Dietikon

«Das ‹Honeret› war unser Leben»: Nach 33 Jahren geht eine Ära zu Ende

986 übernahmen Lilli und Hans Mair als junges Paar das «Honeret» in Dietikon. 33 Jahre später fällt ihnen der Abschied schwer.

Nach 33 Jahren schliessen Lilli und Hans Mair ihr Restaurant in Dietikon und verwandeln es in ein neues Heim.

Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Das ist das Credo von Lilli und Hans Mair. Deshalb gibt das Paar den Betrieb des Restaurants Honeret in Dietikon Ende Juni auf. Damit endet eine Ära. Bewirteten die beiden doch 33 Jahre lang Gäste aus Dietikon und der Umgebung.

Hans Mairs Reich ist die Küche, Lilli Mair kümmert sich um den Service. «Es fällt uns nicht leicht, aufzuhören. Doch es ist Zeit. Wir haben zwei Enkelkinder und möchten mehr Zeit mit ihnen und der Familie verbringen», sagt Hans Mair. Sie hätten privat auf vieles verzichtet, Freundschaften nicht pflegen können. «Das wollen wir jetzt nachholen», sagt der 62-Jährige. Dazu gehört auch eine Reise ans Nordkap mit dem Wohnmobil. Das habe sich seine Frau schon lange gewünscht. Lilli Mair nickt. «Wir freuen uns auf das neue Kapitel.

Aber wir werden unsere Gäste sehr vermissen», sagt sie und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie hätten so manche Familie über die Jahre begleitet, vom Tauf- über das Kommunionsessen bis hin zur Hochzeitsfeier im Garten unter den Kastanienbäumen. Die beiden sind mit Leib und Seele Gastgeber. «Das ‹Honeret› war unser Leben, hier haben wir die meiste Zeit verbracht und so viele schöne Momente erlebt», sagt die 60-Jährige.

Das Paar will das «Honeret» nicht in fremde Hände geben. «Es wäre nicht mehr dasselbe», sagt Hans Mair. Mit der Frühpensionierung der beiden geht so auch die Geschichte des Restaurants zu Ende. Seit dem Bau des Hauses im Jahr 1912 beheimatete es im Parterre eine Gaststätte. Doch nun wollen Hans und Lilli Mair, die die Liegenschaft 1997 erwarben, eine Wohnung für sich daraus machen.

«Wir sind froh, dass wir an diesem Standort bleiben können», sagt Lilli Mair. Sie ist in Dietikon geboren und hängt sehr an der Stadt. Der Umbau werde nichtsdestotrotz sehr emotional für sie werden. «Ich glaube, ich muss meine Frau in die Ferien schicken, wenn hier alles rausgerissen wird», sagt Hans Mair und lacht.

Bedauern und Verständnis

Doch noch stehen die Mairs fünf Tage die Woche in ihrem Restaurant und verköstigen die Gäste mit französischer und gutbürgerlicher Küche. «Seitdem wir bekannt gegeben haben, dass wir schliessen, kommen viele noch ein letztes Mal vorbei», sagt Lilli Mair. Die Gäste würden ihren Entscheid bedauern, hätten aber auch Verständnis, dass irgendeinmal Schluss sei. Vor allem ihre Spezialität, das Rindsfilet «Müsli», das Lilli Mair am Tisch flambiert, muss das Paar nun noch häufiger servieren.

Die beliebte Speise kreierte Hans Mair vor 43 Jahren für seine Frau, die er «Müsli» nennt. «Damals befanden wir uns in der Kennenlernphase», erinnert sich Lilli Mair. Ihr Mann habe für sie zu Hause ein Rindsfilet gebraten. «Als ich ihm sagte, dass ich Fleisch nicht ohne Sauce essen kann, entwarf er aus der Not heraus eine Sauce aus Rosinen, Rahm und Paprika.»

Die Dietikerin hatte jedoch Bedenken. «Ich habe ihm gesagt, dass uns bei dieser Mischung sicher schlecht wird.» Hans Mair flambierte deshalb die Sauce mit dem Wodka, den er noch zu Hause hatte. «Meine Frau hat das Gericht geliebt und ich schlug vor, es in die Karte aufzunehmen, wenn wir irgendwann einmal ein eigenes Restaurant haben würden», sagt Hans Mair.

