Frau Heinzelmann, Sie leben sowohl in Dietikon als auch in Berlin. Welche Stadt ist besser?

Regula Heinzelmann: Das kann ich so nicht sagen. Die beiden Städte sind völlig verschieden, wobei beide ihren Reiz haben. Dietikon ist natürlich, insbesondere verglichen mit Berlin, eine Kleinstadt. Hier ist man beinahe schon auf dem Land – wobei ich auch in Berlin sehr nah an der Natur bin. So gesehen sind die beiden Orte auch wieder nicht so verschieden.

Was gefällt Ihnen besser an Dietikon?

Dietikon ist ruhiger, weniger weitläufig, überschaubarer. Ins Freibad habe ich gerade einmal fünf Minuten Weg, das gefällt mir. Zudem bin ich sehr schnell in Zürich, während ich zwei Stunden fahren muss, wenn ich vom Osten Berlins in den Westen will.

Was gefällt Ihnen besser an Berlin?

Berlin ist lockerer, offener. Schön finde ich auch, dass es viele Lokale gibt, in denen sich alle Generationen zum Tanzen treffen. Das fehlt mir hier. In Zürich gibt es entweder Jugenddiscos oder Seniorentanztees. Da fühlt man sich in meinem Alter weder im einen noch im anderen so richtig willkommen. Dass die Leute in Berlin wirklich gemischt an Partys gehen, finde ich toll: Von den Jugendlichen bis zu den Grosseltern ist alles da. Was es in Berlin zudem häufig gibt, sind Kultursalons in Privatwohnungen. Ich habe nun vor, in Dietikon auch so etwas einzurichten, nach dem Vorbild Berlins.

Das heisst, Sie würden in Ihrer Wohnung kulturelle Anlässe veranstalten?

Genau. Möglich sind Lesungen oder Ausstellungen, aber nicht nur mit meinen eigenen Büchern und Bildern, sondern auch mit anderen Leuten. Gerne würde ich dafür regionale Schriftsteller und Künstler ansprechen. So etwas fehlt hier, aber auch in Zürich, völlig.

Berlin ist lockerer, sagen Sie. Lernt man dort auch leichter Leute kennen als in Dietikon?

Kontakt zu finden ist zwar einfach in Berlin, aber die Kontakte bleiben oft an der Oberfläche. Zürich hingegen ist eine Geschäftsstadt. Veranstaltungen sind häufig geschäftlich, danach geht man vielleicht noch auf einen Apéro, dann ist fertig. In Berlin ist es üblich, dass man nachher noch gemeinsam etwas essen geht, vielleicht sogar tanzen.

Gibt es einen typischen Berliner?

Nein. Zudem ist es gar nicht einfach, überhaupt einen originalen Berliner kennen zu lernen, denn die allermeisten sind zugereist. Es ist eine ziemlich zusammengewürfelte Gesellschaft, was interessant ist. Es hat in Berlin aber auch sehr viele selbstständig arbeitende Leute, die Aufträge brauchen. Und die Arbeitslosigkeit ist mit rund 12 Prozent recht hoch.

Spürt man das im Alltag?

Die Leute sind generell nicht sehr wohlhabend. Was bei uns als mittleres oder niedriges Einkommen gilt, ist dort schon viel. Für uns Schweizer ist alles sehr billig; es ist unglaublich, was man für 10 Euro bekommt. Doch für die Leute, die dort leben, ist vieles trotzdem nicht erschwinglich. Viele ältere Leute sehnen sich sogar nach den sicheren Verhältnissen der DDR zurück, auch wenn es sicher kein idealer Staat war. Aber man muss ganz klar sehen, dass die Euphorie von 1989 abgeklungen ist.

Sie sind erst seit Oktober 2012 in Dietikon. Wie wurden Sie hier empfangen?

Von den Hausbewohnern sehr liebenswürdig, obwohl ich auch noch nicht näher im Kontakt bin. Aber das ist hier in Dietikon wohl so wie in der ganzen Schweiz: Man braucht generell ein bisschen länger, um in Kontakt zu kommen. Dafür sind die Bekanntschaften danach auch beständiger. Diese Erfahrung habe ich auch in Zürich gemacht, wo ich mehr als 30 Jahre gelebt habe.

