100 Jahre Turnverein Weiningen
Das Erfolgsgeheimnis: Frauenpower und Feierlaune

Wie kein zweiter Verein in der Region hat der Turnverein Weiningen Einfluss auf das Gesellschaftsleben in seinem Ort. Am 1. August wird der Verein 100 Jahre alt – gefeiert wird im Rahmen des Turnfests der kommenden zwei Wochenenden.

Raphael Biermayr
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In zeitgemässer militärischer Formation 1941 am Verbandsfest in Schlieren.

In zeitgemässer militärischer Formation 1941 am Verbandsfest in Schlieren.

Raphael Biermayr

Um den Bahnhof Dietikon wird gelacht, geschrien, gesungen, gerannt und gemüllt. 13 Minuten später mit dem Bus oder noch etwas weniger mit dem Auto: Um den Dorfplatz singen Vögel und plätschern Brunnen vor Riegelhäusern, das Kaugummipapier landet im Güsel – willkommen in Weiningen.

Das Turnkreuz aus dem Gründungsjahr.
17 Bilder
Vorderseite der ersten Vereinsfahne aus dem Jahr 1920.
Rückseite der ersten Vereinsfahne aus dem Jahr 1920.
Nicht mal drei Jahre nach der Gründung zeigt der TVW eine Übung in Zürich.
Die ersten eingetragenen Aktivmitglieder.
1928 reisen die Weininger ans Eidgenössische nach Luzern.
Entschlossen schauen die Aktiven im Jahr 1937 drein.
In zeitgemässer militärischer Formation 1941 am Verbandsfest in Schlieren.
Die Weininger Turnerschar vor dem Restaurant Linde.
Schon 1951 flirten die Turner mit der Kamera.
Eine Fahnenweihe (hier 1955) wird immer mit viel Pathos begangen.
Wegen des miesen Wetters mussten am GLTV-Turnfest 1973 einige Wettkämpfe in die Zelte verlegt werden.
1972 posieren die Weiniger stolz fürs Foto.
Der Kommandoturm am ersten Turnfest in Weiningen 1973.
Am ersten Turnfest in Weiningen 1973 herrschen nasskalte Verhältnisse
1981 holen die Weiningerinnen und Weininger gleich zwei Turnfestsiege.
Heute kommt der TVW bunter daher als früher.

Das Turnkreuz aus dem Gründungsjahr.

Raphael Biermayr

Das mag etwas romantisierend dargestellt sein, doch an der Aussage ändert das nichts: Der Kontrast zwischen den beiden Gemeinden ist vor dem Hintergrund ihrer geografischen Nähe verblüffend. Im Weinbaudorf ist die Tradition an jedem Dachziegel und jedem Rebstock abzulesen. Gern und oft wird sie zelebriert: Die Weininger stehen im Ruf, ein besonders festfreudiges Volk zu sein. Sei es am Rebblüetefäscht, sei es in Verbindung mit dem Turnverein (TVW).

Lustiges und Denkwürdiges aus der Vereinsgeschichte

1916: Oberturner Robert Hürlimann soll an einer Versammlung mit einer Gratifikation bedacht werden. Er weist diese zurück, weil er für seine Mühe und Arbeit keine Entschädigung annehme. Wenig später tritt er von seiner Funktion zurück: Er ist bei den Lehrerwahlen im Dorf nicht bestätigt worden.


1918: Das Kriegsende scheint die Frivolität und die Verschwendung im Verein zu fördern. Aktuar Hermann Vogler verschwand auf einer Reise mit dem Knabenverein auf dem Glärnisch spurlos. Darüber hinaus branden immer wieder Diskussionen über Bussengelder auf. Weil der TVW den Mitwirkenden einer gemeinsamen Vorstellung mit dem Dramatischen Verein (1 Franken Eintritt plus 1 Franken Tanzgeld) ein Nachtessen bezahlt, bleibt kein Gewinn übrig. Als Konsequenz wird in der Zukunft kein Essen mehr offeriert.


1919: Am Tag nach der Abendunterhaltung mit dem Töchterchor am 20. Dezember wird «mit den Schönen» vom Töchterchor abgemacht, nach Regensdorf zu wandern. Auf dem Rückweg ist der Wind aber so stark, dass er die Turner und die Sängerinnen beinahe wieder nach Regensdorf zurückweht. «Oh schade, dass er es nicht auch tat», bemerkte der damalige Aktuar Armin Ehrsam.


