreise 4 und 5 hatten auch einmal einen total schlechten Ruf. Doch mit Orten, mit denen man ganz viel verknüpft, kann man auch arbeiten.