Coronavirus

Corona erschwert Lehrstellensuche: Langsam wird es ungemütlich ohne Ausbildungsplatz

Viele Geschäfte haben derzeit andere Sorgen als die Besetzung von Lehrstellen.

Viele Geschäfte haben derzeit andere Sorgen als die Besetzung von Lehrstellen.

Der Chef des Berufsbildungsamtes und der Präsident des Gewerbeverbandes sagen, wieso sie die Hoffnung nicht aufgeben sollen.

Für Jugendliche ohne Lehrstelle wird es langsam ungemütlich. Die meisten Bewerbungsgespräche und Schnuppertage sind verschoben oder gestrichen worden. Lehrverträge werden keine ausgestellt. Und wer bereits einen solchen in der Tasche hat, muss womöglich zittern. Einige wissen gar nicht, ob es die Firma, in der sie einen Beruf erlernen wollen, nach dem Lockdown überhaupt noch gibt.

«Die Situation ist beunru­higend», sagt Niklaus Schatzmann, Chef des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamtes. «Es gibt viele Unsicherheiten und wir wissen nicht, ob sie sich in den kommenden Wochen verstärken oder abschwächen.»

Schaut man auf die nackten Zahlen, sieht es zunächst nicht ganz so dramatisch aus. Mit 7800 besetzten Lehrstellen per Ende März sind die aktuellen Werte sogar besser als im Vorjahr (7650 per Ende März). «Aber diese Statistik täuscht», sagt Schatzmann. Vor einem Jahr seien zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht alle Lehrverträge erfasst gewesen.

Glücklicherweise seien viele Lehrverträge noch vor der Corona-Krise unterschrieben worden – vor allem in den grossen Branchen und bei den attraktiven Berufen. «Aber seit dem Lockdown läuft fast nichts mehr.» Das sei verständlich. Viele Betriebe hätten andere Sorgen. «Manche Firmen haben derzeit keine Ressourcen für Rekrutierungen – oder dann muss sich der Berufsbildner oder die Berufsbildnerin anderen Aufgaben widmen.» Es gebe Unternehmen, die bereits signalisiert hätten, dieses Jahr keine Lehrlinge auszubilden.

Für Bewerbungsgespräche und Rekrutierungen bliebe auch dann wenig Zeit, wenn der Bundesrat die Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie ab Ende April lockern würde. In der Regel müssen Lehrverträge bis Mitte August unterschrieben werden.

Frist wegen Notstand verlängern

Schatzmann könnte sich angesichts der aussergewöhnlichen Lage vorstellen, diese Frist zu verlängern. Das hiesse jedoch, dass ein Teil der angehenden Lernenden zwischen Sommer- und Herbstferien arbeitslos wäre. «Eine Möglichkeit wäre, diesen Jugendlichen Alternativen anzubieten, damit sie zumindest schulisch nichts verpassen.» Für jene, die noch keinen Vertrag in Aussicht haben, könnte sich Schatzmann schulische Auffanggefässe und spezielle Angebote für die Lehrstellensuche vorstellen.

Schatzmann geht davon aus, dass auch trotz solcher Szenarien die Zahl der Anmeldungen für das 10. Schuljahr zunehmen wird. «Wie wir damit umgehen, müssen wir noch klären.» Aber es sei bestimmt besser, wenn möglichst viele Jugendliche noch in diesem Jahr eine Berufslehre beginnen – sonst verstärke man bloss die Lehrstellenproblematik im kommenden Jahr.

Der Entscheid des Kantons Zürich, auf die mündliche Gymiaufnahmeprüfung zu verzichten, sei auch vor diesem Hintergrund entstanden. «Diese Jugendlichen haben nun eine Anschlusslösung und nehmen deshalb niemandem eine Lehrstelle weg.»

Diskutiert wird auch über die Lehrabschlussprüfungen. In manchen Branchen – etwa in der Gastronomie oder in der Coiffeur- und Kosmetikbranche – ist es schwierig, praktische Arbeiten durchzuführen. Am Donnerstag hat sich die Zürcher Bildungsdirektorin und Präsi­dentin der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), Silvia Steiner (CVP), mit Wirtschaftsvertretern und Bundesrat Guy Parmelin (SVP) getroffen. Steiner plädierte für eine landesweite Lösung und dafür, dieses Jahr auf den praktischen Teil der Abschlussprüfungen zu verzichten. Wirtschaftsvertreter wehrten sich dagegen.

Einig ist man sich darin, die schulische Prüfung auszulassen und stattdessen nur die Erfahrungsnote zu berücksichtigen. «Das ist eine stabile Note, die alle Lehrjahre berücksichtigt», sagt Schatzmann. Bei den praktischen Prüfungen hat das Spitzentreffen nun einen Kompromiss gefunden. Branchen, in denen die Einhaltung der Hygiene- und Abstandsvorschriften möglich ist, sollen eine prak­tische Prüfung durchführen können. Wo das schwierig ist, werden stattdessen betriebliche ­Erfahrungsnoten beigezogen – ­ basierend etwa auf Bewertungen von überbetrieblichen Kursen und Bildungsberichten.

«Wir brauchen die Lernenden»

Werner Scherrer, Präsident des KMU- und Gewerbeverbandes Kanton Zürich sowie des Zürcher Lehrbetriebsverban­des ICT, findet das eine gute und pragmatische Lösung. «Ein Goldschmied sollte beispielsweise seine praktische Prüfung im Betrieb virenfrei durch­führen können.» Und dort, wo es schwieriger sei, habe man ja nun eine Alternative. Jetzt sei es an den einzelnen Berufsver­bänden, zu entscheiden, welche Variante sie bevorzugen.

Scherrer ruft die KMU dazu auf, die Lehrstellen trotz Schwierigkeiten zu besetzen. «Wir brauchen die Lernenden.» Es sei wichtig, möglichst bald wieder den Normalzustand zu erreichen. Gefragt sei nun Kreativität. «Bewerbungsgespräche kann man auch per Videochat durchführen. Das persönliche Treffen holt man dann eben nach.» Lehrverträge könnten auch nach den Sommerferien noch unterschrieben werden. Sein Appell an die Jugendlichen, die noch ohne Lehrvertrag dastehen: «Lasst euch nicht entmutigen. Bleibt dran und bewerbt euch.»

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