Spreitenbach
Bei Qwan Ki Do geht es nicht um Stärke, sondern um Schnelligkeit

Nazzareno Caretti ist der ranghöchste Qwan-Ki-Do-Meister der Schweiz. Beim Training in Spreitenbach gibt er sein Wissen über die asiatische Kampfkunst erfolgreich weiter.

Corinna Haag
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Die Schweizer Delegation hat bei der Qwan-Ki-Do-Europameisterschaft in Spanien vor drei Wochen gleich vier Bronzemedaillen gewonnen. Nazzareno Caretti, der ranghöchste Qwan-Ki-Do-Meister der Schweiz (2. Reihe, vierter von rechts), freut sich mit seinem Team über den Erfolg.

Die Schweizer Delegation hat bei der Qwan-Ki-Do-Europameisterschaft in Spanien vor drei Wochen gleich vier Bronzemedaillen gewonnen. Nazzareno Caretti, der ranghöchste Qwan-Ki-Do-Meister der Schweiz (2. Reihe, vierter von rechts), freut sich mit seinem Team über den Erfolg.

zvg

Die Frühlingsferien in Spreitenbach sind zwar schon vorbei, von aussen merkt man das der Turnhalle Boostock in Spreitenbach am letzten frühlingshaften Mittwochabend aber noch nicht wirklich an. Ganz ruhig scheint es innen wie aussen zu sein. Doch in der Halle trainieren rund 15 Mädchen und Jungen im Alter von 5 bis 12 Jahren Qwan Ki Do. Normalerweise seien es etwas mehr, meint Sabrina Caretti, Tochter von Nazzareno Caretti, dem ranghöchsten Qwan-Ki-Do-Meister der Schweiz, und selbst begeisterte Kämpferin. Nach den Ferien gehe es manchmal etwas länger, bis wieder alle zum Training erscheinen.

In einer Reihe stehen die motivierten kleinen Kämpferinnen und Kämpfer in der Halle und üben die Technik. Immer wieder stossen sie dabei Schreie aus. Diese dienen vor allem der kontrollierten Atmung, erklärt Nazzareno Caretti. «Die Kleinen vergessen manchmal die Atmung, wenn sie einzelne Elemente trainieren. Mit dem Schrei kommt das Ausatmen wie von selbst.» Bei den Erwachsenen würde mit dem Schrei auch die Energie zur Geltung kommen, was man auch aus anderen Kampfsportarten kenne. «Früher konnte man mit dem Schrei dem Gegner bei einem Kampf natürlich noch Angst machen, das ist heute aber nicht mehr die Intention», sagt Carretti.

Tradition und Ehrerbietung

Qwan Ki Do vereint Elemente aus chinesischem und vietnamesischem Kung Fu. In der heutigen Form wurde es von Grossmeister Pham Xuan Tong geprägt und ist noch relativ jung. 1981 erst gründete er die «World Union of Qwan Ki Do», der aber mittlerweile schon rund 20 nationale Komitees aus aller Welt angehören. Rund 30'000 Schüler hat Pham Xuan Tong, jedoch sind nur acht davon direkte Schüler des Grossmeisters, der noch heute in Toulon in Frankreich wohnt und unterrichtet.

Einer dieser acht Schüler ist der in Spreitenbach lebende Caretti. Seit 40 Jahren habe er nicht einen Tag ohne Qwan Ki Do gemacht, sagt er stolz.

Etwa acht bis zehn Mal im Jahr trainieren die acht Schüler, die über die ganze Welt verteilt sind, mit dem Grossmeister in Toulon. Auch sonst ist Caretti sehr aktiv. So repräsentierte er 2015 beispielsweise die Kampfkunst Qwan Ki Do beim Kongress der Kampfkunstverbände.
Jedes Mal, wenn Caretti die Halle betritt, wird das Training für einen kurzen Moment unterbrochen. Alle stellen sich um den Meister herum und begrüssen ihn. Danach geht das Training ganz normal weiter. Es gehe um die Tradition der Ehrerbietung vor dem Ranghöchsten, erklärt er. Und hier in Spreitenbach ist er das. Bei der EM beispielsweise sei es so, dass wenn der Grossmeister den Raum betrete, dieser ebenfalls offiziell begrüsst werde.

Zuerst die Sprossenwand fünf Mal hoch

Nach der Begrüssung trainieren die Kinder wieder. Die zweite Trainingsgruppe – die Jugendlichen ab 13 Jahren und die Erwachsenen – steht aber schon bereit. Sie sind zwar etwas weniger als die Kinder, aber gut gelaunt bereiten sie sich auf das anschliessende Training vor. Auch sie begrüssen zu Beginn den Meister traditionell. Danach geht es ans Aufwärmen. «Das Aufwärmen und insbesondere das Stretching ist enorm wichtig», betont Caretti und scheucht die fünf Jugendlichen mit weissem Gurt und die drei Erwachsenen mit schwarzem Gurt erst einmal fünf Mal die Sprossenwand hoch und runter. Auch die zweite Übung, in der schon Teile der Technik mit eingeflochten werden, bringt die Gruppe zum Keuchen und zum Schwitzen.

