Uitikon

Blick hinter die Kulissen: Ein perfides Beispiel für ein Strafsystem

Im Bild der Innenhof der damaligen Arbeitserziehungsanstalt Uitikon, aufgenommen im Jahr 1972. Ein Pfarrer merkte früh, dass hier vieles nicht optimal ist. Doch in der totalitären, auf die Direktion ausgerichteten Struktur vertrug es einen solchen Pfarrer nicht

Im Bild der Innenhof der damaligen Arbeitserziehungsanstalt Uitikon, aufgenommen im Jahr 1972. Ein Pfarrer merkte früh, dass hier vieles nicht optimal ist. Doch in der totalitären, auf die Direktion ausgerichteten Struktur vertrug es einen solchen Pfarrer nicht

Wie sich eine Vorzeige-Institution zu einer totalitär geführten Anstalt wandeln konnte, zeichnet die Expertenkommission «administrative Versorgungen» anhand der Arbeitserziehungsanstalt Uitikon nach

Mehrere Hundert unterschiedliche Institutionen gab es in der Schweiz, in denen Jugendliche, Frauen und Männer administrativ versorgt wurden. «Mit dem vorübergehenden Ausschluss aus der Gesellschaft kam der Internierung vordergründig die Aufgabe zu, Betroffene ‹nachzuerziehen›, um sie an ein arbeitsames und moralisch unauffälliges Leben zu gewöhnen», schreibt die unabhängige Expertenkommission, die sich mit den administrativen Versorgungen beschäftigte, in ihrem achten Band «Alltag unter Zwang».
Was sich vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis ins Jahr 1981 in den verschiedenen Anstalten abspielte, zeichnet die Expertenkommission anhand von fünf beispielhaft ausgewählten Institutionen im heute erscheinenden Band nach. Dabei wird auch die einstige offene Arbeitserziehungsanstalt in Uitikon untersucht, die heute als Massnahmenzentrum weiter besteht.

Das Schlossgut in Uitikon, das nahe der Kantonshauptstadt, aber in ländlich geprägter Umgebung liegt, wurde bereits 1873 umgenutzt: Dort wurden Personen beiderlei Geschlechts, die von den Behörden als arbeitsscheu und liederlich beurteilt wurden, untergebracht. Zunächst hiess die Institution «Armenhaus mit verschärfter Disziplin», ab 1882 trug sie den Namen «Korrektionsanstalt».

Uitikon galt als Pionieranstalt

1926 übernahm das Gut unter Ägide des Verwalters Fritz Gerber die neue Funktion einer Arbeitserziehungsanstalt für junge Männer im Alter von 18 bis 30 Jahren. Mit dieser Neukonzeption war auch die Idee verbunden, dass die Internierten eine Lehre oder Anlehre absolvieren können. Noch in den ersten Amtsjahren von Gerber wurden – neben dem bestehenden landwirtschaftlichen Gut – die Schreiner- und Schlosserwerkstätten ausgebaut. Uitikon galt dabei lange als Pionieranstalt, wie die Expertenkommission schreibt. Doch entwickelte sich unter dem Direktor, der bis 1957 im Amt war und über lange Jahre auch als Gemeindepräsident Uitikons amtete, ein «teilweise totalitär anmutendes System».
Gerber hatte ein Gruppensystem eingeführt, das auch Progressiv- oder Stufensystem genannt wird. Es brachte den jungen Erwachsenen, die in Uitikon interniert waren, ein grosses Mass an Selbstbestimmung – sofern sie es in die richtige Gruppe schafften.


Zuoberst stand die Kerngruppe. Dieser gehörten ausschliesslich «fortgeschrittene Internierte» an. Aus ihrem Kreis wurden Gruppenchefs bestimmt, welche die übrigen Mitinternierten während der Arbeit, den Freizeitaktivitäten oder den Mahlzeiten beaufsichtigten. Hinzu kamen eine Anfängergruppe für die Neuankömmlinge und eine Aspirantengruppe für bewährte Internierte, die beispielsweise bereits als Tischchef fungieren durften. In eine Zwischengruppe – auch Obsi-Gruppe genannt – fielen jene Internierte, die in der Hierarchie abgestiegen waren und sich erst wieder bewähren mussten.

«Mit diesem selbstverwaltenden progressiven Gruppensystem versuchte Gerber, seinen Anbefohlenen Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein beizubringen», heisst es im Kapitel «Eigendynamik der Selbstverwaltung in Uitikon». Zudem wollte Gerber sie zur Aufrichtigkeit verpflichten. Denn jeder Zögling sei verpflichtet gewesen, der Direktion die Verstösse gegen die Anstaltsregeln, die ein Mitinternierter plante oder beging, zu melden.

