Trendforschung
Breitensport im Jahr 2030: Vereine müssen sich neu erfinden

Wollen die Sportvereine überleben, müssen sie sich neu erfinden, sagt Trendforscherin Anja Kirig. In Zukunft kommen die Leute nicht mehr zum Sport, sondern der Sport zu den Leuten.

Heinz Zürcher
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Auch die Sportinfrastruktur muss neu erfunden werden: mobile dreistöckige Anlage der britischen Architektin Amanda Levete.

Auch die Sportinfrastruktur muss neu erfunden werden: mobile dreistöckige Anlage der britischen Architektin Amanda Levete.

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Jeden Mittwoch um 20 Uhr trifft sich der Turnverein XY in der Halle zum Training. Ein bewährtes Ritual. Anja Kirig bezweifelt jedoch, dass dieses Konzept in 15 Jahren noch überall funktioniert. Die deutsche Zukunftsforscherin hat untersucht, wie sich der Breitensport aufgrund der grossen Trends wandeln wird. Gestern hat sie am «Forum Sportkanton Zürich» darüber referiert. Es wird jährlich vom Zürcher Sportamt und dem Kantonalverband für Sport organisiert. In ihrer Studie stellt Kirig Thesen auf, zeigt aber auch, welche Chancen sich den Sportvereinen bieten.

Kirig geht davon aus, dass der Freizeitsportler im Jahr 2030 noch gesundheitsbewusster ist. Er sieht den Sport nicht primär als Spass, sondern als seine Pflicht, um physisch und psychisch fit zu bleiben. Seine Motivation ist eine hohe Lebensqualität, weniger die Konkurrenz oder Leistung. Wobei seine Bemühungen von Arbeitgeber und Krankenkasse unterstützt werden. Und er nutzt technische Hilfsmittel, die ihm beispielsweise bei der Motivation oder dem Aufbau von Trainingsplänen helfen.

Nach Kirigs These ist der Freizeitsportler 2030 nicht mehr bereit, jeden Mittwoch um 20 Uhr in der Turnhalle zu stehen. Wann und wo er Sport betreibt, will er selber bestimmen: Ob an seinem Arbeitsort, unterwegs, daheim oder in einer Halle. Dennoch braucht er das Wir-Gefühl. Er will sich vernetzen, sich über neue Trainingsformen oder seine Fortschritte austauschen. Und er nutzt soziale Plattformen, um sich spontan mit Gleichgesinnten zu treffen.

Der Sport muss zu den Leuten

Die Entwicklung ist schon heute zu beobachten. Doch sie werde sich verstärken, ist Kirig überzeugt. Dabei stellt sich die Frage, ob Sportvereine in 15 Jahren noch eine Daseinsberechtigung haben. Ja, sagt Kirig, aber wahrscheinlich in einer anderen Form. «Jeder Verein sollte sich deshalb überlegen, wo seine Stärken liegen und was er künftig anbieten will.» Eines sei klar: Die Leute kommen nicht mehr zum Sport, der Sport muss zu den Leuten.

"Jeder Verein sollte sich überlegen, wo seine Stärken liegen und was er künftig anbieten will." Anja Kirig, Zukunftsforscherin

"Jeder Verein sollte sich überlegen, wo seine Stärken liegen und was er künftig anbieten will." Anja Kirig, Zukunftsforscherin

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Vereine könnten eine wichtige Rolle in dieser Unterwegskultur spielen, indem sie die Sporttreibenden dort erreichen, wo sie sich aufhalten: in der Schule, am Arbeitsplatz, im Hotel, im Park, im Spital, zu Hause – ja sogar in virtuellen Welten. Dank ihren Erfahrungen und Trainern seien Vereine dazu prädestiniert, diese Dienstleistungen anzubieten, sagt Kirig. Gegebenenfalls müssten sie aber ihre Organisationsform überdenken oder Teile in privatwirtschaftliche Profitbereiche ausgliedern.

Der Urban Sports Club

In Berlin hat beispielsweise der Urban Sports Club ein erfolgreiches Modell entwickelt. Seine Mitglieder haben je nach Tarif unbegrenzten Zugang zu unzähligen Sportangeboten in ganz Deutschland – vom Fitnessstudio über Anlagen für Teamsport bis zu Schwimmbädern und Kletterhallen. Wichtig sei, sagt Kirig, dass sich die Vereine vernetzen. Dass sie kooperieren – mit anderen Sportanbietern, mit der Gemeinde, mit Unternehmen, Gesundheitsanbietern, branchennahen Experten und Szenen.

Die Gesellschaft der Zukunft basiere auf einer offenen Kultur des kollektiven Austausches, sagt Kirig. Das gelte auch für die Kommunikation. Kaum ein Verein werde es sich leisten können, auf soziale Medien zu verzichten: Sei es, um Angebote bekannt zu machen, Mitglieder zu gewinnen oder Projekte anzustossen. Sowieso werde die Digitalisierung und Technologie immer mehr Einzug halten im Sport. So testet etwa der Deutsche Fussballbund schon heute Virtual-Reality-Brillen fürs Training.

Gestaltung der Sportanlagen überdenken

Überdenken werde man auch die Gestaltung der Sportanlagen – gerade in der Stadt, wo der Platz knapp ist. Ein mögliches Modell hat die britische Architektin Amanda Levete entworfen: Eine mobile Anlage mit drei übereinander gelagerten Sportfeldern, die sich schnell und günstig auf- und abbauen lassen. Städte müssten ein Interesse haben, solche Projekte zu fördern, sagt Kirig. Das Sportangebot werde je länger je mehr zum Standortfaktor.

Dasselbe gelte für Firmen. Im Werben um die besten Arbeitskräfte seien sportliche und gesundheitliche Faktoren mitentscheidend. Wieso sollten nicht Sportvereine passende Angebote entwickeln. Mit Blick in die Zukunft müssten die Vereine zudem berücksichtigen, dass viele potenzielle Mitglieder – gerade die Generation der Millennials – einen hohen Anspruch an die soziale Verantwortung hätten. Nebst den Kriterien, ob das Vereinsangebot den eigenen Bedürfnissen entspreche und jederzeit verfügbar sei, werde immer wichtiger, welche Werte er vertrete.