Wie steht es mit dem typischen Dietiker, gibt es den?

Wahrscheinlich genauso wenig wie den typischen Berliner, denn auch hier sind ja viele zugezogen. Kommen Sie aus Dietikon?

Nicht ursprünglich, ich wohne seit gut fünf Jahren hier.

Sehen Sie. Dietikon hat in dieser Hinsicht sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit Berlin. Es hat viele Zugezogene, viele Kulturen, ein Völkergemisch. Mir gefällt das. Diese Lebendigkeit, die mich an Berlin erinnert, hat mich auch an Dietikon angesprochen.

Trotz gewisser Gemeinsamkeiten der Städte verbringen Sie Ihre Zeit in Berlin sicher ganz anders als in Dietikon.

In Berlin habe ich mehr Ausstellungen, Lesungen, generell kulturelle Anlässe. Hier hingegen fahre ich oft nach Zürich, wo es eher ums Geschäftliche geht: ums Juristische, um Wirtschaft oder Beratungen. Dafür finde ich hier leichter Aufträge als in Berlin.

Tendenziell ist Berlin also eher Kunst und Kultur, während Dietikon und Zürich eher Business ist.

Genau, das kann man so sagen. Aber ich hoffe natürlich, dass ich mit der Zeit auch hier kulturelle Veranstaltungen haben werde.

Sie schreiben auf Ihrer Website, die Atmosphäre in Berlin habe Sie zum intensiveren Malen inspiriert. Fehlt Ihnen diese Inspiration in Dietikon?

Irgendwie schon. Ich habe zwar immer gemalt, aber in Zürich hatte ich auch schon früher überhaupt keine Motivation. In Zürich ist Malerei ein Geschäft. Das ist der Unterschied zu Berlin. Dort stellen die Leute auch einfach mal etwas aus, weil sie es gut finden, ohne dass sie gleich darauf hoffen, das grosse Geschäft zu machen. In Zürich kommt man als Quereinsteiger im Kunstbereich kaum an, die Galeristen sind viel zu arrogant. Ich verwalte beispielsweise den Bildnachlass eines verstorbenen Künstlers – in Zürich interessiert das niemanden. In Berlin hört man mir zu.

Sie pendeln zwischen zwei Städten hin und her, die doch sehr unterschiedlich sind. Hatten Sie zu Beginn manchmal einen kleinen Kulturschock?

Eher einen Preisschock. Wenn ich hier einkaufen gehe und ein paar wenige Sachen schon 50 Franken kosten, dann erschrecke ich jedes Mal, obwohl ich ja Schweizerin bin. Aber nein, einen Kulturschock hatte ich nie.

Dann fällt Ihnen der Weltenwechsel leicht?

Ja, und die Abwechslung macht Spass.

Was kann Berlin von Dietikon lernen?

Berlin könnte sauberer sein. Wenn im Haus der Lift neu gestrichen wurde, ist er schon nach einer Woche wieder verdreckt. Das passiert hier nicht.

Wenn Sie aus Berlin kommen, finden Sie Dietikon sehr sauber?

Auf jeden Fall. Von Zürich hingegen kann man das nicht behaupten, obwohl sie sich sicher auch Mühe geben. Aber wenn es am Abend vorher eine Party gab, dann häufen sich die Abfallberge.

Was kann Dietikon von Berlin lernen?

Schön wäre, wenn es in Dietikon oder Zürich vermehrt gemischte Veranstaltungen für alle Generationen gäbe. Discos, wo alle hinkönnen, ohne dass sie sich fehl am Platz fühlen. Das wäre toll. Zudem könnte Zürich von Berlin etwas Lockerheit lernen. Und dass man nicht immer bei allem gleich das grosse Geschäft machen will.

Könnten Sie sich vorstellen, in einer der beiden Städte alt zu werden?

Ja, in beiden.

Auch hin und her zu pendeln bis ins hohe Alter?

Ja, absolut. Beide Städte sind schön und haben ihren Reiz.