Religion

Bau einer Zentralmoschee soll Muslime in Zürich aus den Hinterhöfen holen

In Zürich verstecken sich die Moscheen hinter tristen Fassaden, wie hier an der Albulastrasse.

In Zürich verstecken sich die Moscheen hinter tristen Fassaden, wie hier an der Albulastrasse.

Der Präsident des muslimischen Dachverbands Mahmoud El Guindi möchte eine Zentralmoschee mit Platz für 1000 Menschen: «Es gibt in Zürich keine Moschee, die dieser Stadt würdig wäre». Mit einem solchen Bau bekäme der Islam ein eindeutiges Zentrum.

Wer die Moscheen der Stadt Zürich abklappert, könnte den Eindruck erhalten, beim Islam handle es sich um einen kleinen Gewerbebetrieb – und nicht um die drittgrösste und vermutlich am schnellsten wachsende Konfession im Kanton. Jene knapp 200 Neugierigen, die letztes Wochenende einer Einladung zum Tag der offenen Moscheen folgten, landeten mehrheitlich in Industriebauten und alten Wohnungen.

«Es gibt in Zürich keine Moschee, die dieser Stadt würdig wäre», sagt der Ägypter Mahmoud El Guindi, Präsident der Vereinigung Islamischer Organisationen in Zürich (VIOZ). Er bekommt das nicht zuletzt von verärgerten muslimischen Touristen zu hören, die vergeblich nach einem Gebetsraum suchen. Die einzige «richtige» Moschee, jene an der Forchstrasse mit ihrem markanten Minarett, gehört einer Glaubensgemeinschaft, die von vielen Muslimen nicht anerkannt wird.

El Guindis grosses Ziel ist eine Zentralmoschee mit Platz für 1000 Menschen. Eine, wie sie etwa Genf oder Wien längst haben, wegen der vielen Diplomaten. Aber auch in Duisburg, mitten im Ruhrpott, hat der VIOZ-Präsident kürzlich ein Gotteshaus besucht, das mit seinen osmanisch anmutenden Kuppeln mehr Würde verströmt als alle Zürcher Moscheen zusammen.

Heute hat keiner den Überblick

El Guindi wirbt bei jeder sich bietenden Gelegenheit für sein Projekt. Trotzdem kommt er damit kaum voran, denn bevor er sich um Kapital kümmern könnte oder um einen Bauplatz braucht es zuerst mehr politische Akzeptanz für die Anliegen der Muslime – diese hat aber seiner Ansicht nach zuletzt eher abgenommen.

Dabei wäre eine Zentralmoschee nach El Guindis Ansicht ein Gewinn für alle Zürcher – sogar für jene, die den geschätzten 100000 Muslimen im Kanton mit Misstrauen gegenüberstehen. Denn mit einem solchen Bau bekäme der Islam ein eindeutiges Zentrum. Er wäre sichtbarer und besser zu organisieren. Heute dagegen sind die Muslime verstreut auf Dutzende kleiner Lokale, getrennt nach Herkunft und Ethnie – Albaner, Bosnier, Türken, Araber. Es ist eine Gesellschaft der Hinterhofmoscheen, von denen keiner so genau weiss, was dort vor sich geht. «Es fehlt an Führung und an Übersicht», sagt El Guindi.

Dem Vernehmen nach gibt es unter den über 40 Moscheen in der Region Zürich auch solche, die unter dem Einfluss von ultrakonservativen Salafisten stehen oder unter jenem der Bewegung Milli Görüs, die der deutsche Verfassungsschutz wegen islamistischer und demokratiefeindlicher Tendenzen auf dem Radar hat.

Der Einfluss arabischer Gönner

Ob an solchen Orten tatsächlich fundamentalistische Prediger am Werk sind, kann der Dachverband der Muslime aber nicht sagen. Er habe höchstens Indizien, sagt El Guindi. Die muslimische Topografie in Zürich sei in steter Bewegung, ein Spiegelbild von politischen Ereignissen in der muslimischen Welt, geprägt von wechselnden Flüchtlingsbewegungen.

Manchmal fliessen auch Gelder aus dem muslimischen Ausland in die Schweiz. Die Zürcher Moschee an der Rötelstrasse zum Beispiel, die einst wegen eines erzkonservativen Imams ins Gerede kam, wurde laut El Guindi von den Vereinigten Arabischen Emiraten finanziert. «So etwas schafft Abhängigkeiten – ohne dass ich das werten will.» Eine Zürcher Zentralmoschee, so viel ist für ihn klar, müsste unabhängig vom Ausland finanziert werden. Und das wäre um einiges einfacher, wenn der Dachverband vom Kanton Zürich öffentlichrechtlich anerkannt würde. Denn dann hätte er die Möglichkeit, mit staatlicher Unterstützung Imame auszubilden und Steuern zu erheben. Mit anderen Worten: Er würde zur «Landeskirche» – ein heisses Eisen.

In Basel-Stadt ist vor einem Monat die islamisch geprägte Glaubensgemeinschaft der Aleviten teilweise anerkannt worden – als erste nichtchristliche und nichtjüdische in der Schweiz. Diese Premiere hat Zürcher Muslime wie El Guindi Hoffnung schöpfen lassen. Es sind aber auch mahnende Stimmen laut geworden. Philippe Dätwyler, der Sekretär des Interreligiösen Runden Tisches im Kanton Zürich, sagte, die Stimmung im Volk sei hier längst nicht so weit. Wenn die Muslime das Thema forcieren würden, wäre das kontraproduktiv: Es führe bloss in die Enttäuschung, was die Gräben noch vertiefe.

So wie 2003, als die Zürcher Stimmbürger ein neues Gesetz wuchtig verwarfen, das es der Regierung erlaubt hätte, weitere Religionsgemeinschaften zu anerkennen. Der damalige Justizdirektor Markus Notter (SP) hatte im Vorfeld davon gesprochen, dass mittelfristig eine öffentlichrechtliche Partnerschaft mit muslimischen Gemeinschaften möglich wäre. Im Gegenzug müssten diese Rechenschaft über ihre Finanzen ablegen. «Gruppierungen mit fundamentalistischen Tendenzen werden so ausgeschlossen», sagte Notter. Die SVP verdrehte dieses Argument jedoch ins Gegenteil: «Kein Geld für Koranschulen», warnte sie – mit Erfolg. Seither ist das Thema tabu.

Mahmoud El Guindi mag deshalb nicht mutmassen, bis wann Zürich eine Zentralmoschee haben könnte. Er hält es mit einer arabischen Redewendung: «Inschallah». Abwarten, Tee trinken und auf Gott vertrauen.

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