Martin Müller
Das Dietiker Enfant terrible wird auch beim Abschied nicht leise: «Ich will nicht im Chüngelstall leben»

Nach 20 Jahren kehrt Gemeinderat Martin Müller dem Bezirkshauptort den Rücken zu. Er zieht in den Aargau. Kein Grund für ihn leise zu werden - auch im Interview nicht

Gabriele Heigl
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Martin Müller, ehemaliger DP-Gemeinderat, verlässt Dietikon Richtung Suhr.

Martin Müller, ehemaliger DP-Gemeinderat, verlässt Dietikon Richtung Suhr.

Severin Bigler

Man kennt Martin Müller, bis letzte Woche Gemeinderat der Demokratischen Partei Dietikon (DP), als Mann mit reichlich Ecken und Kanten, als jemanden, der andere auch mal vor den Kopf stossen kann. Zum Interview erscheint er in aufgeräumter Stimmung. Derzeit ist er dabei, eine Gemeinde in der Nähe von Suhr (AG), wo sein neuer Arbeitsplatz ist, als seinen Wohnort auszuwählen. Er macht das sehr sorgfältig anhand finanzieller Kriterien wie etwa einem niedrigen Steuerfuss. Ob er dort auch wieder politisch tätig sein wird, lässt er zwar offen, aber sein Lachen sagt: Oh ja, das werde ich. Dabei blitzt ein Stecker an seinem linken Ohr, der seine Passion verrät: ein winziger goldener Töff.

Bis Suhr fährt man nur eine halbe Stunde. Warum zügeln Sie überhaupt?

Martin Müller: Ich finde, dort, wo man arbeitet, sollte man auch wohnen. Wenn das jeder machen würde, gäbe es weniger Puff auf der Autobahn. Aber es stimmt für mich auch nicht mehr in Dietikon.

20 Jahre Lokalpolitik

Martin Müller (52) lebte seit 1994 in Dietikon und zog hier mit seiner Frau zwei Kinder gross. Er engagierte sich bereits ab 1998 in der Lokalpolitik und sass von 2008 bis 2010 zunächst für die FDP im Gemeinderat, die er auch präsidierte. Nachdem er von seiner Partei nicht wieder aufgestellt wurde, trat er 2010 aus und versuchte es erfolglos als parteiloser Kandidat für Gemeinderat, Stadtrat und Stadtpräsidium. Als Mitglied der DP gelang ihm 2014 der Sprung zurück in den Gemeinderat. Nachdem er in Dietikon als selbstständiger IT-Consultant gearbeitet hat, will er jetzt in die Nähe seines neuen Arbeitgebers in Suhr ziehen.

Was meinen Sie?

Dietikon ist auf dem falschen Weg. Diese Beobachtung mache ich schon länger. Durch meine Arbeit im Gemeinderat habe ich versucht, daran etwas zu ändern.

Was läuft Ihrer Meinung nach falsch?

Da ist zum einen die prekäre Finanzlage, der hohe Steuerfuss. Aber auch die Stadtentwicklungspolitik mit einer zu hohen Verdichtung ist eine Fehlentwicklung. In den Gestaltungsplänen wird stets an die obere Grenze gegangen. Ich will aber nicht in einem Chüngelstall leben. In der Dietiker Lokalpolitik haben sie das Gefühl, wenn sie das Bähnli machen, dann ist alles gut (gemeint ist die Limmattalbahn, Anm. d. Red.).

Und sonst?

Es gibt gesellschaftliche Entwicklungen im Limmattal, die ungesund sind. Man hat es in den letzten 25 Jahren verpasst, Einfluss zu nehmen, etwa über die Bau- und Zonenordnung und über private wie öffentliche Gestaltungspläne. Im Limmatfeld hat man etwas Neues probiert, aber wirklich gelungen ist auch das nicht. Wenn man sich mit älteren Leuten unterhält, erfährt man viel darüber, wo Unmut herrscht, etwa wenn kleinliche Leute andere mit überflüssigen Vorschriften schikanieren. Manchmal kommt mir das Ganze vor wie Gottfried Kellers Leute von Seldwyla.

Bitte recht einsilbig!

Ja oder Nein, Herr Müller?

Man muss in einer Partei sein, um in der Lokalpolitik zu reüssieren.
Ja.

Die Limmattalbahn kann sich am Ende als gut für Dietikon erweisen.
Nein.

Der Lokalpolitiker weiss es oft besser als das Volk.
Nein.

Ein Leben ohne Politik ist lebenswert.
Nein.

Dietikon ist mehr Dorf als Stadt.
Noch eher ja.

Dietikon ist lebenswert.
Ja.

Echte Freundschaft unter Parteikollegen ist möglich.
Nein.

Was hätte man bei den Bauprojekten anders machen müssen?

Es hat in Dietikon viel Bausubstanz, die Schweizer nicht haben wollen. Viele Wohnungen sind zu klein. Ein gutes Beispiel ist die Siedlung im Park, die man mit Werkswohnungen bebaut hat, in der Hoffnung, dass die SBB hier ihre Hauptwerkstätte aufbaut. Als die sich stattdessen für Altstetten entschied, sass Dietikon auf den kleinen Wohnungen. Dort zogen schliesslich Italiener ein, und es kam zu einer ersten Gettobildung.

Haben Sie Beispiele aus jüngerer Zeit?

Die Stadt realisiert ihre eigenen Projekte immer viel zu luxuriös. Ein aktuelles Beispiel ist die Sanierung und der Umbau des Zentralschulhausplatzes. Die Sanierung stand mit 800 000 Franken im Finanzplan, jetzt kostet er fast das Doppelte. Ähnlich lief es bei der Stadthalle.

