Friedhofdiebstahl
Blumen, Kränze und Engel geklaut – Friedhofsdieben ist gar nichts heilig

Kaum zu glauben, aber offensichtlich wahr: Viele Friedhöfe im Kanton Zürich werden seit Jahren von manchen als Selbstbedienungsläden wahrgenommen. Denn geklaut wird praktisch alles, was nicht niet- und nagelfest ist.

Thomas Münzel
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Auf fast allen Zürcher Friedhöfen kam es zu Diebstählen. Im Bild: Friedhof Sihlfeld. (Symbolbild)

Auf fast allen Zürcher Friedhöfen kam es zu Diebstählen. Im Bild: Friedhof Sihlfeld. (Symbolbild)

Keystone

Ein Ort der Ruhe sind Friedhöfe schon längst nicht mehr. Denn Vandalenakte und nächtliche Partys von Jugendlichen haben in den letzten Jahren vielerorts merklich zugenommen.

Weniger bekannt ist allerdings, dass auf den hiesigen Friedhöfen immer wieder Langfinger unterwegs sind. Kaum eine Gemeinde im Kanton Zürich, die nicht von entsprechenden Vorfällen zu berichten weiss. Friedhofsgärtner sprechen in diesem Zusammenhang von «ganz gezielten Aktionen», aber auch von «Gelegenheitsdieben».

Geklaut wird auf den Fried­höfen in den Zürcher Gemeinden praktisch alles. Gerne «mitgenommen» werden aber insbesondere Blumen, Kränze, Vasen, Laternen, Kerzen und kleine Figuren – vor allem Engel.

Tiefe Hemmschwelle

Auch der Friedhofsleiterin, welche erst seit kurzem in Wetzikon tätig ist, wurden mittlerweile bereits drei Diebstähle gemeldet. «In einem Fall wurde beispielsweise eine teure Orchidee gestohlen, in den weiteren Fällen sind Blumensträusse abhanden gekommen.» Aber aufgrund ihrer früheren beruflichen Erfahrungen weiss sie: «Die Hemmschwelle, Blumen auf dem Friedhof von fremden Gräbern einfach wegzunehmen, ist mittlerweile ziemlich gesunken.»

Zweige von Büschen und Sträuchern auf dem Wetziker Friedhofsareal werden von manchen Besuchern ebenfalls nicht verschont «und als Strauss auf das Grab gestellt», sagt sie.

Mehrere Friedhofsgärtner berichten zudem übereinstimmend, dass es nicht selten vorkomme, dass Angehörige gefällige Blumengestecke oder Kränze eines anderen Grabes stehlen – und auf die letzte Ruhestätte ihres Verstorbenen «zügeln».

Der frühere Klotener Friedhofsgärtner Ewald Frei hatte beispielsweise einmal beobachtet, dass eine ältere Frau acht rote Baccara-Rosen auf das Grab ihres verstorbenen Mannes gelegt hatte. Die Rosen gefielen jedoch auch einem jungen Mann. Kurzerhand schnappte er sich die Blumen und legte sie auf das Grab seiner Mutter. Doch als Frei den Dieb stellte, meinte dieser lediglich: «Das ist doch nicht so schlimm.»

«Unterste Schublade»

Reto Schönbächler, dem heutigen Chefgärtner des Friedhofs in Kloten, ist zudem seit einiger Zeit aufgefallen, dass insbesondere Blumen von bekannten «lokalen Persönlichkeiten» immer wieder verschwinden. Er vermutet dahinter eine Art Racheakt. «Das ist einfach unterste Schublade», kommentiert Schönbächler. Und: «Wir wären sehr froh, wenn wir die Diebe endlich erwischen würden.» Doch das sei fast ein Ding der Unmöglichkeit, da man den Friedhof ja nicht ständig bewachen könne.

Das sieht auch Tanja Meier, die Leiterin des Friedhofs der Stadt Wädenswil, so. Zwar ist der Friedhof in der Seegemeinde «immer offen», doch selbst wenn er geschlossen wäre, würden Diebe wohl immer eine Möglichkeit finden, hineinzugelangen und ihr Unwesen zu treiben. Meier ist vor allem aufgefallen, dass die ungebetenen Gäste «scharf auf Kerzen» seien und insbesondere gerne nach Feiertagen wie Allerheiligen – wenn die Gräber besonders reich geschmückt sind – auf Diebestour gehen.

Auch in den Grossstädten Zürich und Winterthur sind Langfinger-Aktionen auf Friedhöfen kein unbekanntes Problem. «Über das wahre Ausmass der Diebstähle liegen uns jedoch keine Zahlen vor», sagt Rolf Steinmann, Leiter des Bestattungs- und Friedhofamtes der Stadt Zürich. «Wir gehen aber davon aus, dass neben den uns gemeldeten Fällen eine Dunkelziffer besteht, da wohl viele Friedhofsbesucher es als unverhältnismässig erachten, den Diebstahl zu melden oder gar eine Anzeige gegen unbekannt bei der Polizei einzureichen.»

Steinmann weist aber darauf hin, dass es vereinzelt auch zu Missverständnissen kommen könne. «So zum Beispiel dann, wenn unsere Gärtner im Rahmen der Grabpflege ein verwelktes Blumenarrangement entfernen und Angehörige ihrerseits davon ausgehen, dass es gestohlen worden sei.» Zudem: Nicht immer sind menschliche Diebe aktiv. Sowohl in Zürich als auch in Winterthur hat man schon Tiere beim «Klauen» beobachtet. «In einem Waldfriedhof, der zugleich ein Naturreservat ist, verirrt sich auch mal ein Fuchs oder ein Dachs in die Grabreihen», sagt Christian Wieland, Leiter der Stadtgärtnerei Winterthur. «Und Rehe haben eine Vorliebe für frische Rosen.» Deshalb habe man zwischenzeitlich bei den Zugängen Bodenroste eingebaut.

Nein zur Videoüberwachung

Entsprechende Vorkehrungen für Diebe in Menschengestalt gibt es auf den Friedhöfen in den Zürcher Gemeinden jedoch nicht. Auch Friedhöfe, die nachts geschlossen sind und hohe Zäune aufweisen, stellen für viele Langfinger meist kein unüberwindbares Problem dar. In einzelnen Gemeinden schaut die Polizei jedoch nachts auch auf den Friedhöfen immer mal wieder nach dem Rechten. «Ein spezielles Augenmerk auf Diebe und Vandalen hat die Zürcher Sicherheitspolizei», sagt Steinmann über die Situation der 19 städtischen Friedhöfe mit ihren rund 50 000 Gräbern. «Wir begrüssen es sehr, dass sie auf ihren Kontrollgängen durch die Friedhöfe entsprechend Präsenz markieren und so auf ungebetene Gäste abschreckend wirken.»

Dass man, wie zum Beispiel im Nachbarkanton Thurgau, auf Friedhöfen auch Überwachungskameras einsetzt, dafür können sich die Zürcher Bestattungsämter bis heute nicht erwärmen. Obschon dies einzelne Gemeinden in der Vergangenheit zumindest schon mal angedacht haben, empfinden es viele dennoch als unverhältnismässig. «Es wäre aber auch ein falsch gesetztes Zeichen, da wir unsere Friedhöfe ebenso als Begegnungszonen verstehen», erklärt Steinmann.

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