Limmattaler Sport

Das Alter hält sie nicht züruck: «Ich gehe heute noch in den Spagat»

Angespannt bis in die Zehenspitze: Die Kunstturnerin Emmi Schmid-Schubiger in Weiningen.

Angespannt bis in die Zehenspitze: Die Kunstturnerin Emmi Schmid-Schubiger in Weiningen.

Seit 50 Jahren trainiert die 73-jährige Emmi Schmid-Schubiger Kunstturnerinnen in Weiningen. 1966 nahm sie als erste Schweizerin an Weltmeisterschaften teil.

Emmi Schmid-Schubiger trägt einen schwarzen Traineranzug, weisse Sneakers und hält ein Handy in der Hand. Darauf zeigt die 73-jährige Kunstturnerin in der Turnhalle des Oberstufenschulhauses in Weiningen ein Slow-Motion-Video, in dem sich eine Kunstturnerin in Zeitlupe über die Stange schwingt. «Die Schultern hätten viel früher kommen müssen», moniert sie. Seit 50 Jahren trainiert sie Kunstturnerinnen in Weiningen. Im Interview erklärt sie, wie sich das Kunstturntraining veränderte und was sie von den Mädchen erwartet.

Seit 50 Jahren trainieren Sie Jugendliche. Was hat Sie in dieser Zeit motiviert, immer weiterzumachen?

Emmi Schmid-Schubiger: Es war gar nicht geplant, dass ich Trainerin werde. Das Kunstturnen ist einfach meine Leidenschaft.

Wie hat sich das Kunstturnen in den letzten Jahrzehnten verändert?

Der Boden ist heute ein Springboden, der die Turnerinnen höher hüpfen lässt. Wir trainierten noch auf einem Teppich. Auch die Barren und Holmen, die neu rund sind, sind heutzutage anders. An den Wettkämpfen dazumal hatten wir noch keine so dicken Matten. Zudem waren früher Pflicht und Kür beides ein Muss. Heute kann man wählen. Andererseits verlangt man heute noch mehr von den Sportlerinnen.

Welche Anforderungen stellen Sie an die Mädchen, die zu Ihnen ins Training kommen wollen?

Eine Bedingung ist, dass sie das Eigengewicht halten können. Insgesamt merkt man schnell, ob die Mädchen die Leidenschaft haben. Wenn sie schnuppern kommen und immer auf die Uhr schauen, dann weiss man, es passt nicht.

Die Mädchen kommen viermal pro Woche zu Ihnen ins Training. Welche Erfolge haben Sie verzeichnet?

Ich habe immer wieder Turnerinnen, die es bis ins Kader schafften. Diejenigen, die regelmässig kommen, haben es zu etwas gebracht. Sie hängen nicht auf der Strasse rum. Sie sind auch beruflich erfolgreich.

Und was ist Ihr persönlicher, grösster Erfolg?

Der grösste Erfolg ist, dass mir niemand künden kann. (lacht) Ich bin wohl die einzige Trainerin, der niemand künden kann. Aber das ist wahrscheinlich deshalb, weil ich ein Butterbrot verdiene. Einem solchen Idealisten wie mir kündet man nicht. Ein weiterer Erfolg ist, dass wir bis jetzt nie eine grössere Verletzung hatten.

Wie war es für Sie, als Sie auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere mangels Förderung aufgeben mussten?

Als ich 1968 nicht an die Olympischen Spiele durfte, war das schlimm für mich. Kunstturnen war und ist meine Leidenschaft, ich verdiente nichts dabei. Im Gegenteil: Ich ging als Keramikmalerin arbeiten, damit ich turnen konnte. Wenn die Eltern in die Ferien gingen, dann blieb ich in der Halle.

Welchen Vorurteilen begegneten Sie damals?

Die ganze Situation war auch eine politische Angelegenheit. Die verantwortlichen Frauen des Sportvereins kamen mich beobachten und sagten, ich solle eher Breiten- als Spitzensport betreiben. Sie sagten, sie hätten Angst um mein Becken, dass ich so keine Kinder bekommen könnte.

Eine unbegründete Sorge ...

... Heute habe ich drei Söhne und bereits drei Enkel. Eine davon ist bei mir im Training. Doch ich behandle sie gleich wie alle anderen.

Was wollen Sie Ihren Mädchen im Training mitgeben?

Ich möchte, dass sie einen guten Körper haben, dass alles kompakt ist. Es gibt ganz viele Menschen, die nicht wissen, welche Muskeln sie haben. Es bringt nichts, wenn du nur den Kopf weiterentwickelst und körperlich eine Ruine bist. Das gehört zusammen.

Das haben Sie bis heute auch selbst so gehalten.

Ja, gestern rollte ich einen riesigen Eimer durch den Garten. Das war anstrengend. Es gehört aber auch zu dem, was ich weitergeben will: Man gibt nicht einfach auf. Die Mädchen lernen, weiterzumachen, auch wenn es schwer ist. Wenn sie es schaffen, ist ihre Freude jeweils riesig. Das sieht man den Augen an.

Sie sind 73 Jahre alt und trainieren immer noch. Wie lange wollen Sie noch weitermachen?

Solange mir nichts wehtut, mache ich weiter. Ich gehe tatsächlich heute noch in den Spagat, ohne dass ich Schmerzen kriege.

Haben Sie ein Vorbild?

Ich war nie ein Fan von Fussballmannschaften oder Ähnlichem. Ich freue mich immer, wenn es im Sport wieder Überraschungen gibt.

Wie entspannen Sie sich?

Wenn ich im Garten das Unkraut ausreisse. (lacht) Ich kann schlecht stillsitzen. Als ich als Kind zu den Grosseltern in die Ferien ging, musste ich Brötchen in der Bäckerei holen gehen. Ich sollte jeweils nicht rennen, doch das konnte ich nicht. So rannte ich und wartete danach vor der Türe, bis ich dachte, nun ist es wohl so weit, dass ich reingehen kann. Ich war einfach ein bisschen wild.

Sind Sie das immer noch?

Ich finde es schön, mit den Kindern zu trainieren. Insgesamt bin ich pro Woche 16 Stunden in der Halle. Manche Stunden trainiere ich sie auch bei mir zu Hause. Ich habe in diesen Jahren jeweils rund 20 Mädchen. Im Moment sind es 15, aber es haben sich schon wieder drei weitere angemeldet.

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