Bernhard Schmidt kämpft gegen eine Bahn und hat kein Auto, er ist ein Wachstumskritiker und hat sechs Kinder und er ist ein Stadtratskandidat, der drei Anläufe brauchte, um in die Schulpflege gewählt zu werden. Zum Interview auf der Redaktion der Limmattaler Zeitung erscheint der Limmattalbahngegner mit der Lesebrille auf dem Kopf. Sie steht ihm gut, man kennt ihn nicht ohne.

Bernhard Schmidt, viele hatten Sie nicht auf dem Radar, bis Sie Ihre Stadtratskandidatur bekannt gaben. Welche Chancen rechnen Sie sich eigentlich aus?

Bernhard Schmidt: Für mich ist alles möglich, Parteilose kommen im Moment gut an. Das sah man zuletzt bei der Bezirksrichterwahl. Man spürt den Missmut und die Distanz zu den Parteien. Es gibt einen grossen Graben zwischen Bevölkerung und Politikern. Diesen Graben will ich füllen, denn nur zusammen gehts. Man kann als Volksvertreter keinen Alleingang machen. Das macht die Leute nur verrückt.

Alleingang ist ein gutes Stichwort. Die anderen elf Stadtratskandidaten befürworten die Limmattalbahn, Sie nicht. Der Stadtrat ist aber eine Kollegialbehörde. Würden Sie sich dem fügen?

Man kann doch nicht als Stadtrat kandidieren und das Dietiker 64-Prozent-Nein nicht ernst nehmen. Der Stadtrat muss sich ganz klar hinter die Bevölkerung stellen und auch die Initiative gegen die zweite Etappe, die im Herbst zur Abstimmung kommt, unterstützen. Wenn nötig, werde ich hier meinen eigenen Weg gehen. Man weiss ja, dass ich gegen die Bahn bin.

Die Initiative wird derzeit in der Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt des Kantonsrats beraten.

Am 30. Januar durften wir Initianten bei der Kommission vorsprechen. Wir wurden freundlich empfangen, trugen unsere Argumente vor und beantworteten Fragen. Man nahm uns ernst, es war fair und korrekt.

Ihr Kampf gilt nicht nur der Limmattalbahn, sondern dem Wachstum ganz allgemein. Selber haben Sie aber sechs Kinder. Dieser Widerspruch beschäftigt unsere Leser. Wie erklären Sie ihn?

(seufzt) Also gut. Die sechs Kinder stammen von zwei Frauen. Es sind also nicht sechs Kinder auf ein Paar. Ich weiss nicht, wann genau ich begann, ökologisch zu denken. Richtig ökologisch politisiert wurde ich in den letzten zwei, drei Jahren. Und in der Schweiz haben wir eigentlich nur ein Wachstum, weil wir Leute reinholen.

Man muss sich doch die Frage stellen, wie viele Leute die Schweiz vertragen kann. Dank der Ecopop-Initiative haben wir darüber diskutiert. Ist das Ziel bei acht, zehn oder dreissig Millionen Einwohnern? Bisher hatte die Schweiz kein solches Ziel definiert. Darum kann man noch nicht auf die einzelne Person zeigen und sagen, es sei nicht okay, sechs Kinder zu haben. Erst wenn eine maximale Einwohnerzahl vorliegt, muss sich jedes Individuum positionieren.

Dieser Planet wird aber voraussichtlich auch in 1000 Jahren noch existieren. Kann man sagen, in der Schweiz sei bei 10 Millionen Schluss?

Ich würde nicht über die Bevölkerungszahl, sondern über die Ressourcen gehen. Wenn wir alle unsere Böden kaputtmachen, können wir nicht mehr alle ernähren. Die Ressourcen werden uns die Grenzen aufzeigen. Das ist das dringendste Problem, das wir angehen müssen.

Die eidgenössische Raumplanung sieht vor, dass die Schweiz dort wachsen soll, wo sie schon urban ist, damit man nicht mehr viele Felder auf dem grünen Land überbauen muss.

