Bühne
Cabaret Rotstift Reloaded: Die Liebe zum Absurden hat sie vereint

In seiner neusten Produktion huldigt Christian Jott Jenny einem Schlieremer Kulturgut: dem Cabaret Rotstift. Bis er Jürg Randegger davon überzeugen konnte, mitzumachen, dauerte es aber.

Bettina hamilton-Irvine
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Christian Jott Jenny (36) war sieben Jahre alt, als er zum ersten Mal ein Rotstift-Programm sah. Nun steht er gemeinsam mit Jürg Randegger (80) auf der Bühne.

Christian Jott Jenny (36) war sieben Jahre alt, als er zum ersten Mal ein Rotstift-Programm sah. Nun steht er gemeinsam mit Jürg Randegger (80) auf der Bühne.

Matthias Heyde

Eigentlich wollte Jürg Randegger nie mehr zurück auf die Bühne. Auf die Frage, ob er das Scheinwerferlicht nicht vermisst habe, verwirft er die Hände: «Überhaupt nicht.» Sonst hätte er nicht so lange gezögert, sich für die Produktion «Rotstift Reloaded» zur Verfügung zu stellen, sagt er. Tatsächlich zierte sich Jürg Randegger, ehemaliger Rotstift und kürzlich 80 Jahre alt geworden, fast zwei Jahre lang, bis er zusagte. Doch nun strahlt er: «Das wird eine gute Sache.»

Die gute Sache war Christian Jott Jennys Idee. Das 36-jährige Zürcher Multitalent – er ist klassisch ausgebildeter Sänger, Schauspieler, Comedian, Vorsteher des Zürcher Amts für Ideen und Direktor des Jazz-Festivals in St. Moritz – hat in den letzten Jahren schon drei musikalische Produktionen ins Leben gerufen, die zelebrieren, was sich als Zürcher Kulturgut umschreiben lässt: «Z’Abig hät Züri en Zauber», eine Hommage an alte Zürcher Lieder, «Der kleine schwarze Niederdorf-Hecht», ein Liederabend über Paul Burkhard und «Euse Rainer chönnt das au», zu Ehren von Margrit Rainer.

Da haben sich Zwei gefunden

Und nun also die Rotstifte. Für Christian Jott Jenny waren die kabarettistischen Schlieremer Lehrer ein Teil der Kindheit: «Ich gehöre wohl zur letzten Generation, die noch obligatorisch mit Cabaret Rotstift im Haushalt aufgewachsen ist», sagt er. Er war sieben Jahre alt, als er das erste Mal mit seiner Mutter ein Rotstift-Programm besuchen durfte. «Muess das sii?» sei das gewesen, erinnert er sich und fängt an zu singen. Jürg Randegger schnippt mit den Fingern, stimmt ein, sie singen ein paar Takte, lachen.

Wenn man die beiden so sieht, wie sie vor dem Millers Studio in Zürich, wo am 9. April die «Reloaded»-Premiere stattfinden wird, in der Sonne sitzen und mit den Fingern schnippen, dann kann man nicht anders, als zu denken: Da haben sich zwei gefunden. Auch wenn fast zwei Generationen zwischen ihnen liegen.
Christian Jott Jenny sagt, auch er habe eine Weile lang gezögert, ob er das Projekt Rotstift wirklich angehen solle. Doch irgendwann sei er in St. Moritz auf einem Hügel gestanden und habe sich gedacht: «Wir müssen das jetzt machen, sonst ist es irgendwann zu spät.» Zurück in Zürich schickte er Jürg Randegger, den er schon seit rund 20 Jahren kennt, von seinem Amt für Ideen aus eine «Verfügung», wie er grinsend erzählt: «Und er hat Folge geleistet.» Kurz darauf sassen sie in der Amtsküche zusammen und rauchten Zigarren. «Das war fast wie früher beim Cabaret Rotstift», sagt Jürg Randegger. Nicht nur deshalb war er plötzlich Feuer und Flamme: «Mir gefiel die Idee des Stücks. Sie ist so herrlich absurd.»

