Herr Kägi, die Zürcher Regierung spricht sich gegen die Atomausstiegsinitiative aus. Warum?

Markus Kägi: Gemäss der Initiative müssten bereits nächstes Jahr die AKW Mühleberg sowie Beznau I und II vom Netz gehen. 2024 dann Gösgen und 2029 Leibstadt. Durch die Abschaltungen nächstes Jahr würde rund ein Drittel des heute produzierten AKW-Stroms fehlen. Das lässt sich bis dann unmöglich mit Strom aus erneuerbaren Energien kompensieren. Das heisst, dass wir zusätzlichen Strom aus Kohle- und Atomkraftwerken importieren müssten. Fossile Kraftwerke, insbesondere Kohlekraftwerke, belasten aber die Umwelt stark.

Könnte die Schweiz nicht schon bald deutlich mehr Strom aus den Windparks in der Nord- und Ostsee importieren?

Dazu bräuchte es ein Gleichstromnetz vom Norden Deutschlands bis zu uns. Bei den bestehenden Wechselstromleitungen sind die Übertragungsverluste zu hoch und es stehen zu wenig Leitungen zur Verfügung. Obwohl unbestritten ist, dass es neue Leitungen braucht, gibt es seitens der Betroffenen in Deutschland starken Widerstand dagegen. Das sehen wir ja auch hier bei ganz anderen Bauvorhaben. Wenn ich als Baudirektor eine Strasse bauen will, dann hagelt es Einsprachen.

Leibstadt und Beznau I sind zurzeit gar nicht am Netz. Trotzdem gibt es keine Stromausfälle.

Für kurze Zeit mag das funktionieren. Aber jetzt beginnt der Winter und damit steigt der Strombedarf. Was wir brauchen, ist Bandenergie. Wind und Sonne, die sogenannt stochastischen Energien, schlagen aus, wenn gerade die Sonne scheint oder der Wind bläst. Damit können wir doch die bei Bedarf verfügbare Bandenergie nicht ersetzen.

Die vorzeitige Abschaltung der AKW gefährdet die Versorgungssicherheit. Der zusätzliche Import wäre eine grosse Belastung für die Netzinfrastruktur. Die Stromnetze sind dafür noch nicht ausgebaut, das Risiko für Stromausfälle würde erhöht. Wir sind bereits im Winter 2015/16 nur knapp an einem Blackout vorbeigeschlittert.

Welche Folgen hätte ein grossflächiger Stromausfall?

Für den Kanton Zürich rechnet man mit volkswirtschaftlichen Kosten von etwa einer Milliarde Franken pro Tag. Auch ohne Stromausfall hätte eine vorzeitige Abschaltung der AKW finanzielle Folgen: Die Betreiber würden hohe Schadenersatzforderungen an den Bund stellen. Diese müssten letztendlich die Steuerzahler bezahlen.

Der Kanton Zürich ist grösster Aktionär der Axpo, die eigene AKW betreibt sowie an weiteren AKW beteiligt ist. Ist ein Verkauf der Aktien denkbar?

Das Elektrizitätswerk des Kantons Zürich ist mit 18 Prozent an der Axpo beteiligt, der Kanton direkt hält weitere 18 Prozent der Axpo-Aktien. Die Zürcher Regierung wird bis Ende Jahr die zukünftige Eigentümerstrategie festlegen. Momentan ist ein Verkauf also kein Thema. Der Zeitpunkt dazu wäre auch schlecht. Die Axpo muss die aktuelle Durststrecke irgendwie bewältigen. Die Wasserkraft leidet unter den Subventionen, die den Strommarkt verzerren.