Wann soll der Fremdsprachenunterricht anfangen – und mit welcher Intensität?

Lilo Lätzsch: Das jetzige Setting, dass man neu in der 3. Klasse mit der ersten und in der 5. Klasse mit der zweiten Fremdsprache anfängt, ist nicht zielführend. Eine Studie aus der Zentralschweiz besagt, dass nur 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler die meisten Kompetenzziele erreichen. Das ist ernüchternd. Ebenso ernüchternd ist, dass man mit 19 Lektionen Englisch, verteilt über sieben Jahre, fast das Gleiche lernt wie mit 9 Lektionen, verteilt über drei Jahre, wie eine Studie zu den Kantonen Aargau und Solothurn belegt. Der Aufwand, den man in der Primarschule betreibt, zahlt sich also in der Sekundarstufe nicht aus.

Silvia Steiner: Das sehe ich anders. Für mich belegen die Studien: Je mehr Stunden und je besser die Qualität im Fremdsprachenunterricht, desto besser der Erfolg. Ich habe das Gefühl, dass die Initianten ungeduldig sind und nicht akzeptieren, dass wir punkto Lehrerausbildung und Lehrmittel viele Massnahmen eingeleitet haben, die erst jetzt Wirkung zeigen. Der zweite Punkt ist, dass Kinder, wenn sie jünger sind, sehr spielerisch an die Sprache herangehen. Pubertäre Schülerinnen und Schüler haben mehr Hemmungen, sich auszudrücken und zu reden. Das ist der grosse Vorteil am frühen Sprachenlernen.

Das ist die Theorie. Wie sieht es in der Praxis aus, Frau Lätzsch?

Lätzsch: Vorweg noch ein Detail: Im Komitee gegen die Fremdspracheninitiative habe ich keine einzige Lehrperson gefunden. Im Initiativkomitee hingegen sind sehr viele Lehrpersonen. Im Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband ergab eine Umfrage, dass drei Viertel der Lehrpersonen finden, der Aufwand für zwei Fremdsprachen an der Primarschule stehe in keinem Verhältnis zum Ertrag. Ich bin sehr dafür, dass man spielerisch lernt. Nur: Die Rahmenbedingungen sind nicht darauf angelegt. Der Fremdsprachenunterricht findet in grossen Klassen statt. Ursprünglich hiess es, er würde in kleineren Klassen stattfinden. Und: Wir müssen Noten geben, obwohl wir das klar nicht wollten. So ist der spielerische Effekt verschwunden.

Warum gibt es im Kanton Zürich nach immerhin 13 Jahren bis jetzt keine Studie zu den Resultaten des schulischen Fremdsprachenkonzepts?

Steiner: Das aktuelle System mit den jetzigen Lehrmitteln und Lehrerausbildungen haben noch nicht alle Kinder gleichermassen durchlaufen. Also lassen sich die Resultate noch nicht messen und vergleichen.

Lätzsch: Man hätte, als die ersten Kinder die sechste Klasse erreichten, durchaus schauen können, wie es den Kindern, den Eltern und Lehrern dabei geht – und was man verbessern könnte. Leider ist das nicht passiert.

Steiner: Die Rückmeldungen aus dem Schulfeld zeigen: Die Massnahmen greifen. Tests am Ende der obligatorischen Schulzeit zeigen, dass die Kinder heute besser abschneiden als noch vor wenigen Jahren.

Trotzdem: Sollte man in der Primarschule nicht vor allem darauf achten, dass die Kinder richtig gut Deutsch und Mathematik lernen, statt Lektionen für den Unterricht von zwei Fremdsprachen zu verwenden?

Steiner: In den Stundentafeln haben wir 33 Prozent für Bewegungs- und Gestaltungsfächer, 20 Prozent Deutsch und 9 Prozent Fremdsprachen sowie 19 Prozent Mathe. Das zeigt: Die Idee eines Unterrichts mit Kopf, Herz und Hand wird in der Primarschule umgesetzt, und der Sprachunterricht nimmt nicht Überhand, wobei Deutsch klar Priorität hat. Auch wenn wir den Fremdsprachenunterricht in der dritten Klasse streichen und in die Oberstufe verlegen würden, wären wir in einem Dilemma: Zulasten von was soll der Fremdsprachenunterricht in der Oberstufe eingeführt werden?

Lätzsch: Ich könnte mir vorstellen, das man etwa im Bereich Geometrie, der zur Mathematik zählt, in der Oberstufe Abstriche machen könnte. Zumal jetzt noch der Bereich Natur und Technik aufgebaut worden ist.

Eine Annahme der Fremdspracheninitiative würde die mit dem Lehrplan 21 angestrebte Vereinheitlichung der Schulsysteme in den verschiedenen Kantonen aufbrechen. Ein Problem?

Lätzsch: Gerade im Bereich Fremdsprachen haben wir heute einen Flickenteppich. Viele Kantone halten sich nicht an das Harmonisierungsziel. Da braucht es noch Anstrengungen. Wir sind überhaupt noch nicht am Ziel.