Das ist sie tatsächlich. Und gleichzeitig habe sie etwas sehr Realistisches, sagt Christian Jott Jenny: Der Kern der Handlung sei die Einweihung eines Schlieremer Kreisels. Der Vizepräsident der Kulturkommission Schlieren habe ihn und seine Musiker engagiert, damit sie «ein paar trümmlige Nummern» spielen. Weil der Kreisel auf den Namen «Cabaret Rotstift» getauft wird, ist Jürg Randegger als Ehrengast eingeladen. Und wie das halt so ist mit Rentnern, die nicht mehr viel zu tun haben, erscheint er zu früh. Dies wiederum überfordert den Vizepräsidenten der Kulturkommission, gespielt von Andreas Mattli, dem dritten im Bunde, heillos. «Es ist viel Selbstironie dabei», sagt Jürg Randegger.

Keine Nostalgie-Veranstaltung

Durchaus etwas selbstironisch mutet es auch an, dass der 80-jährige Rentner im Stück sich selber als 80-jährigen Rentner spielt. Unweigerlich erinnert man sich an den berühmten Rotstift-Sketch «Die Zähtuusigscht», bei dem Jürg Randegger, Heinz Lüthi und Werner von Aesch sich selber spielen, wie sie im hohen Alter noch immer auf der Bühne stehen, mittlerweile aber schwerhörig und senil, weshalb sie immer wieder den Text vergessen.

Hat er keine Angst, dass die Zuschauer, nun, da er tatsächlich im hohen Alter nochmals auf der Bühne steht, die Verbindung dazu machen? «Das wäre doch wunderbar», sagt er und lacht. Schliesslich sei «Die Zähtuusigscht» sein Lieblingssketch. Aber, betont er, den Text behalten, das könne er also noch.

Die einzige Gefahr, sagt Jürg Randegger, sei wohl, dass das Publikum das neue Stück besuche mit der Erwartung, all die alten Sprüche aus den Rotstift-Zeiten wieder zu hören. «Uns war von Anfang an klar: Das Ganze soll keine reine Nostalgie-Veranstaltung werden», sagt Christian Jott Jenny. Zudem gebe es gewisse Nummern, wie der berühmte «Skilift», die man heute einfach nicht mehr bringen könne. Er habe bewusst nach Nummern gesucht, die nach wie vor eine gewisse Gültigkeit hätten – oder die man im Gegenteil besonders gut ad absurdum führen könne. So taucht in der neuen Version des bekannten «Morgerot»-Lieds, in dem «de Fritzli siis Büsi z totschlaat» nun plötzlich Carlos auf, der aktuell wohl berühmteste straffällig gewordene Jugendliche der Schweiz. Ein paar der klassischen Sprüche der Rotstifte dürfen aber trotzdem nicht fehlen. «Sie kommen vor, aber in einem anderen Kontext», sagt Christian Jott Jenny.

Ein Hoch auf Schlieren

Das Stück kann aber auch mit ruhigen, poetischen Momenten aufwarten. So zum Beispiel, wenn die Truppe ein Lied der «Schlieremer Chind» singt, die der 2008 verstorbene Rotstift und Schlieremer Lehrer Werner von Aesch gegründet hat. «Dort wird es richtig melancholisch», sagt Christian Jott Jenny. Begleitet wird das Ganze von Jennys Hausband, dem Zürcher Staatsorchester – das für die Rotstift-Produktion aber flugs zum Schlieremer Staatsorchester wurde. Dass Schlieren als Geburtsort der Rotstifte der Ort des Geschehens sein müsse, sei keine Frage gewesen, sagt Jenny. Jürg Randegger, der übrigens selber nie in Schlieren, sondern in Zürich Schule gab, nickt. Und was mussten die Musiker tun, um sich mit dem Schlieremer Titel schmücken zu dürfen? Das sei ganz einfach gewesen, sagt Christian Jott Jenny: «Eine Runde im 31er-Bus fahren.»

Lesen Sie hier über die Geschichte des Cabaret Rotstift.