Ihre Vorstellungen wurden im Parlament nur von wenigen geteilt. Wie kam es zum Bruch mit der FDP?

Ich bin eine ausgeprägte Führungsperson. Ich habe die FDP aus dem Nichts zum Präsidium geführt. Zum ersten Mal wurde dort richtig gearbeitet. Wir sind raus zu den Leuten gegangen, haben Stände aufgestellt, Präsenz in den Medien gezeigt. Der Lohn war 2006 das Stadtpräsidium für Otto Müller (nicht verwandt und nicht verschwägert mit dem Interviewten, Anm. d. Red.).

Das lag doch auch daran, dass die SVP nach der Ära Hans Bohnenblust keinen geeigneten Nachfolgekandidaten fand.

Otto Müller war zuvor zwar schon Sozial- und Finanzvorstand, aber einen Stadtpräsidenten muss man aufbauen. Als Parteipräsident liess ich ihm sein Zehn-Punkte-Programm unverändert. Als eines seiner Ziele nannte er, die Steuern nicht zu erhöhen. Und das Erste, das nach seiner Wahl geschah: Der Steuerfuss wurde erhöht.

Das wollten Sie nicht hinnehmen?

Ich habe ihm Wortbruch vorgeworfen. Es gab Leute in der FDP, die das nicht hören wollten.

Und Ihr Austritt?

Der Knatsch begann, als ich auf liberale Positionen und die Erfüllung von Wahlversprechen pochte. Man wollte mich kalt stellen. Es ist unverschämt, dass Leute, die sich engagieren und den Steigbügelhalter für andere machen, in dem Moment, wenn sie selber etwas erreichen wollen, vor den Kopf gestossen werden. Dann findet man bald keine guten Leute mehr.

Warum sind Sie nicht zur SVP gegangen?

Wenn ich auf Karriere aus gewesen wäre, hätte ich eintreten müssen. Aber die SVP in Dietikon hat nicht viel mit der eidgenössischen SVP zu tun.

Sie haben sich nach Ihrem Austritt als Enfant terrible des Gemeinderats geriert. War das zielführend?

Ich habe das nicht immer gern gemacht. Aber ich habe es gemacht, damit man mir zuhört. Ich habe aber nie Ansichten vertreten, nur um jemanden zu ärgern. Sehr oft habe ich allerdings nicht das gemacht, was alle von mir erwartet haben. Das gehört zur Marke «Martin Müller». Privat bin ich dagegen sehr umgänglich.

Letztlich hat Sie das zum Einzelkämpfer gemacht.

Aus verfahrensökonomischen Gründen wäre es sicherlich gut gewesen, wenn ich noch Kollegen im Gemeinderat zur Unterstützung gehabt hätte. Allein hat man eigentlich schon verloren, denn die Arbeit als Gemeinderat ist enorm aufwendig.

Sind Sie mit den ehemaligen FDP-Kollegen noch ein Bier trinken gegangen?

Ich habe keinen Bedarf dafür gespürt, aber man blieb in Sachfragen im Gespräch.

Die Limmattalbahn ist für Sie des Teufels, richtig?

So würde ich es nicht sagen. Teufelszeug ist etwas, vor dem man sich fürchtet, weil man es nicht kennt. Ich habe mich aber sehr intensiv mit der Bahn beschäftigt. Wahrscheinlich kenne ich das Projekt besser als alle anderen Gemeinderäte. Ich habe mich auch mit Alternativen beschäftigt. Schlecht an der Bahn ist vor allem, dass an vielen Stellen in Dietikon einfach zu wenig Platz ist und die Kurvenradien sehr eng sind, etwa im Zentrum beim Café City, beim Hotel Sommerau, aber auch beim Bahnhof. Es wird ausserdem extrem lärmig werden im Dietiker Zentrum. Ein weiterer Problempunkt ist die Reppischbrücke. Die Alternativen Hochbahn und Tunnelbau wurden gar nicht richtig geprüft. Letzterer wurde wegen des hohen Grundwassers verworfen. Aber andernorts wurde unter ähnlichen Bedingungen trotzdem gebaut, es kostet nur eben mehr. Auch die Schlieremer tun mir leid. Speziell rund um das Spital ist die Situation auch viel zu eng.

Können Sie auch Positives vermelden?

Das Vereinsleben in Dietikon ist ausgesprochen gut, ich habe mich in der Stadtjugendmusik und im Gewerbeverein engagiert. Das ist eine Form von Kultur, wie sie sein sollte: von Einheimischen für Einheimische. Ich bin ein Gegner von organisierter Kultur.

Was verstehen Sie darunter?

Alles, was etwa im Rahmen des städtischen Kulturprogramms stattfindet.

Was haben Sie dagegen?

Das ist keine Staatsaufgabe, kostet aber Geld. Und der Steuerzahler hat nichts mehr zu sagen. Das gilt auch für andere Bereiche, allen voran das Sozialwesen.

Würden Sie im Nachhinein gerne etwas anders machen als Gemeinderat?

Es gibt kleine Sachen, die einem aber nicht im Gedächtnis bleiben. Ich wusste von Anfang an, dass ich die Gesellschaft (damit meint Müller den Gemeinderat, Anm. d. Red.) nicht um 180 Grad drehen kann. Aber zwei Grad habe ich anvisiert. Manchmal hat man natürlich schon eine zu grosse Gosche gehabt. Und das haben andere in den falschen Hals bekommen.

Werden Sie auch künftig die Dietiker Belange verfolgen? Werden Sie etwa auch weiterhin die immattaler Zeitung lesen?

(lacht) Durch meinen Umzug werde ich wohl zur AZ wechseln. Aber ich werde Konzerte der Stadtjugendmusik und der Stadtmusik besuchen.