Nach dem Aufwärmen werden Fuss und Schienbeinschoner montiert, denn es wird eine Kampftechnik im Zweierteam trainiert. Zusammen mit einem erfahrenen Schüler zeigt Caretti die «Figur» vor. Einer der beiden ist der Angreifer, die andere Person blockt ab. Zunächst zeigt er nur vor, was mit dem Oberkörper und den Händen geschieht. Die Jugendlichen versuchen sich daran, aber noch sind ihre Bewegungen nicht so geschmeidig wie jene von Caretti. Dennoch trainieren sie mit Freude und Ehrgeiz und machen schnell Fortschritte. Sabrina Caretti, sowie ein weiterer Erwachsener, beaufsichtigen derweil die Trainierenden, geben Tipps und zeigen die Figur noch einmal vor.

Vom Zerlegen in Einzelteile

Nach einer Weile kommt die Beinarbeit dazu. Wieder versuchen sich die Schülerinnen und Schüler daran. «Ihr braucht nicht so viel Kraft» ruft Caretti durch die Halle. «Ihr müsst schneller werden. Die Schnelligkeit zählt.» Die Jugendlichen trainieren weiter und tatsächlich werden sie mit der Zeit schneller. Da die Trainingszeit schon zur Hälfte fortgeschritten ist, wird die Übung abgebrochen und noch eine neue Technik angeschaut. Die zuvor getragenen Schoner landen am Hallenrand und die Jugendlichen bilden einen Kreis um Caretti, der mit einem Schüler die nächste Aufgabe vorzeigt.

Es geht darum, das Bein über den Rücken der anderen Person zu schwingen und dabei eine Drehung zu vollziehen. Caretti zeigt die Übung zunächst in einem Guss vor. Dann aber zerlegt er sie in ihre Einzelteile. «Es ist wichtig, die Einzelteile zu kennen» meint er und erklärt, dass Qwan Ki Do auf dem Taoismus basiert. Eine ganze Philosophie stecke dahinter, die man auf alle Lebenslagen anwenden kann. Erst wenn man die einzelnen Schritte beherrsche, könne man das Ganze harmonisieren. Dies wiederum könne man auf viele Bereiche im Leben anwenden und geben einem immer wieder einen neuen Blick auf die Dinge.

Bei Caretti sieht die Aufgabe nicht sehr schwer aus. Als sich die Jugendlichen aber daran probieren, scheint es doch etwas kniffliger zu sein. «Das ist ja mega schwierig», moniert ein Mädchen, das ihr Bein zwar schon in der Luft hat, sich danach aber nicht drehen kann. Noch ein paar Minuten trainieren sie, dann müssen die Carettis auch schon weiter. Ein weiteres Training steht an diesem Abend in Wettingen an.

Nach der EM in Spanien ist vor der EM in Zürich

Vor drei Wochen erst ging die Qwan Ki Do Europameisterschaft in Gandia in Spanien mit rund 300 Athletinnen und Athleten zu Ende. Auch vier Mitglieder des Qwan Ki Do Vereins aus Spreitenbach waren Teil der 20-köpfigen Schweizer Delegation, die vier Bronze-Medaillen mit nach Hause nehmen durfte. Drei der Medaillen wurden in Kampf-Disziplinen (Kampf gegen einen imaginären Gegner, Kampf zu zweit und in der Kategorie Kampf Schwarzgurt Frauen) gewonnen, eine weitere in den der EM angegliederten Clubmeisterschaften.

Die Schweiz hat im Verhältnis zu anderen Ländern wie Frankreich, Italien oder Rumänien eine relativ kleine Delegation. Umso stolzer seien sie deshalb, dennoch vier Medaillen gewonnen zu haben, sagt Nazzareno Caretti, technischer Leiter der Schweizer Mannschaft. Die nächste Herausforderung für die etwas jüngeren Athletinnen und Athleten, sowie die Organisatoren wartet schon in den Startlöchern: die Europameisterschaft der Kinder und Jugendlichen, die im April 2019 in Zürich stattfinden wird.

«Wir sind schon mitten in den Vorbereitungen», sagt Caretti. «Bis 800 Kämpferinnen und Kämpfer werden erwartet. Wir freuen uns jedoch sehr, diesen Wettkampf auszurichten und Gastgeber zu sein». (cha)