Steiner: Dem muss ich widersprechen. Wir haben in der Sprachenfrage eine Art historischen Kompromiss getroffen: Man hat sich darauf geeinigt, dass zwei Fremdsprachen in der Primarschule unterrichtet werden, darunter eine zweite Landessprache. Dieser Sprachenkompromiss wird eigentlich überall umgesetzt, auch in Kantonen, die nicht bei Harmos sind. Und bisher wurden alle Volksinitiativen bezüglich Harmos-Konkordat oder Lehrplan 21 vom Volk abgeschmettert.

Welche Fremdsprache braucht es weiterhin in der Primarschule, wenn das Volk die Initiative der Lehrerverbände am 21. Mai annimmt?

Lätzsch: Das Initiativkomitee lässt diese Frage bewusst offen, weil wir eine Harmonisierung in der Deutschschweiz wollen. Konkret würde das der Regierungsrat festlegen, und der hat sich ja bereits entschieden. Meine persönliche Meinung ist: Wir haben ein Problem mit Französisch. Es stösst auf wenig Gegenliebe.

Der Regierungsrat sagt: Frühfranzösisch bleibt.

Steiner: Bundesrat Berset hat klar gesagt: Wenn der Sprachenkompromiss, der dem verfassungsmässigen Harmonisierungsauftrag entspricht, nicht umgesetzt wird, reagiert der Bund mit einem Sprachengesetz. Und er wird das Lernen einer zweiten Landessprache auf Primarstufe für obligatorisch erklären. Das heisst: Wir müssten Englisch streichen und Französisch auf der Primarstufe unterrichten. Da hat der Regierungsrat nicht viel Handlungsspielraum.

Lätzsch: Englisch würde nicht weggestrichen, sondern wir hätten nach wie vor das Ziel, dass am Ende der obligatorischen Schulzeit mindestens die Kompetenzen von heute erreicht würden.

Bildung ist immer noch Kantonssache. Ist der Kanton Zürich dem Bund in der Sprachenfrage machtlos ausgeliefert?

Steiner: Als Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz habe ich mit dem Bundesrat das Gespräch gesucht. Herr Berset sieht, dass die Kantone viel unternehmen, um die Harmonisierung im Sprachenunterricht zu vollziehen. Nachdem sich auch im Thurgau die Situation entschärft hat, liess er sich davon überzeugen, dass jetzt der falsche Zeitpunkt ist, um mit einem Sprachengesetz die Autonomie der Kantone zu übersteuern. Aber er hat deutlich gesagt, dass er das machen würde, wenn wir vom Harmonisierungsweg abkämen. Natürlich könnten wir sagen: Jetzt probieren wir es mal nur mit Englisch auf der Primarstufe und schauen, was der Bund macht. Aber das wäre nicht sehr vorausschauend. Nach all den Reformen muss jetzt etwas Ruhe ins Schulsystem einkehren. Die Fremdspracheninitiative wäre eine riesige Reform. Wir müssten die ganze Stundentafel umwerfen und die ganzen neun Schuljahre neu konzipieren, ebenso die Lehrerausbildung und Lehrmittel. Das kostet nicht nur viel Geld, sondern auch viel Energie von den Lehrpersonen. Das will ich ihnen ersparen.

Ist es das wert, Frau Lätzsch?

Lätzsch: Wir wollen, dass die Schülerinnen und Schüler am Ende der obligatorischen Schulzeit die definierten Fremdsprachen-Kompetenzen haben. Und sie sollen dies mit Freude und Engagement erreichen. Deshalb ist es das wert, ja.

In der Sprachenfrage ist oft vom nationalen Zusammenhalt die Rede. Deshalb sei auch eine zweite Landessprache in der Primarschule nötig. Ist das noch zeitgemäss angesichts der Globalisierung?

Steiner: Ja, schauen Sie doch mal Stelleninserate an: Praktisch überall werden ein bis zwei Fremdsprachen verlangt, Englisch und Französisch.

Muss es Französisch sein?

Lätzsch: Der Gewerbeverband hat einmal recherchiert, dass man zwölf Prozent mehr verdient, wenn man Französisch kann und das im Job gefragt ist. Ich denke, Französisch ist sehr gefragt, und Englisch ist noch gefragter.

Angenommen, das Zürcher Stimmvolk sagt im Mai ja zur Fremdspracheninitiative: Müsste man dann überdenken, ob es Französisch unbedingt an der Primarschule braucht – oder doch eher die Weltsprache Englisch?

Steiner: Aufgrund unserer Verfassung hätten wir gar keine Wahl: Das hiesse, wir hätten in der Primarschule kein Englisch mehr. Und wir wissen: Wir Zürcher sind sehr anglophil. Ich bin überzeugt, dass unsere Kinder die Freude an der Sprache ganz früh vermittelt bekommen müssen. Wir als Erwachsene dürfen einfach nicht immer die gleichen Ansprüche an die Jungen stellen, wie wir sie an uns selber stellen. Wirklich gut lernen wird man eine Fremdsprache erst nach der Schulzeit, wenn man sich im entsprechenden Sprachgebiet aufhält oder im beruflichen Umfeld damit konfrontiert wird.

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