Denunziantentum und Heuchelei

Von einem «besonders perfiden Beispiel für ein Straf- und Privilegiensystem» schreibt die Expertenkommission diesbezüglich. Bessergestellte Internierte hätten Aufsichtsfunktionen übernommen und auf Geheiss der Direktion Strafaktionen durchgeführt. Dieses System habe den Nährboden für Denunziantentum, Anpasserei, Heuchelei, Günstlingswirtschaft, Korruption und versteckte Gewalt gebildet, kommt die Expertenkommission zum Schluss. «Ständige allseitige Überwachung und gegenseitiges Misstrauen waren die Folge.» Die institutionellen Strukturen seien in totalitärer Weise auf den Direktor und dessen nahen Funktionsträger ausgerichtet gewesen.

Als weitere Person, die in Uitikon in dieses totalitäre System eingebunden war, wird im neuen Band «Alltag unter Zwang» auch Gerbers Frau genannt, welche eher als Gutsbesitzerin denn als «Hausmutter» aufgetreten sei. So hat sie von 13 bis 15 Uhr jeweils eine Ruhepause benötigt – während dieser Zeit durften in der Umgebung des Schlosses, in den Werkstätten oder auf dem Sportplatz keine lauten Geräusche gemacht werden. Als graue Eminenz wird zudem Werner Fankhauser bezeichnet, der von 1944 bis 1957 in Uitikon als Adjunkt wirkte und mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet war. Er wird als rabiat beschrieben. Ausreisser suchte er beispielsweise mit Mitgliedern der Kerngruppe weit über Uitikon hinaus. In einzelnen Fällen sei diese Suche zu einer Art Treibjagd ausgeartet. Der Adjunkt habe «zu sehr mit Mitteln und Methoden eines Polizeikommissärs» gearbeitet.

Alter Bericht wurde geheimgehalten

Diese kritische Einschätzung erfolgt nicht aus heutiger Sicht. Sie stammt vielmehr aus einer Untersuchung aus dem Jahr 1954. Deren Schlussbericht wurde entgegen den damaligen Ankündigungen nie veröffentlicht; wohl um den altgedienten Direktor zu schützen, wie die Expertenkommission in ihrer Studie heute vermutet.

Die Untersuchung war die Folge eines Konfliktes, der in den 1950er-Jahren öffentlich geworden war. Gemeindepfarrer Hans Freimüller hatte seine Aufgabe in der Anstalt nicht nur als Seelsorge verstanden, sondern arbeitete auch als psychologischer Berater und Psychotherapeut. «In der totalitären, auf die Direktion ausgerichteten Struktur in Uitikon vertrug es offenbar keinen parallel agierenden Pfarrer, der sich auf das Berufsgeheimnis berief und nichts weitermeldete, was ihm von den Insassen anvertraut worden war», schreibt die Expertenkommission. Den Konflikt stuft sie als Widerstreit zweier Schulen ein: «einer hemdsärmeligen, mitunter simplifizierenden Nacherziehung durch Arbeit und Schulen und einer entwicklungspsychologischen Sicht auf Nonkonformität.» Die Untersuchung gab sachlich dem Pfarrer recht. Sie kam zum Schluss, dass der psychiatrische Dienst in der Anstalt ungenügend sei.

Derartige Entwicklungen gab es gemäss Studie der unabhängigen Expertenkommission an verschiedenen Orten; sie verweist auf den Zusammenhang gesellschaftlicher Entwicklungslinien mit der Umsetzung der administrativen Versorgungen. «Ab den 1940er-Jahren wurde vermehrt nach individuellen Bedürfnissen der Betroffenen gefragt», schreibt die Expertenkommission. «Rollen- und schichtspezifische Normen wurden zunehmend hinterfragt.» Zum Ende des Untersuchungszeitraumes im Jahr 1981 seien auf verschiedenen Ebenen Reformbestrebungen und Veränderungsprozesse angestossen worden.
Die Bände 1 bis 6 der Expertenkommission sind im Chronos Verlag im Mai erschienen. Heute Montag werden die Bände 7 bis 9 mit den Titeln «Ordnung, Moral und Zwang. Administrative Versorgung und Behördenpraxis», «Alltag unter Zwang» und «Quellenband» publiziert. Am 2. September folgt der letzte Band, der den Synthesebericht, Texte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie die Empfehlungen der Unabhängigen Expertenkommission enthält.

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