Urdorf

Besser integriert dank «Sportegration»

Hauptsache Bewegung: Die abgewiesenen Asylsuchenden trainieren jeden Mittwochnachmittag in der Turnhalle Weihermatt.

Seit März trainieren abgewiesene Asylsuchende in der Turnhalle Weihermatt.

Es dauert kaum fünf Minuten, da ist Jama Mohamad El Hadis Gesicht schweissüberströmt. Er sei eigentlich kein Fussballer, meint der gebürtige Algerier. «Doch Sport gibt mir positive Gedanken und Freude am Leben.» Als im März das Fussballtraining in der Turnhalle Weihermatt nach einigen Monaten Pause mit einem neuen Trainer startete, meldete er sich sofort. Er leitet das Aufwärmen der abgewiesenen Asylsuchenden aus der Notunterkunft Urdorf. Einen Aufwärmspaziergang von der Notunterkunft bis zur Turnhalle haben die mehrheitlich jungen Männer bereits hinter sich. Christoph Viola ist Taekwondo-Trainer und leitet die Urdorfer «Sportegrationgruppe», eine Trainingsgruppe, die Sport mit Integration verbindet. «Das erste Mal kamen zwölf Leute, das waren überraschend viel. Doch wir führen das Training auch für vier Personen durch.»

«Sportegration» bietet auch abgewiesenen Asylsuchenden die Möglichkeit, sich sportlich zu betätigen und so für ein paar Stunden ihre unsichere Situation zu vergessen. «Die Idee von ‹Sportegration› kam mir, als ich mir vorstellte, wie es wäre, wenn ich keinen Sport machen könnte», sagt Annina Largo. Die Anwältin und Fitboxerin startete das Projekt vor drei Jahren. Im Oktober hängte sie ihren Job ganz an den Nagel und widmete sich vollumfänglich dem Angebot für Flüchtlinge und Asylsuchende in Zürich, das sie ehrenamtlich betreibt.

Training ist begehrter denn je

Auch wenn die Zahl der Flüchtlinge in den vergangenen Monaten abgenommen hat, nehmen die Teilnehmerzahlen bei den Trainings zu. «Bei uns sind die Trainings je länger desto begehrter, das Yoga-Training beispielsweise platzt aus allen Nähten», sagt Largo. In Urdorf hätte eigentlich ein Boxtraining direkt in der Notunterkunft angeboten werden sollen, doch dies konnte nicht realisiert werden. Stattdessen findet nun jeden Mittwoch ein Fussballtraining in der Turnhalle statt.

Die Sportlektion soll auch dazu dienen, dass Flüchtlinge Schweizer kennenlernen. Denn vielen geht es so wie dem Stürmer Brahim Iladiri: Obwohl er bereits seit drei Jahren in der Schweiz ist, spricht er kaum Deutsch. «Das Zusammensein mit den Leuten hier gefällt mir sehr gut», sagt er. Dabei wischt sich der 55-Jährige den Schweiss von der Stirn. Sobald er sich kurz erholt hat, dreht er auf dem Absatz und rennt zurück auf das Feld. «Wir wollen keine Fouls. Zieht den Fuss lieber einmal zu früh zurück», sagt Viola. Die Anweisungen werden von den Spielern sofort aufgenommen. Alle mussten bereits zu Beginn ihres Trainings ein Formular unterschreiben. Dieses verpflichtet sie nicht nur während der Lektion auf die Anordnungen zu achten, sondern auch ausserhalb der Sportlektion nicht tätlich oder verbal auffällig zu werden. Wer diese Regel verletzt, wird «per sofort nicht mehr zum Training zugelassen», wie die Hausordnung besagt. Bisher wurde jedoch noch niemand ausgeschlossen. Die Erfahrung der Trainer zeigt vielmehr das Gegenteil mancher Befürchtungen. «Die Teilnehmer sind sehr anständig», sagt Largo.

Nach einer Stunde sieht sie auf ihr Handy, dort sind bereits einige verpasste Anrufe eingegangen: Vier weitere Sportler haben den Eingang in die Turnhalle nicht gefunden. Als sie dazu stossen, beschliessen sie, dass es sich nicht lohnt sich umzuziehen. So zeigen die Neuankömmlinge Largo die Unterseite ihrer Turnschuhe und steigen direkt ins Spiel ein. Die Gruppen werden neu aufgeteilt und das Spiel geht mit noch grösserem Elan weiter.

Einer, der sich doppelt integriert

El Hadi ist ein Stürmer. Sein Körper zeigt: Für ihn ist es nicht der einzige Tag in der Woche, an dem er sich aktiv betätigt. Er ist beinahe jeden Tag irgendwo am Rennen, Stemmen und Schwitzen. «Ich darf ja ausser Sport nichts machen», sagt er. Das tut er dafür umso hingebungsvoller und zieht dabei auch die anderen Spieler mit. Viola sagt: «Wie in jeder Gruppe gibt es auch hier diejenigen, die sich am liebsten doppelt und dreifach integrieren würden wie beispielsweise Mohamad. Solche Leute beflügeln die Gruppe.»

Eingeschränkte Bewegungsfreiheit

Ein wenig Motivation kann die Equipe gut gebrauchen, denn nebst dem, dass die abgewiesenen Asylsuchenden nicht arbeiten dürfen, haben manche von ihnen eine eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Das heisst, sie dürfen sich jeweils nur in Urdorf oder im Bezirk Dietikon aufhalten. Das schränkt auch die Turniermöglichkeit ein. Die Trainer haben sich vorgenommen, nun einmal gegen die zweite Mannschaft des FC Urdorf anzutreten. Denn auch wenn das Team noch nicht lange zusammen spielt, ist Viola überzeugt: «Unsere Mannschaft ist stark und motiviert.» Hinter ihm rennen die jungen Männer über den Hallenboden und holen zum Schuss Richtung Tor aus. Dabei fallen die Anweisungen auf Italienisch, Deutsch oder Arabisch.

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