1924: Infolge grosser Kälte wird im Februar im Schulkeller geturnt. Für dessen Benützung müssen an Lehrer Frei 30 Franken bezahlt werden.


1932: Im August wird die erste Turnhalle eingeweiht. Zu diesem Anlass spendete die Gemeinde nicht etwa ein benötigtes Turngerät, sondern – wie könnte es auch anders sein – eine Weinkanne mit Becher.


1944: Präsident Reinhard Vogler rügt die Unpünktlichkeit der Mitglieder. Als Vorbild nennt er den Männerchor: «Was unsere Väter fertigbringen, das können auch die Söhne».


1950: Am GLTV-Fest in Urdorf wird Weiningen Dritter.


1952: Oberturner Heinrich Haug kommt in der Monatsversammlung im September auf das Schlussturnen in Geroldswil zu reden. Er rügt die nicht oder verspätete erschienenen sowie betrunkenen Weininger Athleten.


1958: Gründung der Damenriege.


1961: An der GV berichtet die Präsidentin der Damenriege von Schwierigkeiten, da es infolge von mangelnder Kameradschaft zu unerwünschten Blockbildungen kam.

An der Turnfahrt auf dem Thunersee umschwärmen einige der sonst eher Stillen eine englische Miss. Doch es fehlt den Weininger Charmeuren an genügend Englischkenntnissen, da hilft man sich eben mit Händen und deutschen Worten.


1962: Gründung der Männerriege.


1968: Gründung der Kunstturnerinnenriege.


1973: Am erstmals in Weinigen durchgeführten GLTV-Verbandsturnfest in Weiningen nahmen 3600 Turnerinnen und Turner aus 80 Sektionen teil.


1974: Das Protokoll der letzten Versammlung kann nicht verlesen werden, da das Protokollbuch verschollen ist.

An der GV wird beschlossen, künftig auf einen Weibel zu verzichten und alle Korrespondenzen innerhalb des Dorfs der Post zu übergeben.


1977: Weiningen feiert zwei Turnfestsiege (1. Ränge in der 1. Stärkelklasse) an den Verbandsturnfesten in Winterthur-Seen und Affoltern am Albis.

1980: An den Schweizer Meisterschaften im Sektionsturnen gewinnt Weiningen den Titel an den Schaukelringen. Später gewinnen sie auch das Verbandsturnfest in Effretikon.

1983: Die Damenriege ist am Innerschweizer Turnfest nicht zu schlagen.

Leichtathlet Ernst Haug holt den Eidgenössischen Kranz in Winterthur.


1987: Am Zürcher Kantonalturnfest in Wetzikon brillieren die Brüder Beat und Ernst Haug in den Einzelwettkämpfen: 1. Rang für Beat Haug im Geräteturnen, Olivenkranz für Ernst Haug in der Leichtathletik.

Die Männerriege feiert ihr 25-Jahr-Jubiläum. Um die Pünktlichkeit der Mitglieder zu verbessern, soll jeweils zu Beginn der Turnstunde um Punkt zwanzig Uhr der Witz des Tages erzählt werden.

1989: Vorstandsmitglied Jürg Wegmann bemerkt an der GV, dass die vier F (frisch, fromm, fröhlich, frei) – seit je her ein Symbol und Zeichen der gesamten Turnerschaft – von vielen Weininger Aktiven falsch interpretiert werden: Bei denen heisst es «fröhlich, festen, Ferien und Fussball».


1998: Als Höhepunkte im Jahresprogramm werden die Hochzeiten von drei
Aktivturnern angekündigt.


2000: Fusion des Turnvereins und der Damenriege, dazu wird eine neue Vereinsfahne eingeweiht. Als erste Oberturnerin wird Ursi Haug bestimmt.

2001: Erstmals wird die GV von einer Frau, Katrin Haug-Wanner, geleitet.


2005: An den Schweizer Meisterschaften der Turner wird Willi Hodel Disziplinensieger in der Leichtathletik. Martina Müller wird Kantonalmeisterin im Steinstossen.


2010: 2. Rang am Berner-Seeländer Turnfest vor dem TV Birmensdorf. Vor Freude über den Erfolg wird auf dem Heimweg mit dem Car beim Geroldswiler Kreisel eine Ehrenrunde gedreht.


