Für einmal Tipps von einem Profi erhalten – Viktor Röthlin reiste für ein spezielles Lauftraining ins Limmattal. Auch für den ehemaligen Schweizer Spitzenmarathonläufer gab es in Dietikon eine Premiere, als er am Samstag ein Training für Läuferinnen und Läufer mit visuellem Handicap durchführte. Für anderthalb Stunden gehörte die Tartanbahn auf dem Sportplatz Hätschen den sehbehinderten Personen, die im Verein Lauftreff Limmattal zusammen mit den jeweiligen Guides den Sport ausüben. «Bewegung bewegt» wurde so zum Motto des Nachmittages, und die Freude an diesem einmaligen Erlebnis war gross.

«Viktor Röthlin hat uns viel theoretisches und einleuchtendes Wissen weitergegeben», sagte Milenko Savic aus Zürich. Er sei seit einem Jahr im Verein und zwei bis drei Mal für die eigene Fitness mit verschiedenen Guides unterwegs: «Es funktioniert super und für uns Blinde ist das ein einmaliges und neues Gefühl, wenn eine solche Art der Bewegung in der Natur möglich wird», sagte Savic. Ebenfalls am Start war Judith Aeschlimann aus Magden, die aufgrund ihrer minimalen Sehsicht auf eine Begleitung beim Training angewiesen ist. Um an einem Marathon teilzunehmen, habe sie im Moment noch zu viel Respekt, aber bei der Haltung der Arme werde sie sich künftig an den Vergleich mit der Schokoladenform der Toblerone erinnern, sagte sie lächelnd.

Während des Trainings flossen hin und wieder unterhaltsame Sprüche von Viktor Röthlin ein, sodass das Training zu einem humorvollen und lockeren Nachmittag wurde: «Jetzt wisst ihr, warum ich keine Freunde mehr habe», scherzte er und zählte bei den angesagten zehn Liegenstützen einfach mal weiter. Humor sei wichtig und das Leben zu kurz, um immer alles ernst zu nehmen, sagte Röthlin.

Nach einem Briefwechsel und der damit verbundenen Anfrage war es für den ehemaligen Europameister und Bronzegewinner der Weltmeisterschaften 2007 klar, dass er das Training leiten würde. Sein damals aufgestellter Schweizer Rekord, der erst kürzlich unterboten wurde, lag bei 2 Stunden, 7 Minuten und 23 Sekunden und sorgte auch an diesem Tag für Staunen.

Für die Ehrenrunde zum Schluss führte Röthlin Denise Kammermann aus Schlieren an einer Schlaufe um die Bahn. Auch für ihn eine Premiere, wie er sagte: «Es war für mich das erste Mal, dass ich einen Menschen auf diese Weise beim Laufen geführt habe.» Von der Präsidentin Claudia Jung wurde er dennoch kurzerhand zum Ehrenguide des Vereins ernannt.

«Es braucht den Rundumblick, um auf alle möglichen Hindernisse aufmerksam zu machen, und ein so tolles Training motiviert natürlich auch», meinte Vorstandsmitglied René Scheidegger. Eine zusätzliche Motivation dürfte der Samstag somit auch für Denise Kammermann darstellen, die das Laufen vor zwei Jahren für sich entdeckt hatte und mithilfe des Vereins ihrem Ziel, dem Halbmarathon, näherkommt: «So rennen, wie es der Körper mag, auch so trainieren und nichts erzwingen», erzählte sie, das nehme sie aus der Extrarunde mit dem Profi mit.

Zuletzt reichte es noch für eine kleine Autogrammstunde und das eine oder andere Erinnerungsfoto. Die erst 18-jährige Nora Wirz aus Uster meinte: Ihre Motivation für die Tätigkeit als Guide sei es, blinden Menschen auf diese Weise ein Stück Normalität zurückzugeben und sie beim Joggen in ein normales Leben führen zu können.