1986, zehn Jahre später, war es dann tatsächlich so weit. Die Mairs übernahmen das «Honeret». «Es war eine anstrengende Zeit. Wir waren noch sehr jung und hatten zwei kleine Kinder», sagt Lilli Mair. Es sei als Paar schon eine Herausforderung, wenn man 365 Tage im Jahr 24 Stunden lang zusammen sei, so Hans Mair. «Wir sind sozusagen schon gefühlte 80 Jahre verheiratet», sagt der Koch und lacht. Dass die beiden ihre Passion teilen konnten, dafür sind die Mairs sehr dankbar.

«Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich mit meinem Mann den Traum von einem eigenen Restaurant verwirklichen konnte», sagt Lilli Mair. Nicht jeder könne von sich behaupten, seinen Traumjob gefunden zu haben. «Es gibt nichts Schöneres, als wenn man für seine Arbeit Lob von den Gästen erhält. Wenn ihnen das Essen mundet und sie zufrieden sind, dann fühlt man sich wie ein bejubelter Musikstar», sagt Hans Mair.

Dank dieser Wertschätzung schafften die beiden es, die turbulente Anfangszeit und auch den Wandel im Gastgewerbe gut zu meistern. «Früher gab es noch keine Verpflegungsstände und Fertigmenüs. Wir waren ein richtiges Quartierrestaurant. Anwohner, Arbeiter und Geschäftsleute waren beinahe gezwungen zu uns zu kommen, wenn sie nicht selber kochen wollten oder konnten», sagt Hans Mair.

Nach und nach etablierte sich das Lokal als Speiserestaurant mit Erlebnisgastronomie. «Wir spezialisierten uns, begannen, gewisse Speisen wie etwa Tatar vor den Gästen zuzubereiten oder den Fisch am Tisch zu filetieren.»

Das vergessene Gebiss

Das «Honeret» entwickelte sich aber auch zu einer Institution. Die Mairs waren nicht nur Gastgeber, sie betrieben Nachbarschaftshilfe. «Viele alleinstehende Frauen und Männer assen bei uns zu Mittag», erzählt Lilli Mair. «Wenn es ihnen nicht gut ging oder das Trottoir im Winter vereist war, habe ich ihnen das Essen vorbeigebracht oder sie nach dem Restaurantbesuch nach Hause begleitet.»

Ein älterer Gast habe einmal sein Gebiss bei ihnen vergessen. «Seine Tochter rief uns an und fragte, ob er seine Zähne bei uns liegen gelassen habe.» Lilli Mair fand den Zahnersatz schliesslich im Wäschekorb zwischen den Stoff-Servietten.

Das Ehepaar kümmerte sich nicht nur um ältere Gäste, sondern als Lehrbetrieb auch um Jugendliche. «Wir haben 28 Lernende ausgebildet», sagt Lilli Mair. Mit einigen hätten sie immer noch Kontakt. «Es ist schön, zu sehen, wie sie sich entwickelt haben», sagt Hans Mair.

Eine ehemalige Lernende unterstützt ihn derzeit in der Küche. Wie es für ihre Angestellten – eine Köchin, ein Hilfskoch und eine langjährige Servicemitarbeiterin – nach der Schliessung weitergeht, ist dem Wirtepaar nicht egal. «Sie sind tolle Arbeitskräfte und wir setzen uns dafür ein, dass sie eine gute Anschlusslösung finden», sagt Lilli Mair. Sie hätten ihnen auch offengelassen, früher zu gehen, wenn sie etwas Neues finden würden. «Doch sie wollen bis zum Schluss bei uns bleiben. Das schätzen wir sehr», sagt Hans Mair.

Das «Honeret» wird am 29. Juni zum letzten Mal geöffnet sein. Am 5. und 6. Juli wird das Inventar von 10 bis 17 Uhr zum Verkauf angeboten. «Wir sind froh, wenn jemand das eine oder andere Möbel, Bild oder Geschirrset noch brauchen kann», sagt Hans Mair. Wer wolle, könne sich so ein letztes Erinnerungsstück sichern.

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Autor

Sibylle Egloff

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