Rodungen
Bau der Limmattalbahn: Viel Aufregung um viele Bäume

Seit ein paar Tagen kursieren wilde Spekulationen um die Anzahl Bäume entlang des Trassees, die der Limmattalbahn weichen müssen. Doch belegt werden können die Zahlen nicht.

Bettina Hamilton-Irvine
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Diese Bäume an der Zürcherstrasse in Schlieren können stehenbleiben. Andere müssen der Limmattalbahn weichen.

Diese Bäume an der Zürcherstrasse in Schlieren können stehenbleiben. Andere müssen der Limmattalbahn weichen.

Bettina Hamilton-Irvine

Zuerst tauchte sie am Montag in einem Leserbrief in der Limmattaler Zeitung auf, die Zahl 900: So viele Bäume müssten gemäss ihren Informationen entlang des Trassees der Limmattalbahn gefällt werden, schrieb Figen Özkizilirmak. Die Schlieremerin hatte sich zuletzt auch für die Rotbuche im Zentrum ihrer Stadt eingesetzt und forderte nun die gleiche Solidarität für die 900 weiteren Bäume.

Am Mittwoch folgten gleich drei weitere Leserbriefe, welche die Anzahl der zu rodenden Bäume thematisierten. Er könne sich nicht erinnern, dass über diese 900 Bäume je gesprochen worden sei, schrieb Arnold Locher aus Dietikon – und sah darin den Beweis, dass «das bewusste Weglassen der Wahrheit die schlimmste Form der Lüge bedeutet». Er sei sich sicher, wäre diese Wahrheit vor der Abstimmung ans Licht gekommen, wäre die Bahn abgelehnt worden, schreibt er weiter.

Auch Werner Alder bezieht sich auf die 900 Bäume, spricht sich aber gleichzeitig für die Limmattalbahn aus und verweist darauf, dass ebenso Hunderte von neuen Bäumen gepflanzt werden. In einem weiteren Leserbrief schreibt Erhard Brunner aus Schlieren von 750 Bäumen, die gefällt werden müssen – womit sich endgültig die Frage stellt: Was stimmt denn nun?

890 neue Bäume gepflanzt

Özkizilirmak sagt auf Anfrage, die Information, dass 900 Bäume weichen müssen, stamme aus einem Zeitungsartikel und sie sei sich sicher, dass sie stimme: «Man kann ja die Bahnstrecke entlanggehen und die Bäume zählen, die kommen alle weg», sagt sie. Eine Katastrophe sei das.

«Das Ziel ist, dass mehr Bäume gepflanzt als entfernt werden.» Daniel Issler, Gesamtprojektleiter Limmattalbahn AG

«Das Ziel ist, dass mehr Bäume gepflanzt als entfernt werden.» Daniel Issler, Gesamtprojektleiter Limmattalbahn AG

zvg

Tatsächlich ergibt eine Recherche in der Schweizer Mediendatenbank SMD, dass die 900 Bäume im Zusammenhang mit der Limmattalbahn in den letzten Jahren genau einmal auftauchten – und zwar im September 2016 in einem Online-Artikel des «Tages-Anzeigers». Die Zahl ist dort jedoch keine Aussage einer verantwortlichen Person der Limmattalbahn AG, sondern steht ohne Quellenangabe im Artikel. Auf Anfrage sagt der Gesamtprojektleiter der Limmattalbahn AG, Daniel Issler, denn auch, die Zahl stamme nicht von der Limmattalbahn AG.

Der Wahrheit wohl näher kommt die Zahl 750. Sie wird im Umweltverträglichkeitsbericht zur Limmattalbahn aus dem Jahr 2013 erwähnt. Auf einer zum Bericht gehörenden Karte wird die ungefähre Anzahl der zu entfernenden Bäume entlang der Bahn eingezeichnet und für vier Teilstrecken aufgeführt. Zählt man sie zusammen, kommt man auf 750 Bäume, verteilt über die 13,4 Kilometer lange Strecke. Neu gepflanzt werden sollen gemäss der Karte 890 Bäume.

Auch Büsche zählen dazu

Laut Aussage von Issler handelt es sich bei diesen Zahlen um Schätzungen. Darin enthalten sind nebst Bäumen auch sämtliche anderen Gehölzstrukturen wie Gebüsche. Es sei zurzeit nicht möglich, eine abschliessende Aussage für die gesamte Strecke zu machen, da noch viele Abklärungen im Gange seien, sagt er. Das Ziel sei aber, dass man mehr Bäume erhalten könne.

Anders sieht es für die erste Etappe von Altstetten bis Schlieren aus, die bereits im Bau ist: Für diese kann Issler genaue Zahlen liefern. So müssen von insgesamt 470 Bäumen 281 weichen, 132 können erhalten werden und 338 werden neu gepflanzt. Die Bäume zwischen Farbhof und Schlieren wurden bereits gefällt, diejenigen an der Hohlstrasse stehen zurzeit noch.

Issler weist darauf hin, dass auf der Strecke der ersten Etappe insgesamt weniger Bäume weichen mussten als ursprünglich angenommen. Er hoffe, dass dies auch bei der zweiten Etappe zwischen Schlieren und Killwangen der Fall sein werde. Und: «Das Ziel ist auf jeden Fall, dass auf der ganzen Strecke mehr Bäume gepflanzt als entfernt werden.» Bei der ersten Etappe sei dies gelungen und gemäss aktuellem Stand werde das Ziel auch bei der zweiten Etappe erreicht.

Strasse wird breiter

Für die Planung der Limmattalbahn seien Bäume sehr wichtig, so Issler. Trotzdem sei es eine Tatsache, dass auch viele Bäume weichen müssen, sagt er – da mit dem Eigentrassee der Bahn und den geplanten Velostreifen an den meisten Stellen die Seitenbereiche neu angepasst werden müssen. Zudem müsse ein Teil der bestehenden Bäume aufgrund ihres Zustandes ohnehin ersetzt werden.