Geroldswil
Cryptotreff: Wo Männer sich mit Bitcoins gegen die Obrigkeit wehren

Am Cryptotreff diskutieren Männer über die Zukunft und die Gefahren von Digitalwährungen. Sie wünschen sich, selbst über ihr Geld entscheiden zu können, nicht die Regierungen und Zentralbanken.

Kevin Capellini
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Eine weitere Kryptowährung sind die Giracoins. Münzen wie die abgebildeten dienen als Marketingmittel, haben aber keinen Wert.

Eine weitere Kryptowährung sind die Giracoins. Münzen wie die abgebildeten dienen als Marketingmittel, haben aber keinen Wert.

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Die Börsen spielten in den letzten Tagen weltweit verrückt. Vermögen von Rund 4 Billionen Dollar wurden vernichtet. Nach dem dramatischen Kurssturz am Dienstag erholten sich einige Börsenplätze gestern wieder etwas. Schweizer Titel befanden sich weiterhin auf Talfahrt. Speziell von diesen Turbulenzen betroffen waren in den letzten Tagen die Kryptowährungen – allen voran der Bitcoin. Dieser verlor seinen Wert ebenso kometenhaft, wie er ihn gewann. War ein Bitcoin Ende Dezember noch rund 20'000 Dollar wert, so wurde er am Mittwoch nur noch für rund 6000 Dollar gehandelt. Das bescherte vielen Anlegern grosse Verluste.

Doch wie kommt es zu solch einem Hype um eine Währung, die es physisch doch gar nicht gibt? Genau über solche Themen diskutiert der selbstständige IT-Unternehmer Roger Bittel an den monatlichen Vortragsabenden des Cryptotreffs im Hotel Geroldswil. «Mir geht es darum, den Menschen mehr über dieses Thema zu erzählen, ihnen auch etwas die Angst vor kryptischen Währungen zu nehmen», sagt der gebürtige Walliser, der seit über zehn Jahren in Geroldswil lebt.

«Mit Bitcoins kann man schnell viel Geld machen – aber auch wieder verlieren. Investieren sollte man daher nur Geld, auf das man im Notfall auch verzichten kann.» Roger Bittel, Leiter des Kryptotreffs in Geroldswil

«Mit Bitcoins kann man schnell viel Geld machen – aber auch wieder verlieren. Investieren sollte man daher nur Geld, auf das man im Notfall auch verzichten kann.» Roger Bittel, Leiter des Kryptotreffs in Geroldswil

Kevin Capellini

Und so sprechen die vierzig angemeldeten Gäste – es sind ausnahmslos Männer – über die Vorteile und die Zukunft von Internetwährungen. Alle hatten bereits Kontakt mit dem digitalen Geld, führen es in ihrem Portfolio und benützen es auch für den Zahlungsverkehr.

Mit Bitcoins die Welt verbessern

Die alltägliche Nutzung von Bitcoins für Zahlungen sei zentral, damit diese Währungen bekannter und geläufiger würden, sagt Bittel. Denn obwohl diese Währungen in aller Munde seien, würden sie von weniger als einem Prozent der Weltbevölkerung verwendet. «Vielen, die investieren, geht es nur um schnelle Gewinne und Gier. Das ist sehr riskant und rückt den Bitcoin in ein extrem schlechtes Licht.» Um die Kryptowährung bekannter zu machen und zu verbreiten, sei genau dies der falsche Weg. Es sollte viel mehr darum gehen, das Potenzial der Technologie zu verstehen , sagt er weiter.

Viele der anwesenden Gäste sehen im Bitcoin mehr als nur eine Währung, um Onlinetransaktionen durchzuführen. Es geht um viel mehr. «Mit dem Bitcoin können wir die Welt verändern und verbessern», sagt einer der Debattierenden. Denn so gehe die Macht über das Geld von den Zentralbanken und reichen Personen zurück an das Volk, «an die Kleinen», wie er sagt.

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Kryptowährungen sind weltweit in Verwendung.

Bittel bestätigt den Redner. «Die Geldsysteme werden vom Staat kontrolliert. Wird irgendwann wie geplant das Bargeld abgeschafft, hat die Regierung die volle Kontrolle.» So könne jede einzelne Geldtransaktion eingesehen und erfasst werden. «Bei Kryptowährungen ist dies anders. Die Zahlungen sind anonym und können nicht überprüft werden», sagt Bittel. Er fordert: «Wir sollen über unser Geld entscheiden, nicht die Regierungen oder Zentralbanken.»

Aus den Reihen erklingt grösstenteils Zustimmung. Viele der anwesenden Personen stört es, dass das gesamte Finanzsystem von einigen wenigen Grossunternehmen und Regierungen abhängig sei. Eine anonyme, dezentrale Währung sei daher die Zukunft. Den Einwand, dass kryptische Währungen jedoch oft – eben genau wegen dieser Anonymität – für illegale Machenschaften verwendet werden können, lässt Bittel nicht gelten. «Es wurde untersucht, dass maximal drei Prozent aller Bitcointransaktionen für kriminelle Nutzung dient.» Wer krumme Geschäfte machen wolle, könne dies immer noch am einfachsten und schnellsten mit Bargeld tun.

Warum es den Cryptotreff gibt

Doch egal für welche Zwecke: «Mit Bitcoin kann man schnell sehr viel Geld machen», sagt Bittel. Viele Investoren hätten sich darauf fokussiert und seien in kurzer Zeit reich geworden. «Es kann aber auch sehr schnell gehen und man verliert das ganze Geld wieder. Investieren sollte man daher nur Geld, auf das man im Notfall auch verzichten kann», rät Bittel. «Jede Investition ist und bleibt ein grosses Risiko.»

Es sei aus diesem Grund zentral, sich vorher über Kryptowährungen ausreichend zu informieren, bevor Interessenten grosse Investitionen tätigen und Verluste einfahren würden. «Bei all diesen verschiedenen Währungen gibt es enorm viele, die keine Zukunft haben oder nur ein Fake sind, darauf gilt es zu achten», sagt Bittel. Mit dem Cryptotreff versucht er genau dies: Aufmerksamkeit schaffen und Wissen vermitteln.

Kryptische Währungen

Was ist ein Bitcoin und wie wird er verwendet?

Der Bitcoin ist eine virtuelle Währung, bei der es weder Noten noch Münzen gibt, der aber den gleichen Zweck erfüllt wie eine normale Währung. Gegründet wurde die weltweit erste Digitalwährung 2009. Bitcoins sind darum so wertvoll, weil sie nur begrenzt vorhanden sind: Die Obergrenze liegt bei 21 Millionen Bitcoins, die erschaffen werden können. Diese Grenze wird im Jahre 2140 erreicht werden. Bitcoins können online gekauft und in einem digitalen Wallet (englisch für Portemonnaie) aufbewahrt werden. Im Alltag ist die Währung noch nicht auf grosse Akzeptanz gestossen. Es gibt aber – gerade im Onlinehandel – Geschäfte, die ihn als Zahlungsmittel akzeptieren. (KEC)