Sein Lachen, seine grün-braunen Augen und sein fester Händedruck: Das fällt einem zuerst auf, wenn Beno Kehl, ehemaliger Franziskanermönch, Sozialtherapeut und Leiter des Hauses Zueflucht im Zürcher Kreis 5, seine Gäste begrüsst. Vor 17 Jahren hat er den Verein Franziskanische Gassenarbeit gegründet. Seit nun mehr als zehn Jahren gibt es das Haus, in dem 20 Bewohner in schwierigen Lebenssituationen zusammen leben. Die meisten von ihnen haben von Süchten gezeichnete Lebensjahre hinter sich, einige haben die Platzspitz-Zeiten überlebt.

Die WG, wie sie Kehl nennt, werde derzeit von zwei Drittel Männer und einem Drittel Frauen bewohnt. Das Durchschnittsalter liegt zwischen 40 und 50 Jahren. «Mittlerweile leben auch zwei, drei Senioren hier im Haus», sagt Kehl. Die Aufenthaltsdauer im Haus Zueflucht ist für die Bewohner unbefristet. Die meisten werden von der Sozialhilfe oder der Invalidenversicherung unterstützt. Diese decken die wenigen hundert Franken Mietkosten.

«Bei wirklich schweren Verstössen gegen die Hausordnung werfen wir Bewohner auch raus», sagt der 51-jährige St. Galler. Das komme zum Glück aber selten vor. «Dealerei, Hehlerei und Prostitution sind nicht erlaubt. Über den Konsum von Drogen und Alkohol entscheiden die Bewohner selber», fasst Kehl die Hausordnung zusammen. Ansonsten basiert das Zusammenleben der Bewohner auf gegenseitigem Respekt. Es gibt keine Ausgehzeiten, die Privatsphäre eines jeden soll respektiert werden. Die Gemeinschaftsräume – Küche, Aufenthaltsraum, Gartensitzplatz – sind ordentlich und sauber zu halten.

Zusammenhalten

Beschwingt führt Kehl durch das vierstöckige Haus. Dennoch beschönigt er das Zusammenleben nicht: «Es sind nicht nur harmlose Menschen, die hier ein- und ausgehen. Man muss wachsam sein, sonst artet es schnell aus», sagt er. Damit dies nicht geschieht, arbeiten zwischen vier und fünf Sozialarbeiter, Praktikanten und Freiwillige im Haus. Sie organisieren Einkäufe, kümmern sich um die Bewohner, führen Gespräche, geben Menschen, die auf der Strasse wohnen, die Gelegenheit zu duschen, Kleider zu waschen, sammeln selber Kleider und Spenden und kümmern sich zusammen mit den Bewohnern um die hauseigene Imkerei.

Sie ist Kehls Herzensangelegenheit. Aber nicht nur: Bewohner Francois, gross gewachsen mit graugelocktem Haar, vielleicht 65 Jahre alt, begegnet uns im Keller im Kleiderraum, wo er gerade eine Winterjacke anprobiert. An der Wand hängt ein Bild des heiligen Franziskus. Seit fünf Jahren lebt Francois im Haus. «Wegen finanziellen Schwierigkeiten», sagt er.

Mit Kehls Hilfe hat er die Ausbildung zum Imker absolviert. Zudem schreibt er regelmässig Berichte über das Haus und diverse Projekte für die Zueflucht-Website. Er engagiere sich gerne für das Haus, sagt Francois. «Wir leben hier alle unter einem Dach. Deshalb müssen wir aufeinander achten», sagt er mit einem warmen Lächeln.

Das Miteinander werde im Haus regelmässig gepflegt, ergänzt Kehl, während er die Treppen hochsteigt. «Die schönste Stunde der Woche», wie er sie nennt, findet Montagvormittag statt. «Es ist eine Art spirituelle Stunde.» Es werde gesungen, gebetet oder einfach geredet. «Manchmal besuchen uns dann auch Menschen, die auf der Strasse leben», sagt Kehl. «Die Stunde gestaltet sich nach dem Puls der Anwesenden.»

Auf jedem der Stockwerke leben zwischen vier und sechs Bewohner in Einzelzimmern. Umgebaut hat Kehl das Haus mit seinen Helfern grösstenteils selber, nachdem das Churer Bistum ihnen das Haus 2007 im Baurecht überlassen hat. Danach ist die WG nach und nach entstanden. «Wir hatten zu Beginn ein grosses Chaos. Es hat gedauert, aber jetzt hat sich das Leben hier eingependelt», so Kehl.

Eine der schönsten Geschichten

Im ersten Stock steckt er seinen Kopf kurz in die Küche. Er begrüsst Marta – «eine der guten Seelen des Hauses» – überschwänglich. Die zierliche Frau mit den blonden Haaren kocht drei bis fünf Mal die Woche ehrenamtlich das Mittagessen. Ihre Geschichte sei eine der schönen Geschichten des Hauses: «Als Martha zu uns kam, war sie obdachlos und trank auch ganz gerne mal was», erzählt Kehl. Nach und nach habe sie sich ins Leben zurückgekämpft. Heute wohne sie in einer kleinen Wohnung unweit des Hauses Zueflucht.

