Fussball
Brisantes Urteil: Für Fussball-Junioren zu zahlen ist illegal

Ein Paukenschlag aus Lausanne lässt im Amateurfussball aufhorchen. Der Internationale Sportgerichtshof hält fest, dass die Ausbildungsentschädigung für Nachwuchsspieler widerrechtlich ist. Eine Frage neben vielen: Können Vereine Geld zurückfordern?

Raphael Biermayr
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Zwischen Amateurvereinen fliesst in Zukunft kein Geld mehr für Junioren.

Zwischen Amateurvereinen fliesst in Zukunft kein Geld mehr für Junioren.

Raphael Biermayr

Folgendes hat sich kürzlich zugetragen: Ein D-Junioren-Torhüter zieht mit seiner Familie von Zürich nach Oetwil. Die Eltern wollen, dass er von Avellino Zurigo (4. Liga) zum FC Oetwil-Geroldswil (3. Liga) wechselt.

Die Limmattaler bemühen sich beim Stammklub um einen kostenlosen Übertritt. Dieser pocht aber auf die Ausbildungsentschädigung, die nach dem Reglement des Schweizerischen Fussballverbands SFV in diesem Fall 600 Franken beträgt.

Der FCOG akzeptiert das nicht, richtet eine Stellungnahme an den Verband mit dem Verweis auf das Wohl des Kindes sowie die Verhältnismässigkeit - und scheitert. Zu den 600 Franken gesellen sich Verfahrenskosten von 300 Franken.

Macht 900 Franken für einen 13-jährigen D-Junioren-Torhüter der 2. Stärkeklasse. Dem Jungen bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder, er spielt weiter für Avellino. Oder er setzt zwei Jahre lang aus, bevor ihn der FC Oetwil-Geroldswil neu beim Verband anmelden kann.

Profiklubs müssen weiterhin zahlen

Einen Fall wie diesen wird es künftig nicht mehr geben. Der Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne hat ein Urteil gefällt, das fast jeden Fussballverein in der Schweiz betrifft. Die Klubs wurden gestern vom SFV darüber informiert, dass die Ausbildungsentschädigung im Amateurbereich per sofort aufgehoben ist.

Das heisst: Ein Verein, der nicht das sogenannte Ausbildungslabel des SFV trägt - neben den Super- und Challenge-League-Vereinen sind das einige andere Grossklubs wie zum Beispiel der FC Baden -, muss künftig nicht mehr für den Transfer eines Spielers im Alter vom 12. bis zum 23. Geburtstag zahlen. Im Frauenbereich, der zum Amateurlager gezählt wird, fällt die Ausbildungsentschädigung ganz weg.

Persönlichkeitsrechte eingeschränkt

Den Stein ins Rollen gebracht hat ein Waadtländer 3.-Liga-Verein, der mit der Unterstützung der Eltern eines Juniors, für dessen Transfer die Entschädigung geltend gemacht wurde, am CAS Klage eingereicht hatte.

Gemäss Robert Breiter, Stellvertretender Generalsekretär und oberster Jurist des SFV, begründe das Gericht sein Urteil vor allem mit den eingeschränkten Persönlichkeitsrechten der Spieler.

Das ist vergleichbar mit dem berühmten Bosman-Urteil im bezahlten Fussball: 1995 entschied der Europäische Gerichtshof, dass Profis nach dem Auslaufen des Vertrags ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln dürfen und dass die Personenfreizügigkeit auch im Fussball Anwendung findet.

Können Vereine Geld zurückfordern?

Das aktuelle Urteil bedeutet auch, dass die 16 Jahre währende Praxis der Ausbildungsentschädigung rechtlich nie abgesichert war. Richtet sich der Schweizer Fussballverband auf eine Klagewelle mit Rückforderungen für erhobene Zahlungen ein? «Wir rechnen nicht damit», sagt Jurist Breiter. Bislang galt schliesslich: wo kein Kläger, da kein Richter.

Angst vor Plünderungen

In Fällen wie dem eingangs erwähnten ist das Urteil aus Lausanne ein Segen. Doch es birgt auch Gefahren. Für die zahllosen kleinen Ausbildungsvereine in Gegenden abseits der Ballungszentren, die Jahr für Jahr talentierte Spieler nur schon an den nächstgelegenen 2.-Liga-Verein verlieren, war die Ausbildungsentschädigung immerhin etwas Lohn für die Mühen.

Darüber hinaus wird Vereinen in die Hand gespielt, die kaum eigene Junioren ausbilden und jetzt für das Bedienen bei anderen Klubs nicht mehr zahlen müssen. Im Gegenteil: Es ist sogar Geld übrig, um Junioren und Eltern zu ködern, was durchaus vorkommt. Ein gängiges Szenario ist auch das Abwandern eines Trainers, der nun - abgesehen von den Übertrittsfristen - ungehindert seine Lieblingsspieler zum neuen Verein mitnehmen kann.