Wer glaubt, dass Zürich mit der Fasnacht nichts am Hut hat, der irrt. Dieses Wochenende sind in der Limmatstadt die Narren los. Neben dem grossen Umzug am Züri Carneval findet ein Monsterkonzert der Guggenmusiken auf dem Münsterhof statt, auf dem Zürichsee fährt ein Narrenschiff und zum Abschluss werden die schönsten Masken am Ball in der Johanniter Bar im Niederdorf prämiert.

Dieses Quartier ist zudem Schauplatz für die dritte Zürcher Beizenfasnacht. Neun sogenannte «wilde Guggen» spielen von Samstag bis Montag in sieben Beizen zwischen dem Sechseläutenplatz und dem Central in regelmässigen Abständen auf. «Die ‹wilde Fasnacht› entstand einst aus dem Künstlermaskenball», sagt Peter Hauser, Mitglied der Sallelujah-Gugge.

Treffen der Prominenz

Der Künstlermaskenball war bis in die 80er-Jahre ein fester Bestandteil des Zürcherischen Veranstaltungskalenders und konnte mit den berühmten Fasnachten in Luzern und Basel mühelos mithalten. Am sogenannten «Küma» trafen sich Intellektuelle und die Kunstprominenz wie Maler Fritz Kuhn, Plastiker Jean Tinguely, Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, alt Stadtpräsident Emil Landolt, Edelprostituierte Lady Shiva oder Filmregisseur Federico Fellini. Sie alle gehörten zu den Gästen des damals wohl berühmtesten Balls in Zürich, der ab 1949 im Kongresshaus jeweils am Wochenende nach Aschermittwoch statt fand.

Die Anfänge des Künstlermaskenballs reichen bis ins vorletzte Jahrhundert zurück. Ab 1899 wurde das damals noch eintägige Kostümfest jährlich, aber stets in anderen Lokalen durchgeführt. Wie dem 2016 erschienen Bildband «Einmal richtig spinnen können» von Willi Wottreng entnommen werden kann, besuchten bis zu 5000 Personen den Ball. Wer nicht maskiert erschien, bezahlte mehr Eintritt. Die Masken hatten bis zur Prämierung nach Mitternacht auf den Köpfen zu bleiben.

Street Parade macht Konkurrenz

Mit der in Zürich auflebenden Partykultur und dem Entstehen der Street Parade verlor der Künstlermaskenball dann an Bedeutung. Doch schon in den 80er-Jahren liess das Interesse der Jugend am Maskenball nach. Der damalige Küma-OK-Präsident Sigi Schär wurde 1981 in der Küma-Zeitung folgendermassen zitiert: «Die Freiheit, dass man sich kleidet, wie man will, ist heute für niemanden auf die Zeit der Fasnacht beschränkt, und tanzen kann man jeden Abend, wenn man will.»

Die «wilden Guggen» stammen allesamt aus Zürich und weisen eine 25-jährige und teils noch längere Geschichte auf. Vor drei Jahren haben sich deren Mitglieder dazu entschieden, an den ursprünglichen Gedanken des Künstlermaskenballs mit einer Beizenfasnacht anzuknüpfen. Die Rheinfelder Bierhalle und die Bodega im Zürcher Niederdorf sind an diesem Wochenende das Epizentrum des närrischen Treibens, dessen Ziel es ist, die zwinglianische Mentalität in Zürich zu durchbrechen. Nicht nur darin unterscheidet sich die Zürcher Fasnacht von jenen in den katholischen Landesteilen, wo gegen die elitäre Obrigkeit gefeiert wird. Die Fasnacht findet in Zürich erst nach dem offiziellen Ende der fünften Jahreszeit, das auf den Aschermittwoch fällt, statt.

Integrativer Charakter

Parallel zur Zürcher Beizenfasnacht findet in der Innenstadt am Wochenende der Züri Carneval statt. Dass das reformierte Zürich über ein dreitägiges ursprünglich heidnisch geprägtes Fest verfügt, geht auf das Bemühen des Zürcher Guggenring zurück. Der Verein ist ein Zusammenschluss von städtischen und aus der Agglomeration stammenden Guggenmusiken, die die Tradition «Fasnacht» in Zürich pflegen wollen. Bis vor 20 Jahren bestand die Fasnacht lediglich aus dem Monsterkonzert auf dem Münsterhof. Der Guggenring baute den Anlass in den Folgejahren zu einem dreitägigen Fest aus. 2004 wurde der Anlass dann in Zusammenarbeit mit der Fasnachtsgesellschaft Zürich zum «Züri Carneval» umbenannt und um einen Kinderumzug sowie eine karibische Fasnacht erweitert.

Der integrative Charakter der Zürcher Fasnacht zeigt sich auch darin, dass an der am Sonntag stattfindenden Parade auch einige lateinamerikanische Gruppen vertreten sind. Entsprechend erscheinen die Worte vom Basler Volkskundeforscher Paul Hugger in einer Analyse über die Zürcher Fasnacht von 1986 noch heute als gültig: «Die Zürcher Fasnacht zeigt stark individualisierte Züge.»