Vor 200 Jahren bestand das heutige Stadtgebiet von Zürich noch grösstenteils aus Landwirtschaftsflächen. Heute sind 34 Prozent des Bodens versiegelt. Und der Nutzungsdruck auf die verbleibenden Grünflächen nimmt im Zuge der Verdichtung weiter zu: Bis zum Jahr 2040 soll die Stadt gemäss Prognosen 90'000 zusätzliche Einwohnerinnen und Einwohner aufnehmen. Ihre Bevölkerung wüchse damit auf 520'000 Personen an.

Gleichzeitig bringt der Klimawandel Zürich ins Schwitzen: Bereits heute liegen die Temperaturen in der Stadt um bis zu 10 Grad höher als im Umland. «Gebäude, Strassen und Plätze erwärmen sich mehr als Grünräume», hält Stadtrat Richard Wolff (AL) im gestern veröffentlichten Grünbuch der Stadt Zürich fest. Mit dem gut 80 Seiten dicken Buch gibt sich die Stadt Richtlinien, wie sie mit den Grünflächen angesichts von Städtewachstum und Klimawandel in den kommenden Jahren umgehen will.

Der Nutzungsdruck auf die noch vorhandenen Grünflächen steigt mit zunehmender Verdichtung.

Der Nutzungsdruck auf die noch vorhandenen Grünflächen steigt mit zunehmender Verdichtung.

Schon jetzt besteht Aufholbedarf: Pro Einwohner müssten gemäss Richtplan acht Quadratmeter Freiraum zur Verfügung stehen – und pro Arbeitsplatz fünf Quadratmeter. Heute ist der Freiraum-Anteil für ein Fünftel der Stadtzürcher Bevölkerung ungenügend, wie eine Anfrage bei Grün Stadt Zürich ergab. Für die wachsende Stadt sind gemäss Grünbuch unter anderem rund 40 Hektaren neue Freiräume zu schaffen.

Dächer und Fassaden begrünen

Ausserdem werden die bewaldeten Höhenzüge als Quelle von Kaltluftströmen immer wichtiger, wie es im Buch weiter heisst. Wichtig ist dabei auch, dass sich die kühle Luft aus den Wäldern über unverbaute Bachtäler in Richtung Stadt ausbreiten kann. Heute ist rund ein Viertel der Zürcher Stadtfläche bewaldet.

Weiter setzt die Stadt Zürich in ihrem Grünbuch auf folgende Ansätze:

  • Neue Parkanlagen sollen entstehen, wie dies in den Neubauquartieren in Zürich-Nord und Zürich-West in den letzten Jahren bereits geschehen und nun auch am Stadtrand beim Schlieremer Wald geplant ist.
  • Dächer und Fassaden sollen zunehmend begrünt werden. Der Beitrag der Stadt besteht dabei laut Grünbuch aus Pilotprojekten, Beratungsangeboten und Anreizen für Private. Heute gibt es in Zürich rund 500 Hektaren Flachdächer, die Hälfte davon hat gemäss Grünbuch noch Begrünungspotenzial. Neu will sich die Stadt laut Wolff für mehr Vertikalbegrünungen einsetzen.
Die Hälfte aller Flachdächer – im Bild das Letzigrund-Dach – haben noch Begrünungspotenzial.

Die Hälfte aller Flachdächer – im Bild das Letzigrund-Dach – haben noch Begrünungspotenzial.

  • Freibäder sollen der Bevölkerung vermehrt auch im Winter als Erholungsräume zur Verfügung stehen, wie dies in den Strandbädern Mythenquai und Tiefenbrunnen bereits der Fall ist.
  • Weiter will die Stadt die Lebensbedingungen für Strassenbäume verbessern, etwa durch sogenannte Baumscheiben, die die Wurzelräume schützen. Die Anzahl Bäume soll erhöht werden. Im Siedlungsgebiet der Stadt Zürich gibt es heute 58,4 Millionen Quadratmeter Baumvolumen. Ein städtisches Baum- und ein Alleenkonzept sind in Arbeit.
  • Auch das Landwirtschaftsland sei langfristig zu sichern. Aktuell zählt die Stadt Zürich 27 Landwirtschaftsbetriebe mit insgesamt 800 Hektaren Nutzfläche. Elf davon sind Biobetriebe; deren Anteil soll gemäss Grünbuch steigen.
  • Klein- und Gemeinschaftsgärten spielen ebenfalls eine Rolle: Heute gibt es sie in Zürich auf insgesamt 290 Hektaren. Laut Grünbuch will die Stadt neue Gartenareale zur Verfügung stellen und die biologische Bewirtschaftung durchsetzen; Letzteres auch mithilfe von Bildungsangeboten, etwa an Schulen.
  • Um Freiräume zu sichern, soll die Stadt auch Grundstücke in der Freihalte- und Erholungszone erwerben – und Konzepte für Freiräume erarbeiten, die etwa bei Arealentwicklungen mit einfliessen. Insgesamt werden unter dem Stichwort Freuräume für Zürich derzeit 3200 Hektaren Wohn- und Arbeitsplatzumfeld angeführt. Rund 1000 «umgebungsrelevante Baugesuche» gibt es pro Jahr, wie es im Grünbuch weiter heisst.

Potenzial für städtische Einflussnahme ist somit gegeben.