Im zweiten Stock stattet er Murat, der wohl etwa 40 Jahre alt sein dürfte, einen Besuch ab. Frisch gewaschene Wäsche liegt zusammengefaltet in einer Zaine. Im Fernsehen läuft Arte, Murat mag Dokumentationsfilme. Das Bett dient als Schlaf- und Sitzgelegenheit. Jeder Bewohner richtet sein Zimmer nach seinen Wünschen und Möglichkeiten ein. Bei Renovationen und Umbauten im Haus helfen nach Möglichkeit alle mit. Kehl und Murat reden leise miteinander. Es fallen Namen: Stefan und Louis, die Nachbaren von Murat. Es sind Wortfetzen zu hören: knallende Türen, laute Stimmen, Dealerei, Ordnung. Kehl nickt, sagt, das sei gut zu wissen und verabschiedet sich.

Im Aufenthaltsraum hängt neben Fotografien, die die Bewohner beim Abgiessen des hauseigenen Honigs zeigen, wieder ein Bild des heiligen Franziskus, der einen Aussätzigen umarmt. Der Glaube zieht sich wie ein roter Faden durch Kehls Leben. Doch vor knapp acht Jahren hat er seine Kutte wortwörtlich an den Nagel gehängt und dem Franziskaner-Orden den Rücken gekehrt. «Der Glaube ist tief in mir verankert, nicht aber das Regelwerk des Ordens und der Kirche», sagt Kehl.

Fast 20 Jahre lebte er als Mönch. Als Gründe nennt er in einem Atemzug: die Erschütterung durch den Tod und was danach mit dem Leben passiert, die Frage nach dem Sinn des Lebens, die Frage, wer Gott ist und wie er ist, wenn es ihn denn gibt. Zudem scheine es ihm, er habe seine Familiengeschichte zu Ende bringen müssen. «Für meinen Vater war das Kloster vorgesehen, aber er heiratete meine Mutter», so Kehl. Seine eigene Zeit als Mönch habe sich vor acht Jahren erfüllt, sagt er.

Es begann am Platzspitz

Von Beginn weg hat Kehl Gassenarbeit gemacht. Dazu geführt hat sein erster Besuch auf dem Platzspitz Mitte der 1980er-Jahre, als in Zürich die offene Drogenszene wütete. Auf einer Parkbank sitzend, habe er sich diese unwahrscheinliche Szenerie, den Dreck, die Abhängigen angesehen und gebetet. Eine Frau setzte sich neben ihn, dann gab sie sich einen Schuss. Es folgte ein wirres Gespräch. Sie erzählte von ihrem Leben, ihrem Absturz und ihrer Armut. Zum Abschied sagte sie zwei Mal: «Komm wieder einmal vorbei und bring uns etwas von deiner Hoffnung». Ihr Strassenname sei «Engelchen» gewesen, schliesst Kehl.

Fortan besuchte er den Platzspitz einmal im Monat. Nebenbei studierte er Theologie. Führte karitative Projekte in Afrika. Dort verliebte er sich «bis über beide Ohren». «Wegen Schmetterlingen im Bauch verlässt man normalerweise keinen Orden», fügt er schnell hinzu. Seine Gassenarbeit in Zürich weitete sich aus, er erhielt Unterstützung von Freiwilligen. Mitte der 90er-Jahre – nach der Schliessung des Lettens – eröffnete Kehl eine Suppenküche an der Zwinglistrasse. Im Jahr 2000 gründete er den Verein. Weitere sieben Jahre auf der Gasse vergingen, bevor Kehl mit seiner Arbeit im Kreis 5 häuslich wurde.

Der Bruch mit dem Orden kam 2006, nicht wegen der Liebe oder Unstimmigkeiten, wie er sagt: «Ich hatte meine Zeit als Mönch erfüllt.» Dieses Gefühl sei langsam in ihm gewachsen. Für den Austritt liess er sich Zeit, obwohl er auf Gottes Stimme gewartet habe: «Wenn man Gottes Stimme tatsächlich hört, sollte man zuerst einen Psychiater aufsuchen», sagt Kehl lachend. Dennoch erhielt er sein Zeichen. Eines Abends, er malte gerade ein Bild von seiner Kutte, die an einem Nagel an der Wand hing. Währenddessen fiel die Kordel mit dem Dreifachknoten – Armut, Keuschheit und Gehorsam – zu Boden. Kehl reiste nach Zürich. Er verliess zwar den Orden, nicht aber die Gassenarbeit, die Menschen in Not unterstützt und Hoffnung vermittelt.