Einwohnerrekord
Bevölkerung ist auch im Coronajahr gewachsen: Nun liegt der Rekord von 1962 in Griffweite

Noch im letzten Frühjahr verzeichnete Zürich zum ersten Mal seit 2004 einen Bevölkerungsrückgang. Bis im Oktober hat sich das aber verändert: Die Stadt verzeichnete wieder eine Zunahme.

Matthias Scharrer
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Die Stadt lockt noch immer: Menschen mit Atemschutzmasken beim Weihnachtseinkauf in der Zürcher City.

Die Stadt lockt noch immer: Menschen mit Atemschutzmasken beim Weihnachtseinkauf in der Zürcher City.

Keystone

Wäre Corona nicht dazwischengekommen, wäre Zürich jetzt womöglich grösser denn je: Der Einwohnerrekord von 1962, als die Stadt 440'180 Einwohnerinnen und Einwohner zählte, lag angesichts der Wachstumsraten der Vorjahre mit 434'008 Personen Ende 2019 in Reichweite.

Doch dann kam der Frühjahrs-Lockdown und mit ihm in der Halbjahresbilanz vom Sommer der erste Stadtzürcher Bevölkerungsrückgang seit 2004: Die Einwohnerzahl sank auf 433'733. Hauptgrund: Die Zuwanderung aus dem Ausland brach im April ein, wie Statistik Stadt Zürich damals meldete. Inzwischen scheint Zürich jedoch wieder auf Wachstumskurs zu sein. Darauf deuten zumindest die neusten veröffentlichten Zahlen hin.

So zählte die Stadt Ende Oktober 2020 mit 435'535 Personen bereits wieder mehr Einwohnerinnen und Einwohner als Ende 2019. Die Wachstumsdelle aus dem Frühjahrs-Lockdown wurde damit mehr als ausgebügelt. Und die Stadt ist somit auch im Coronajahr wieder gewachsen, zumindest bis im Herbst.

Entwicklung hat sich seit Juni «normalisiert»

Ob 2020 für Zürich trotz Corona am Ende ein weiteres Wachstumsjahr war, steht noch nicht fest. Die definitive Bevölkerungszahl für 2020 wird erst am 18. Februar veröffentlicht; noch liegen die Zahlen für November und Dezember nicht vor, wie Klemens Rosin von Statistik Stadt Zürich auf Anfrage sagt.

Doch gemäss den provisorischen Monatsdaten habe sich Zürichs Bevölkerungsentwicklung, die seit der Jahrtausendwende stets nach oben ging, nach dem Rückgang vom Frühling wieder «normalisiert». Dies habe sich bereits seit Juni abgezeichnet.

Entscheidend dafür sei die Zahl der Zu- und Wegzüge. Sie liegt mit jeweils rund 40'000 pro Jahr zehnmal höher als die Zahl der Geburten und Todesfälle. So verzeichnete Zürich 2019 insgesamt 42'588 Zuzüge und 39'307 Wegzüge. Zum Vergleich: Die Zahl der Geburten lag bei 5'134, jene der Todesfälle bei 3'144.

2021 könnte Zürich den Rekord von 1962 knacken

Selbst bei einer durch Corona bedingten Übersterblichkeit hätte die Zahl der Zu- und Wegzüge demnach laut Rosin den grössten Einfluss auf die Entwicklung der Einwohnerzahl. Im Übrigen zeigen die letzten veröffentlichten Zahlen von Juni bis Oktober 2020: Es wurde in Zürich weiterhin deutlich mehr geboren als gestorben.

Doch könnte die Pandemie dazu führen, dass das Leben in der Stadt, wo viele Menschen nahe beieinander sind, an Attraktivität verliert? «Wir haben keine Anzeichen, dass die Leute nicht mehr nach Zürich ziehen», sagt Rosin. Die Bautätigkeit in der Stadt sei weiterhin hoch. Und die Zuwanderung habe sich ja nach dem Frühjahrs-Lockdown wieder «normalisiert».

Daher halten die Statistiker der Stadt bis auf weiteres auch an ihren Wachstumsszenarien für die Zukunft fest. Letzten Frühling verkündeten sie, dass die Stadtzürcher Bevölkerung bis im Jahr 2040 voraussichtlich auf 516'000 Einwohnerinnen und Einwohner anwachsen werde. Allerdings wollen sie nun statt im Frühling voraussichtlich erst im kommenden Dezember ihre aktualisierten Szenarien präsentieren, wie Rosin sagt. Dann liessen sich die demografischen Auswirkungen der Coronakrise wohl besser beurteilen. Dass Zürich 2021 mehr Einwohner denn je zählt, könnte laut Rosin aber durchaus sein.

Bevölkerungsdichte in Zürich

Bevölkerungsdichte in Zürich

Limmattaler Zeitung

Zürich in Zahlen

Zürich hat gegenwärtig fast so viele Einwohner wie im bisherigen Rekordjahr 1962 (siehe Text oben). Doch sie verteilen sich erheblich anders auf die Stadtquartiere als vor knapp 60 Jahren, wie dem kürzlich veröffentlichten Dokument «Zürcher Stadtquartiere» von Statistik Stadt Zürich zu entnehmen ist.

Damals waren vor allem zentrumsnahe Quartiere dicht besiedelt, und zwar oft erheblich dichter als heute; insbesondere gilt dies für die damaligen Arbeiterquartiere. Heute verteilt sich die Bevölkerung gleichmässiger bis hin zu den Aussenquartiere in Zürich-West und Zürich-Nord, die in den letzten Jahren einen starken Bauboom erlebten.

Stark abgenommen hat die Bevölkerungsdichte insbesondere im Langstrassenquartier, aber auch in der Altstadt rechts der Limmat.

Die Ausgangsgebiete Langstrassenquartier und Escher-Wyss sind durch eine besonders junge Einwohnerschaft geprägt: Das Gros der Bevölkerung ist hier um die 25 Jahre alt; im Quartier Witikon oben am Zürichberg hingegen ist die Altersdurchmischung der 5- bis 80-Jährigen besonders ausgewogen.

Den höchsten Ausländeranteil in Zürich verzeichnet das Quartier Schwamendingen- Mitte mit 43 Prozent, den tiefsten das stark von Genossenschaftswohnungen geprägte Quartier Friesenberg (19 Prozent) am Nordhang des Üetlibergs. Die grösste Aus ländergruppe sind die Deutschen, gefolgt von den Italienern. Der Ausländeranteil in Zürich insgesamt liegt bei 32 Prozent.

Der Anteil der englisch sprachigen Ausländer ist be sonders in eher teuren Wohn gegenden wie Seefeld, Enge und Hirslanden hoch: Im Seefeld stellen US-Amerikaner, in der Enge und im Hirslandenquartier Bürgerinnen und Bürger Grossbritanniens jeweils die drittgrösste Ausländer gruppe nach den Deutschen und Italienern.

Die höchsten Kinderanteile von den 34 Zürcher Quartieren haben jene, die auch den höchsten Anteil an Genossenschaftswohnungen haben, nämlich Friesenberg und Saatlen, mit jeweils gut 20 Prozent 0- bis 14-Jährigen.