Verkehr

Bilanz des Gesamtverkehrskonzepts 2006: Die Bahn rollt, beim Strassenbau gibt es Stau

Heute präsentiert Regierungsrätin Carmen Walker Späh das zweite Gesamtverkehrskonzept des Kantons Zürich. Was wurde aus dem Erstling von 2006?

Nach jahrelangen Vorarbeiten stellte die Zürcher Kantonsregierung 2006 ihr erstes Gesamtverkehrskonzept vor. Das Papier der damals federführenden Regierungsrätin Rita Fuhrer (SVP) beinhaltete Sätze wie: «Mindestens die Hälfte des Verkehrszuwachses soll vom öffentlichen Verkehr übernommen werden.» Und: Die Verkehrsteilnehmenden sollten «entsprechend dem Angebot das jeweils wesensgerechte Verkehrsmittel wählen» sowie «die Mobilität positiv erfahren.» Daneben enthielt das Konzept auch je eine Liste von Strassen- und Bahnprojekten, mit denen es umzusetzen sei.

Die Bilanz kurz vor der Präsentation des zweiten Zürcher Gesamtverkehrskonzepts fällt durchzogen aus. Vor allem punkto Strassenbau herrscht Stau:

  • Von den grösseren Strassenprojekten, die im Konzept 2006 angekündigt wurden, ist einzig der Umbau der Pfingstweidstrasse in Zürich-West umgesetzt. Bezeichnend: Gleichzeitig mit der Neugestaltung dieser Ausfallstrasse wurde dort das Tram Zürich-West realisiert. Dies getreu der Vorgabe, wonach mindestens die Hälfte des zusätzlichen Verkehrs mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewältigen sei. Seit Dezember 2011 rollt das Tram auf der neuen Pfingstweidstrasse.
  • Zu Verzögerungen kam es hingegen beim Gubrist-Ausbau. So kämpfte die Gemeinde Weiningen bis vor Bundesgericht für einen verlängerten Autobahndeckel beim Tunnelportal. Doch inzwischen haben die Bauarbeiten für die dritte Gubriströhre begonnen. Und ab 2025 soll der Autobahnabschnitt zwischen dem Limmattaler Kreuz und der Verzweigung Zürich-Nord sechsspurig befahrbar sein.
  • Die Autobahneinhausung Schwamendingen sollte laut dem Gesamtverkehrskonzept von 2006 «bis etwa 2011» realisiert sein. Doch auch hier kam es zu Verzögerungen. Inzwischen hat der Häuserrückbau an der Autobahn, die das Quartier in Zürich-Nord durchtrennt, begonnen. Eigentlicher Baubeginn für den Autobahndeckel soll 2019 sein – 13 Jahre nach dem Ja des Zürcher Stimmvolks.
  • Kein fixer Baubeginn absehbar ist für folgende Strassenprojekte, die bereits im Gesamtverkehrskonzept von 2006 enthalten waren: Oberlandautobahn, Glatttalautobahn, Waidhaldetunnel Zürich, Stadttunnel Zürich und Umfahrung Winterthur. Ob diese Projekte je realisiert werden, bleibt abzuwarten.

Zügiger als der Strassenbau kamen die grossen Bahnprojekte voran, die bereits im Gesamtverkehrskonzept 2006 erwähnt waren:

  • Die Durchmesserlinie mit ihren Brücken- und Tunnelbauten sowie dem neuen unterirdischen Bahnhof Löwenstrasse wurde 2015 plangemäss eröffnet. Mit ihr wurde die Kapazität des Hauptbahnhofs Zürich und des Zürcher S-Bahn-Netzes erheblich erhöht.
  • Damit zusammenhängend erhielt der Bahnhof Oerlikon 2016 ein siebtes und ein achtes Gleis. Um diesen Ausbau zu ermöglichen, liessen die Bauherren gar das alte Verwaltungsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon verschieben.
  • Weitgehend fertig ist der aus mehreren Elementen bestehende Ausbau des Bahnkorridors Flughafen-Winterthur. Die letzten streckenbezogenen Ausbauten werden auf Dezember 2018 fertiggestellt, wie ein Sprecher des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) gestern auf Anfrage mitteilte. Ob zudem als langfristige Massnahme der Brüttenertunnel dereinst gebaut werde, entscheide das Bundesparlament voraussichtlich bis 2019.
  • Auch der Trambau kam voran: Die Glatttalbahn wurde in mehreren Etappen 2006 bis 2010 eröffnet, das Tram Zürich-West folgte 2011. Noch nicht umgesetzt ist von den im Gesamtverkehrskonzept 2006 erwähnten Bahnprojekten lediglich der Zimmerbergbasistunnel. Auch dazu erwartet man beim ZVV einen Entscheid des Bundesparlaments bis 2019.

Umlagerung auf ÖV gestoppt

Obwohl die grossen Bahnbauprojekte schneller und zahlreicher gelangen als die grossen Strassenprojekte, hat sich am Verkehrsverhalten der Zürcher Bevölkerung zuletzt nur wenig geändert. Das belegt der alle fünf Jahre und letztmals 2015 vom Bund durchgeführte «Mikrozensus Verkehr und Mobilität». Demnach lag der Anteil des öffentlichen Verkehrs (ÖV) im Kanton Zürich von 2010 bis 2015 unverändert bei 32 Prozent, während jener des motorisierten Individualverkehrs (MIV) bei 57 Prozent stagnierte. Lediglich der Fuss- und Veloverkehr legte von 8 auf 9 Prozent zu.

Ganz anders entwickelte sich der Verkehr im Kanton Zürich von 2000 bis 2010: Damals stieg der ÖV-Anteil von 22 auf 32 Prozent, während der MIV-Anteil von 67 auf 57 Prozent sank.

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