Alfred Füllemann ist seit zwölf Jahren Obmann der Dietiker Jagdgesellschaft. Zusammen mit vier weiteren Jagdpächtern wacht er über die Wildtierbestände in den Wäldern Honoret und Röhrenmoos. Der 55-Jährige blickt auf eine erfolgreiche und störungsfreie Jagdsaison 2017 zurück. In seinem Revier lebten zu Beginn des letzten Jahres schätzungsweise 30 Rehe. Die Grösse der Population ermitteln die Jäger jeweils in der kalten Jahreszeit, wenn die Rehe in Sprüngen unterwegs sind – so heissen im Jägerjargon die Reh-Herden.

Zwischen Mitte Juni und Mitte August werden die Rehgeissen trächtig und bringen jeweils ein bis zwei Kitz zur Welt. Aber: «Zu grosse Rehbestände schädigen die Forstwirtschaft», sagt Fülleman. Der Kanton legte deshalb das Dietiker Abschusskontingent für das vergangene Jahr auf minimal 13 und maximal 19 Tiere fest. «Man schöpft den Ertrag, der aus einem Revier kommt, ab», sagt Füllemann.

Die Jagd dauerte, wie in der revidierten Jagdverordnung vorgesehen, für Rehböcke und Schmalrehe von Mai bis Dezember und für Rehgeissen und Rehkitzen von September bis Dezember. Als Schmalrehe werden weibliche Rehe bezeichnet, die noch keine Jungen haben. Das Kontingent 2017 sei mit 16 Abgängen erfüllt worden, so Füllemann, wobei 13 Rehe geschossen wurden und drei bei Unfällen starben. «Zwei Rehe wurden von Autos angefahren und eines erdrosselte sich selbst an einem Schafzaun», sagt der Jäger. 2017 sei punkto Abschusszahlen ein durchschnittliches Jahr gewesen, die Zahl der Unfälle sei aber eher gering ausgefallen.

Ein Jäger tut mehr als Jagen

Dass der Schlieremer die Zahlen so gut kennt, liegt daran, dass er sich nicht nur um die Jagd kümmert. Jäger werden beispielsweise auch bei Wild-Unfällen aufgeboten und verantworten quasi einen 24-stündigen Pikettservice. «Es kann vorkommen, dass mich die Polizei mitten in der Nacht aus dem Bett klingelt», so Füllemann. Er fahre dann zur Unfallstelle und erlöse das Reh von seinem Leid.

Damit hat sich die Zahl seiner Aufgaben aber noch nicht erschöpft. So steht er auch Bauern beratend zur Seite, wenn es um Krähenabwehrmassnahmen geht. Krähen machen sich nämlich gerne an den Maiskulturen zu schaffen. «Manchmal genügt ein Schuss in die Luft, um die Vögel zu vertreiben», sagt er. Ein weiteres Spezialgebiet Füllemanns ist die Marder- und Fuchsberatung. «Marder und Füchse sollte man nicht berühren, sie sind sehr bissig», sagt er. Die Tiere werden mit Marderfallen eingefangen, wenn sie sich beispielsweise in einen Keller verirrt haben.

Die Natur verstehen

Der passionierte Jäger könnte stundenlang über sein Engagement sprechen. Sein Wissen hat er sich in 33 Jahren aufgebaut. «Ein Jäger ist jemand, der gerne in der Natur ist und der sich intensiv mit Naturbelangen befasst», sagt er. Leben kann er aber nicht von seiner Passion. «Wir bezahlen Jagdprämien und verkaufen Wildfleisch, unter dem Strich rechnet es sich aber nicht», sagt er. Die meisten Jäger gehen deshalb unter der Woche ganz normalen Berufen nach. Trotzdem erfordere das Handwerk viel Zeit und Verantwortungsbewusstsein.

Anders als bei den Wildschweinen wird das Fleisch geschossener Rehe in der Regel keiner Trichinenkontrolle unterzogen – Trichinen sind winzige Fadenwürmer. Der Grund sind die unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten der Tiere. «Eine Sau frisst Aas, ein Reh nur Knospen», so Füllemann. «Der Jäger ist deshalb bei den Rehen selbst verantwortlich für die Qualität des Fleisches.» In der strengen Jäger-Ausbildung lerne man deshalb auch, vom Verhalten der Rehe auf ihre Gesundheit zu schliessen. «Wenn ein zu erlegendes Reh beispielsweise hinkt oder abgemagert wirkt, muss es genauer untersucht werden, bevor es in den Handel kommt», sagt Füllemann.

Das Fleisch verkauft Füllemann privat. «Lokales Fleisch ist sehr beliebt, wir könnten Werbung damit machen», sagt der Jäger. Für den professionellen Handel sind die abgesetzten Mengen aber zu klein. «Die Schweiz muss Wildfleisch importieren», so Füllemann. Für die Zukunft wünscht er sich, dass er weiterhin in den Dietiker Wäldern der Jagd nachgehen kann.