«Der Computer wird das Buch nie ersetzen», sagte Gisela Pruin, ehemalige Leiterin der Gemeinde- und Schulbibliothek Oberengstringen, im Jahr 2003 in einem Interview mit der Limmattaler Zeitung. Sie war Mitarbeiterin der ersten Stunde, als die Bibliothek 1979 im Rebbergschulhaus unter der Leitung von Dorothee Naef gegründet wurde. Zwei Jahre später wechselte man ins Zentrum, und im April 1990 löste Pruin Naef ab. Sie betonte im erwähnten Interview ebenso, dass Menschen wohl kaum mit dem Computer in die Ferien reisen würden.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Aus den Kisten wurden Smartphones oder E-Reader, leichter und praktischer als so mancher Schinken. Aber Pruin sprach damals wie heute vielen Buchliebhabern aus dem Herzen, als sie ebenso sagte, dass das herkömmliche Lesen eine bestimmte Art von Lebensgefühl beinhalte.

Der Begegnungsort im Zentrum

Das weiss man bis heute in der Oberengstringer Bibliothek, die gestern ihr 40-jähriges Bestehen feierte. «Ein Buch in der Hand zu halten, ist ein besonderes Erlebnis», sagte Brigitte Spiess, die heutige Leiterin. Sie übernahm 2003 die Nachfolge von Pruin und erlebte mit ihren Mitarbeiterinnen seither den Wandel der Zeit. Zählte man bei der Eröffnung noch 5532 Bücher, 100 Spiele, 260 Kassetten und 12 Zeitschriften, zeigt sich heute freilich ein anderes Bild. Bücher aller Art dominieren allerdings immer noch. «Wir zählen heute an die 12 000 Medien, davon sind über 10 000 Printmedien», sagte Spiess.

Das klassische Buch habe also noch lange nicht ausgedient. Aber: Die Kundschaft hat zudem automatisch Zugriff auf die E-Medien der Digitalen Bibliothek Ostschweiz – das sind Tausende Medien. «Das traditionelle Ausleihen nimmt dadurch natürlich ab», so Spiess.

In Oberengstringen zählt man heute laut Spiess 856 Kundinnen und Kunden. Darunter sind viele junge Leserinnen und Leser, die bis zur Volljährigkeit kostenlos vom Sortiment profitieren können. «Bei uns finden Kinder und Jugendliche auch einen Ort, um Aufgaben zu machen oder einfach zu verweilen. Und wir bieten auch Lektionen oder Präsentationen an», sagte Spiess. Auch Erwachsene sind treue Kunden. «Beliebt sind besonders Krimis und generell Neuheiten.»

Heute versteht sich die Bibliothek zunehmend als Begegnungsort. «Lieh man sich früher nur ein Buch aus, so geht es heute viel offener zu und her», sagte Spiess. Nicht umsonst hat sich die Kaffee-Ecke seit Jahren bewährt. Das war nicht immer so: Vor fast 20 Jahren wurde die Bibliothek in dieser Zeitung als «praktisch» bezeichnet. Das hauptsächlich wegen der günstigen Lage, aber auch, weil damals die Abteilungen «Reiseliteratur» und «Psychologie» hoch im Kurs standen.

Der Löwe in der Bibliothek

Die 40 Jahre wurden in Oberengstringen gebührend gefeiert. Dies nicht trotz, sondern auch dank der digitalen Medien. «Online-Medien werden immer beliebter und können für die Bibliothek eine Bereicherung sein», sagte Spiess.

Am Jubiläumsanlass setzte man aber auf eine klassische Lesung mit Live-Musik: Der Schlieremer Schauspieler Peter Kner und der Musiker Dani Solimine aus Oberengstringen sorgten immer zur vollen Stunde für musikalisch-literarische Impressionen in der Galerie, wo auch der Oberstufenbereich untergebracht ist.

Auf dem Programm standen die Bücher «Der Löwe in der Bibliothek» von Michelle Knudsen, «Tim und das Geheimnis von Knolle Murphy» von Eoin Colfer sowie «Der Schatten des Windes» von Carlos Ruiz Zafón. «Jede der Geschichten hat mit einer Bibliothek zu tun», sagte Spiess. Den Gästen, die rege erschienen, sagte das zu. Zwischen den Auftritten der Künstler bot sich weiter ausreichend Gelegenheit, um durch die Regale zu stöbern und zu schmökern. Eine Bar mit Getränken und leckeren Häppchen rundete den Anlass ab.