«Wir wollen alles, und zwar subito» war ein Slogan der Zürcher Jugendbewegung in den frühen 80er-Jahren. Die Aktivisten sind älter geworden. Sie haben gelernt, dass sie durch Verhandlungen nicht alles, aber einiges erreichen können. Zum Beispiel mehr günstigen Wohnraum. So reisten gestern Aktivisten des Vereins Noigass zum SBB-Hauptsitz nach Bern, um die SBB-Spitze aufzufordern, in Zürich mehr gemeinnützigen Wohn- und Gewerberaum zu bauen.

Anlass ist die geplante Entwicklung des SBB-Areals Neugasse im Zürcher Kreis 5 zwischen dem Bahngleis und der Josefwiese. Dort wollen die SBB bis im Jahr 2025 Wohnungen für 900 Personen sowie Gewerbe- und Grünflächen erstellen. Ein Drittel der Wohnungen soll von Genossenschaften gebaut werden. So haben es die SBB mit dem Zürcher Stadtrat ausgehandelt. «Danke, aber wir wollen 100 Prozent», sagt nun der Verein Noigass mit seiner von über 8000 Personen unterschriebenen Petition.

"Früher hätten wir jetzt erst mal einen Joint geraucht"

Morgens um zehn nehmen die Vereins-Aktivisten im Zug nach Bern Platz. Sie verstauen ihre Transparente und Schachteln mit den Unterschriften, die sie SBB-Immobilienchef Jürg Stöckli übergeben werden. Dann zücken sie Handys und einen Laptop, um sich auf das Treffen vorzubereiten. «Früher hätten wir jetzt erst mal einen Joint geraucht», sagt einer von ihnen lachend. Jetzt sind hier Profis in Sachen gemeinnütziger, also nicht-renditeorientierter Wohnungsbau unterwegs.

Zum Beispiel Res Keller. Der Präsident des Vereins Noigass hat in Zürich in den 90er Jahren die Genossenschaft Dreieck und in den 00er-Jahren die Genossenschaft Kalkbreite mit aufgebaut. In den 80ern war er bei der Besetzung der Häuser am Stauffacher dabei. Jetzt sagt der 58-Jährige: «Wir wollen, dass die SBB das Areal an der Neugasse der Stadt Zürich verkaufen, damit dort zu 100 Prozent gemeinnütziger Wohn- und Gewerberaum entsteht.» Es sei besser, jetzt zu verhandeln, da noch Zeit für Projektänderungen sei, als auf ein Referendum zu setzen.

SP zeigt Bereitschaft für Referendum

Die SP, stärkste Partei in Zürich, hat ihre Bereitschaft für ein Referendum bereits durchblicken lassen. Und das Zürcher Stimmvolk hat 2011 klar entschieden, dass der Anteil gemeinnütziger Wohnungen in der Stadt von einem Viertel auf ein Drittel steigen soll.

Im Abteil nebenan sitzt Evtixia Bibassis, Sprecherin des Vereins Noigass. Die 46-Jährige arbeitet an einer Dissertation über Stadtentwicklung. «Ich habe die Gentrifizierung im Zürcher Kreis 4 erforscht, als noch kaum jemand von Gentrifizierung sprach», sagt sie. Die Bodenpreise im Langstrassenquartier seien in den letzten Jahren massiv angestiegen, Wohnraum für Einkommensschwache oft zu teuer geworden.

Dazu beigetragen habe der Stadtteil Europaallee, den die SBB zwischen dem Gleisfeld beim Hauptbahnhof und dem Kreis 4 inzwischen fast fertig gebaut haben. «Stoppen kann man die Gentrifizierung nicht. Aber man kann dafür sorgen, dass die Durchmischung besser ist», sagt Bibassis. Und fügt an: «Alle sollten sich zentrales Wohnen leisten können.» Eine gute soziale Durchmischung sei volkswirtschaftlich am nachhaltigsten.

Beim SBB-Immobilienchef

Ankunft in Bern. Das Trüppchen vom Verein Noigass bringt sich vor dem SBB-Hauptsitz in Position: Auf den Unterschriftenschachteln ist eine Spielzeug-Dampfmaschine montiert, Trockeneis-Schwaden untermalen die Szene. «Wir wollen Ihnen Dampf machen», sagt Noigass-Präsident Keller, als SBB-Immobilienchef Stöckli zur Petitionsübergabe erscheint. Stöckli zeigt sich gesprächsbereit. «Wohnen ist uns ein wichtiges Anliegen», sagt das Mitglied der SBB-Konzernleitung. Der Immobilienchef verweist auf die derzeit 1700 Genossenschaftswohnungen auf SBB-Arealen.

Gefragt, ob ein Verkauf des Neugass-Areals an die Stadt Zürich eine Option sei, winkt er ab: «Nein. Ein Verkauf an die Stadt steht für uns nicht im Fokus.» Die SBB hätten vom Bundesrat den Auftrag, mit ihren Immobilien die Sanierung ihrer Infrastruktur sicherzustellen. 150 Millionen Franken erbrächten die SBB-Immobilien jährlich zu diesem Zweck. Würden die Immobilienerträge gekürzt, müssten die SBB das Geld anderswo abzwacken.

Sehr durchmischtes Quartier

Was das 30 000 Quadratmeter grosse Neugasse-Areal betrifft, sagt Stöckli: «Das wird ein sehr durchmischtes Quartier.» Auch ein Schulhaus sei geplant. Und die Bevölkerung sei durch ein partizipatives Verfahren mit Workshops in die Planung mit einbezogen. Letzteres lobt auch einer der Noigass-Aktivisten, der nach der Unterschriftenübergabe neben Stöckli steht.

Nach der Rückkehr aus Bern treffen sich die Noigässler beim Zürcher Rathaus wieder. Vor der Gemeinderatssitzung übergeben sie Stadtrat André Odermatt (SP) ebenfalls eine Schachtel mit den gesammelten Unterschriften. «Ich speise das ein. Wir werden mit den SBB darüber diskutieren», sagt Odermatt auf dem Weg ins Parlament. «Aber ein Verkauf des Areals steht eigentlich nicht zur Diskussion. Denn für einen Verkauf braucht es immer auch einen Verkäufer.»

Im Gemeinderat erklären dann Vertreter der SP, AL und Grünen, dass sie das Anliegen des Vereins Noigass unterstützen. «Das Neugasse-Projekt der SBB, so wie es heute skizziert ist, wird wahrscheinlich weder im Gemeinderat noch bei der Stimmbevölkerung mehrheitsfähig sein», meint AL-Gemeinderat Walter Angst.