Was Gemeinderat Pascal Leuchtmann (SP) bereits am Montagabend in seinem Votum vor dem Schlieremer Parlament angetönt hatte, wurde schon in der Nacht auf Dienstag in die Tat umgesetzt. So goutieren Gemeinderäte der SP, der Grünen und der GLP nicht, dass sich das Parlament für eine verkürzte Begegnungszone am Bahnhof entschied und lancieren nun gemeinsam die Volksinitiative «Begegnungszone im Bahnhofsbereich». Demnach soll zwischen Bahnhofstrasse, Güterstrasse und der SBB-Personenunterführung West eine Tempo-20-Zone erstellt werden – so wie es der Stadtrat in seinem ursprünglichen Projekt vorsah.

19 Gemeinderäte waren am Montagabend für und 16 gegen das Stutzen des Original-Projekts. Sie stellten sich hinter den Vorschlag der Rechnungsprüfungskommission (RPK), die Begegnungszone nur zwischen Bahnhofstrasse und Neuer Fossertstrasse erstellen zu lassen. Auf diese Weise könnten die Post- und Lidl-Filiale – diese werden in den beiden Neubauten der SBB erstellt – besser von Autos angefahren werden und es entstünden weniger Konfliktsituationen mit Fussgängern.

Erster Widerstand vor zwei Jahren

Seit längerem ist die Gestaltung des Bahnhofareals ein brisantes Thema. Vor zwei Jahren regte sich der erste Widerstand vonseiten der Wirtschaftskammer, des Gewerbevereins, der Detailistenvereinigung Pro Schlieren und des Hauseigentümerverbands, die den Plan der Tempo-20-Zone öffentlich kritisierten. Neben den Gefahren für Fussgänger bemängelten die Präsidenten der vier Vereine auch, dass die Betriebe an der Grabenstrasse nur ungenügend erschlossen seien.

Nach dem Mitwirkungsverfahren gingen acht Einwendungen gegen das Projekt ein. Wohl wegen des grossen Widerstands aus der Bevölkerung brachte der Stadtrat das Geschäft vor den Gemeinderat. Den Kredit von rund 180 000 Franken für die ungebundenen Ausgaben im Rahmen des Baus einer Begegnungszone wäre in seiner eigenen Finanzkompetenz gelegen.

«Schweizerischer» Kompromiss

Im Initiativtext heisst es, dass ein gutes Miteinander aller Verkehrsteilnehmer anzustreben sei. «Dies schafft die Vorlage des Stadtrates mit einer Erweiterung der Begegnungszone auf die Bahnhofstrasse.» So werde mit diesem «guten, alten Schweizerischen Kompromiss» niemand übermässig benachteiligt oder bevorzugt.

Der verantwortliche Bauvorstand Markus Bärtschiger (SP) zeigt sich keineswegs erstaunt. «Die Initianten nehmen an, dass das Volk nicht hinter dem sehr knappen Parlamentsentscheid steht», so Bärtschiger. Dabei handle es sich um eine ähnliche Ausgangslage wie beim Geschäft zur Geissweid vor einem Jahr. Damals erteilte das Parlament den Gestaltungsplänen der Exekutive für den Geissweid-Platz eine knappe Absage, da Stimmen nach einer lukrativen Wohnüberbauung laut wurden. Befürworter einer freien Geissweid – ebenfalls aus den Reihen der SP, der Grünen und der GLP – sammelten rund 600 Unterschriften.

Die im Vergleich zur Original-Vorlage leicht abgespeckte Umsetzungsvorlage des Stadtrates wurde vom Gemeindeparlament schliesslich angenommen. Bärtschiger hofft, dass die Begegnungszone nun auf ähnlich grosse Resonanz stösst – trotz der lauten Gegner aus den Reihen der Schlieremer Wirtschaftsvereine. «Unser Projekt hat auch zahlreiche, eher leise Befürworter, die sehen, dass sich das Lädelisterben mit einer attraktiven Umgebungsgestaltung abwenden lässt.»

Schweren Stand im Parlament

Zudem stösst Bärtschiger sauer auf, dass die RPK das lange erarbeitete Projekt «umgestaltete». Zwar vertraue auch er nicht jedem Fachmann. «Doch beurteilen neun von zehn Fachpersonen den RPK-Vorschlag als problematisch», so Bärtschiger. Neben den Mehrkosten für das neue Projekt komme hinzu, dass Automobilisten die Lichtsignale an der Badenerstrasse umgehen und über die Neue Fossert-, Güter- und Goldschlägistrasse verkehren könnten.

RPK-Sprecher Boris Steffen (SVP) relativiert. Es liege in der Sache der Natur, dass bei Milizparlamenten keine Fachspezialisten einsitzen, sagt er auf Anfrage. «Wir haben uns jedoch bemüht, einen für alle gangbaren Weg vorzuschlagen. Die Parlamentsmehrheit sieht dies offenbar gleich.» Er kann sich aber auch gut vorstellen, dass die Initiative zustande kommt.

So sei es ein Leichtes, die Bevölkerung für eine schöne Begegnungszone zu begeistern, ohne dabei die Problematik aus Sicht des Gewerbes zu schildern. «Eine Umsetzungsvorlage vergleichbar mit jener der Geissweid hätte im Parlament aber einen schweren Stand», ist Steffen überzeugt. Für ihn wäre es am besten gewesen, wenn der Stadtrat von Beginn weg auf die Kritiker gehört und einen Kompromiss vorgeschlagen hätte.