Ein Bewerbungsdossier ohne Bewerbungsfoto: In der Schweiz beinahe unvorstellbar, gehört doch zu einer vollständigen Bewerbung auch ein, oftmals professionell gemachtes, Foto. In den angelsächsischen Ländern ist dies jedoch schon lange gang und gäbe.

So ist es in Grossbritannien unerwünscht und in Kanada sogar verboten, dem Bewerbungsdossier ein Foto beizulegen. Denn dies verzerre das eigentliche Bild, das Unternehmungen von ihren zukünftigen Angestellten haben sollen. Dies könne für weniger gut aussehende Menschen diskriminierend sein, schreibt das britische Arbeitsministerium auf seiner Website.

Anonymisierter Bewerbungsprozess

Lasse man das Foto hingegen weg, würden nur die Qualifikationen und nicht das Aussehen einer Person zählen. In der Schweiz gibt es ebenfalls Anzeichen einer Veränderung: Die Grossbank Credit Suisse wird ihren Bewerbungsprozess überarbeiten und in Zukunft für alle Kandidaten fairer gestalten, indem er anonymisiert wird.

Gemäss dem Entscheid der CS muss neben dem Foto, das aktuell bei keiner Bewerbung verlangt wird, in Zukunft auch keine Angabe zu Name, Alter und Geschlecht mehr gemacht werden. Diese Aspekte sollen erst im Bewerbungsgespräch offensichtlich werden. «Dadurch wollen wir allen Kandidaten die gleichen Chancen bieten und mögliche Verzerrungseffekte im Rekrutierungsprozess minimieren», sagt Mediensprecherin Melis Strässner auf Anfrage.

Doch mit dieser Änderung im Bewerbungsverfahren ist die CS im Moment einer von ganz wenigen Arbeitgebern, die auf ein Foto verzichten und anonyme Unterlagen der Bewerber akzeptieren. Viele Unternehmungen oder Verwaltungen ziehen bei dieser Entwicklung erst teilweise mit. Während Fotos bei Bewerbungen weggelassen werden dürfen, verlangen viele Firmen auch weiterhin persönliche Daten ihrer Bewerber, wie eine Umfrage der Limmattaler Zeitung bei Arbeitgebern in der Region zeigt.

«Geht in die falsche Richtung»

So akzeptiert das Dietiker Transportunternehmen Planzer Bewerbungen ohne Foto, wie Sprecher Jan Pfenninger sagt. Jedoch begrüsse man vollständige Bewerbungsunterlagen mit Bild. Von der Entwicklung, auf sämtliche persönliche Daten zu verzichten, hält Pfenninger jedoch wenig. «Es ist nicht richtig, wenn wir im Bewerbungsprozess auf Name, Alter, Geschlecht und Bild verzichten sollen, das geht einfach in die falsche Richtung.» Natürlich sei es Kandidaten freigestellt, sich ohne diese Informationen zu bewerben, sagt er. Allerdings könne er sich gut vorstellen, dass sich die Personalabteilung vor einem Bewerbungsgespräch melde und die fehlenden Informationen verlange.

Ähnlich sieht dies auch Giovanna Marcella, Sachbearbeiterin Personal bei der Pestalozzi AG in Dietikon. «Wer sich bei uns bewirbt, sollte eigentlich ein Foto mitschicken. Stimmen aber alle Qualifikationen, akzeptieren wir die Bewerbung auch ohne Bild.» Eine Bewerbung, in der sämtliche persönliche Angaben fehlen, werde aber nicht akzeptiert. «Wir müssen ja wissen, wen wir bei uns zum Gespräch einladen», sagt Marcella.

Neutrale Rekrutierung

Etwas anders sieht dies das Spital Limmattal. Man akzeptiere Bewerbungen ohne Fotos für alle Berufsgattungen, sagt Personalchef Matthias Gehring. «Es ist zwar schön, wenn wir sehen, wer sich bei uns bewirbt, wir verlangen jedoch kein Bild.»

Grundsätzlich könne sich jeder so bewerben, wie er dies wolle, also auch ohne persönliche Angaben, denn das Spital achte bei den Bewerbungen nicht auf Name, Alter und Geschlecht. Doch: «In einem Betrieb wie dem unseren muss sich ein Kandidat nicht vor Diskriminierung beim Bewerbungsprozess fürchten, wir haben Angestellte aller Alterskategorien aus knapp 50 verschiedenen Nationen.» Ein Vorgehen wie bei der CS sei im Spital Limmattal daher nicht notwendig.

Bei der Stadtverwaltung Dietikon heisst es auf Anfrage, Bewerbungen ohne Fotos würden «selbstverständlich» akzeptiert. Vollständig anonymisierte Dossiers seien für die Stadt jedoch problematisch, sagt Personalleiterin Susanne Krähenbühl. «Administrativ ist dies nicht einfach zu handhaben, da wir nicht wissen, wer sich bei uns bewirbt.» Für sie gehe die CS daher sehr weit. Personalverantwortliche sollten auch dann neutral rekrutieren können, wenn sie über persönliche Angaben verfügen, sagt Krähenbühl weiter. Denn: «Wir suchen keine Nummern, die bei uns arbeiten, sondern Menschen.»