Diese Argumentation ist schon okay. Ich zweifle nicht sie an, sondern das Modell Wachstum dahinter. Mit diesem stossen wir irgendwann an die Grenzen. Die Frage ist doch, warum wir überhaupt wachsen sollen. Beispiel: Warum wollen wir das Niderfeld überbauen? Ich erhalte keine Antwort ausser jener des kapitalistischen Systems. Ich kenne niemanden, der ein gutes Bauchgefühl dabei hat, wie das mit dem Wachstum jetzt läuft. Das muss man ernst nehmen. Darum verlange ich einen Planungsstopp beim Niderfeld und eine neue Auslegeordnung. Wachstum per se finde ich fatal. Wir können doch nicht mit den Händen im Hosensack warten, bis wir in die Grube fallen.

Aber ist die Lokalpolitik das richtige Werkzeug? Als Ecopop-Nationalrat könnten Sie doch mehr bewirken.

Ganz und gar nicht. Die Bewegung muss von unten und nicht von oben kommen. Natürlich können wir hier nicht die Welt verändern. Aber Dietikon können wir verändern. Dafür werde ich mich einsetzen.

Wie beurteilen Sie denn das ganze Limmattaler Verkehrssystem?

Vorneweg: Der öV ist nicht nur gut. Der ganze Boom, den die S-Bahn auf dem Land auslöste, ist ökologisch fatal. Das hat letztlich mehr Verkehr gebracht und so den ökologischen Effekt wieder zunichtegemacht. Natürlich gibt es im Limmattal Probleme. Aber die lösen wir nicht, indem wir ausbauen. So hört es ja nie auf. Allein das Niderfeld wird Tausende zusätzliche Bewegungen pro Tag bringen. Der Mobilitätswahnsinn stresst uns doch nur.

Sie sagen Mobilitätswahnsinn, fahren aber selber täglich nach Zürich. Damit predigen Sie Wasser und trinken Wein.

Klar muss jeder bei sich selber anfangen. Ich kann aber Hunderte Schritte aufzählen, wie ich zu mehr Ökologie beitrage.

Zum Beispiel?

Ich sammle Kaffeesatz von den Restaurants, aber auch von den Nespresso-Kapseln am Arbeitsplatz, um ihn zu kompostieren. Ich konsumiere wenig und kaufe wenn überhaupt nur ein Paar Schuhe im Jahr. Ich mache auch keine Flugreisen, sondern Ferien in der Schweiz. So fördere ich die hiesige Wirtschaft. Es gibt viele Bereiche, in denen ich an mir arbeite. Mit dem Velo nach Altstetten zur Arbeit zu fahren, das schaffe ich vielleicht auch noch.

Sie erwähnen die Wirtschaft. Was hätte sie von Stadtrat Schmidt zu erwarten?

Sie muss anders wachsen. Wir müssten wieder bereit sein, nachhaltige Schweizer Qualität zu kaufen, statt so viel zu importieren. Dietikon alleine würde sicher Raum bieten für zehn Schuhmacher. Mit Handwerk liessen sich viele neue Arbeitsplätze schaffen. Darüber müsste der Stadtrat mit der Bevölkerung diskutieren, um sie dazu zu animieren, ihr Verhalten zu ändern.

Wieso kandidieren Sie eigentlich gleich auch als Stadtpräsident?

Die Wichtigkeit meiner Themen sehen Sie ja. Wir müssen diesen Umschwung hinbringen. Ein Stadtpräsident hat sicher mehr Einfluss als ein einzelner Stadtrat. Mit mir kann man ein Zeichen setzen, dass Dietikon das Umdenken an die Hand nehmen will. Dietikon ist reif dafür, hat die richtige Grösse und man spricht ja auch noch vom Dorf. Als neutrale Person vertrete ich alle und kann den Graben zwischen der Bevölkerung und der Politik wieder auffüllen.

Zum Schluss: Was würden Ihre Schulpflegekollegen über Sie sagen?

Sehr zuvorkommend, kompetent und sachlich-konstruktiv mitarbeitend.