2011: Leichtathletik-Einkampfmeisterschaften in Wallisellen: Die Weininger belegen gleich 17 Podestplätze. Am Kantonalturnfest werden sie Zweite in der 2. Stärkeklasse.


2013: Am Eidgenössischen in Biel holt Zehnkämpfer Roman Beer als Siebter den Olivenkranz. Das ist erst fünf Weiningern vor ihm gelungen.

Die Aerobic-Formation beweist ihre Stärke mit dem 3. Rang an den Schweizer Meisterschaften.


2015: Der TV Weiningen führt das GLZ-Turnfest durch.


Mit besonderem Dank an Max Bürgis, der die Chronik zum 100-Jahr-Jubiläum verfasst hat.

Die Empfänge der Athleten nach grossen Festen sind legendär. Wo sonst noch finden an Sonntagabenden Hunderte zusammen, um den Teilnehmern zu applaudieren, während einige Auserwählte mit ernsthaftem Stolz im Gesicht die Fahnen schwingen? Wo sonst noch öffnen Restaurants spontan, wenn die Turnerschar der Hunger
gepackt hat? Es wirkt wie kolorierte Aufnahmen von Heimatfilmen. Nur die Smartphones passen nicht ins Bild.

Der Turnverein und das Dorf gehören seit 100 Jahren zusammen, bald war der eine ohne das andere nicht mehr denkbar – um umgekehrt. Kein anderer Sportverein im Limmattal hat einen ähnlichen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben in seinem Ort. Auch wenn die gegenwärtigen Vertreter die Bedeutung herunterspielen mögen: Gute Beziehungen zum Turnverein sind sicher nicht von Nachteil. Gegenwärtig umfasst der TVW inklusive der Untersektionen – Jugendriegen sowie Männer- und Frauenriege – über 500 Mitglieder, womit er im etwas über 4200 Einwohner zählenden Dorf schon von seiner Grösse her eine Ausnahmestellung innehat.

Turnen zum Warmhalten

Die Vereinsgründung erfolgte an einem bedeutenden Datum – aber in primitiven Verhältnissen. Als sieben Weininger am 1. August 1915 den Turnverein gründeten, gab es im Dorf mit Ausnahme eines alten Recks auf dem Turnplatz keine Geräte, ganz zu schweigen eine Turnhalle. «Wir waren darauf angewiesen unseren Turnbetrieb rein volkstümlich zu gestalten und das Spiel mit dem Ball zu pflegen. Im Winter nahm uns eine Tenne auf, wo oft Temperaturen bis 10 Grad unter null schon dafür sorgten, dass recht rege geturnt wurde», heisst es in einem Protokoll aus jener Zeit.

Natürlich waren bereits Haugs und Voglers unter den ersten Vereinsmitgliedern, es dauerte nicht lang, bis auch der erste Werffeli dazustiess. Vertreter der bestimmenden Geschlechter des Weinbaudorfs tauchen immer wieder auf in der hundertjährigen Geschichte, besonders vom Stamm Haug. Aktuell ist mit Köbi Haug junior ein
Abkömmling der alten Garde Präsident des Vereins.

Ob Haug oder nicht – eine Präsidentin gab es in den hundert Jahren noch nie, doch das dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein. Schon jetzt ist die Mehrheit im Vorstand weiblich, in den vergangenen Jahren haben Weiningerinnen immer häufiger auch Ämter auf Verbandsebene bekleidet.

Dass die Frauen dereinst eine tragende Rolle spielen könnten, war in jenem Sommer 1915 nicht abzusehen, als der Verein aus der Taufe gehoben wurde. Erst 21 Jahre nach dem benachbarten und gleich alten TV Oetwil-Geroldswil wurde eine Damenriege gegründet. Im Jahr 2000 fusionierten Verein und Damenriege schliesslich. Seither wurden nicht nur die Turngewänder bunter, auch das Vereinsleben hat profitiert.

Die Herkunft verpflichtet

Das starke Engagement der Frauen ist das eine Erfolgsrezept der Weininger. Das andere ist das Feiern. Wer in der Jubiläumschronik stöbert, trifft immer wieder Hinweise auf die zelebrierte Feuchtfröhligkeit der Turner. Wie 1952, als der Oberturner an einer Monatsversammlung die Kameraden rügte, weil die zum Schlussturnen in Geroldswil betrunken auftraten.

