Hoch hinaus

Das Comeback der Hochhäuser

Plötzlich wird wieder in die Höhe gebaut: Mit mehreren geplanten Hochhäusern reihen sich Schlieren und Dietikon in einen nationalen Trend ein. Dabei geht es weniger um Verdichtung als vielmehr um die Betonung des Urbanen.

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein: Was der deutsche Liedermacher Reinhard Mey schon 1974 wusste, scheint heute wieder vermehrt Architekten und Städteplaner zu inspirieren - auch im Limmattal.

Schweizweit sind zurzeit rund 35 Hochhäuser mit mehr als 15 Stockwerken in Planung oder Realisierung, wie Hervé Froidevaux, Senior Consul-tant der Immobilienberatungsfirma Wüest & Partner, bestätigt. Trotzdem sei die Hochhausplanung im Vergleich zu den 1960er- und 1970er-Jahren noch relativ bescheiden. Es werde jedoch wie-der deutlich öfter in die Höhe gebaut, so Froidevaux: «Im Vergleich zur Bautätigkeit der letzten dreissig Jahre kann man sicher von einer Wiederbelebung des Hochhauses sprechen.»

Dies zeigt sich auch in Schlieren, wo das Parlament in seiner letzten Sitzung dem Gestaltungsplan für das Geistlich-Areal, und somit auch dem Bau zweier Hochhäuser, zustimmte. Wie dem Planungsbericht zum Gestaltungsplan zu entnehmen ist, sollen die beiden 45 Meter hohen Gebäude nicht bloss Hochhäuser sein, sondern so genannte «Ikonen», welche durch ihre strategische Lage und besondere Höhe «Impulse für ein grösseres Gebiet auslösen». Sie sollen so nicht nur das Geistlich-Areal in Schlieren verankern, sondern auch als Merkpunkte dienen und gemeinsam mit dem Schlatter-Hochhaus und dem geplanten Hochhaus auf dem Färbi-Areal «einen Bezugsrahmen über das Areal hinaus spannen», heisst es in dem Bericht weiter.

Wettbewerb untereinander

Die verschiedenen Hochhäuser in Schlieren werden durchaus in einem Wettbewerb zueinander stehen, wie Martin Geistlich von der Firma Geistlich Immobilia sagt. «Allerdings hat das nichts mit ihrer Höhe zu tun», so Geistlich. Vielmehr gehe er davon aus, dass sich die Gebäude beim Versuch, Mieter wie Hotels oder bekannte Firmen anzuziehen, konkurrenzieren werden. Denn auch durch eine spezielle Nutzung, für welche Hochhäuser prädestiniert seien, könne ein Gebäude zum Ikon werden.

Den Wunsch nach einem überragenden Gebäude kann auch Froidevaux von Wüest & Partner nachvollziehen: «Eine Art Leuchtturm am Eingang eines Quartiers kann eine Quartierentwicklung stimulieren.» Er warnt jedoch, dass dieser städtebaulich und ökonomisch am richtigen Ort sein müsse, da er sonst die Entwicklung auch bremsen könne. «Die wirtschaftliche Machbarkeit eines Hochhausprojektes muss sehr sorgfältig geprüft werden», so Froidevaux.

Doch auch aufgrund städtischer Vorgaben sei es gar nicht möglich, dass plötzlich an jeder Ecke mit einem Hochhaus ein Zeichen gesetzt werden wolle, beruhigt Stadtpräsident Toni Brühlmann. Tatsächlich macht das Schlieremer Stadtentwicklungskonzept nicht nur Auflagen an die Qualität der Gebäude, sondern gibt auch genau vor, wo Hochhäuser gebaut werden dürfen: Mit einer Höhe bis zu 45 Meter Höhe sind sie bloss in einem Korridor entlang der Bahnlinie möglich, unbegrenzt hoch nur im innersten Kern des Stadtzentrums. Man eifere also ganz und gar nicht einer «Skyline» nach, wie man sie aus New York, Manila oder Vancouver kenne, betont der Stadtpräsident: «Wir bleiben bescheiden.»

Etwas höher hinaus will und darf man in Dietikon, wo die zulässige Gebäudehöhe 80 Meter beträgt. Diese Limite auszuschöpfen, plant man mit einem Hochhaus im Limmatfeld, während im Gebiet Silbern-Lerzen-Stierenmatt (SLS) mehrere bis zu 70 Meter hohe Gebäude entstehen sollen.

Zeichen der Dynamik

In diesen Quartieren, die überwiegend gewerbliche und industrielle Nutzungen aufwiesen, seien Hochhäuser sinnvoll, sagt der Dietiker Stadtarchitekt Thomas Jung. Die Gebäude entlang der Silbernstrasse und dem Gleisfeld seien «ein Zeichen der Dynamik des sich entwickelnden Gebietes der Stadt Dieti-kon». Man sehe jedoch im Hochhaus nicht primär ein Mittel zur verdichteten Bauweise, da das Zürcher Planungs- und Baugesetz bei Hochhausprojekten Kompensationsflächen vorschrieben. So sei der Stadtplatz im Limmatfeld nicht ohne das Hochhaus möglich und umgekehrt, sagt Jung.

Auch in Schlieren soll mit dem Bau von höheren Häusern «grundsätzlich keine zusätzliche Verdichtung erfolgen», wie Stadtpräsident Brühlmann sagt: «Wenn die Häuser höher werden, wird die umgebende Freifläche grösser, was sehr zu begrüssen ist.»

Hochhäuser scheinen mehr denn je hauptsächlich der Gestaltung und Identifikation einer Stadt zu dienen. Dabei sei nicht primär die Anzahl entscheidend, sondern der zentrumsnahe Standort und das Zusammenspiel der einzelnen Hochhäuser, sagt Maik Neuhaus, der bei Halter Entwicklungen als Gesamtprojektleiter für das Limmatfeld fungiert. So habe Dietikon bereits eine Skyline. «Mit weiteren, gezielt platzierten und geplanten Hochhäusern werden die Wichtigkeit und die Standortwettbewerbsfähigkeit des Bezirkshauptortes ausgebaut», hält Neuhaus fest. Das Limmatfeld-Hochhaus werde sich dabei einfügen in die «Hochhaus-Perlenkette» zwischen Zürich und Baden.

Dass sich Hochhäuser in den Zentren und entlang den Bahnlinien konzentrieren, ist natürlich kein Zufall. «Hochhäuser gehören in die Stadt und in die zentrumsnahen Gebiete», betont der Dietiker Stadtarchitekt Jung. In den 1960er- und 1970er-Jahren seien Hochhäuser vielerorts «auf die grüne Wiese» gesetzt worden. Dem wollten städtische Richtlinien zur Planung nun entgegenwirken. So werde jedes Projekt nicht nur einzeln, sondern auch in Abstimmung mit dem städtebaulichen Kontext geprüft. Denn: «Hochhäuser setzen Akzente; sie bezeichnen wichtige Orte in einer Stadt», sagt Jung.

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