Ausschweifungen sind im Turnerumfeld kein Alleinstellungsmerkmal der Weininger. Doch wegen der Herkunft aus einem Weindorf gelten sie als besonders festfest und sind sich dessen durchaus bewusst, wenn man folgendem Anekdote Glauben schenkt: 2004 soll Oberturnerin Martina Müller an einem Turnanlass davon gesprochen haben, dass die Einheimischen das Festen von den Weiningern lernen müssten – die Einheimischen waren Walliser!

Eine Anekdote, die die beiden Erfolgsrezepte der Limmattaler vereint.

Bernhard Russi im Matsch

1973 fand das erste Mal ein Turnfest in Weiningen statt. Auch der Ski-Abfahrtsweltmeister machte mit, was für damalige Verhältnisse nicht ungewöhnlich war.

Vor 42 Jahren richtete der TV Weiningen schon einmal das Turnfest der Glatt- und Limmattaler (damals noch ohne Stadtzürcher) aus. Damals reichten für das eine Festwochenende 200 Helfer aus dem Dorf – heute sind es über 1000 aus der ganzen Region. Über die Beteiligung 1973 gibt es unterschiedliche Angaben: die Jubiläumschronik des Vereins berichtet von 3600 Turnern, die NZZ von 2700. So oder so war es das grösste Turnfest des Jahres 1973 in der ganzen Schweiz. Die Kunstturner wetteiferten in Regensdorf, die Leichtathleten in Dietikon auf dem Sportplatz Gyrhalde. Die Organisatoren hatten allerdings grosses Pech mit dem Wetter. Am Samstag schüttete es den ganzen Tag, weshalb einige Disziplinen gestrichen wurden und weitere nur in reduzierter Form ausgetragen werden konnten. Wenn möglich, wurden die Wettkämpfe in die Zelte oder in die Turnhalle Schlüechti verlegt. Die sogenannte Körperschule, eine Gymnastikvorführung der Männer, fand im Freien statt. Die NZZ schrieb dazu: «Es ist erstaunlich, wie die Turner trotz dem Regen guter Laune waren und gleichwohl recht gute Leistungen an den Tag legten.»
Als zäh erwies sich auch Bernhard Russi. Der Ski-Abfahrtsweltmeister des Vorjahres trat für den TV Andermatt im Hochsprung und im 100-m-Lauf an. Früher war es durchaus üblich, dass Sportstars, von denen viele im Turnverein begonnen hatten, bei solchen Gelegenheiten auftraten. Das gilt auch für spätere Politikschwergewichte: Der heutige Weininger Gemeindepräsident und kürzlich zurückgetretene Kantonsrat Hanspeter Haug war damals als Nationalturner aktiv und schaffte es als Dritter aufs Podest.
Frauen nahmen und nehmen im TV Weiningen bedeutende Rollen ein (siehe separaten Artikel). Da erstaunt es nicht, dass man 1973 dem Frauenturnen «mehr Platz einräumte als bei früheren Anlässen», wie der Berichterstatter festhielt. Erstmals durchgeführt wurde darüber hinaus der kantonale Gymnastikwettkampf, an dem 38 Turnerinnen beteiligt waren. Die Frauen mussten ihre freien Vorführungen – auch das eine Frühform der Gymnastik – am Sonntag auf dem durchweichten Boden präsentieren. Offensichtlich mit nachhaltigem Eindruck: «Die Turnerinnen haben bewiesen, dass auch sie barfuss und auf glitschigem Gelände turnen können», heisst es in der NZZ.
Dass dieses Turnfest überhaupt in Weiningen stattfinden konnte, war der Hartnäckigkeit der Organisatoren zu verdanken. Denn der TV Opfikon-Glattbrugg bot den Limmattalern einen erbitterten Kampf um die Ausrichtung. Schliesslich sprach die Delegiertenversammlung des GLTV-Verbands den Anlass den Weiningern zu. Heute sind die Verhältnisse ganz andere: Der Verband (heisst jetzt GLZ) ist froh, wenn ein Verein das Fest organisieren will. 2010 fand mangels Organisator keine Austragung statt. Übrigens: Das GLZ-Turnfest fand seit seiner Premiere 1895 neben Weiningen bereits in mehreren Limmattaler Gemeinden statt: in Dietikon (1931 und 1964), in Schlieren (1941), in Urdorf (1950 und 2006) sowie in den beiden Engstringen (1958). (bier)