Zürich
Bald gehts zu Fuss über die Gleise beim Hauptbahnhof Zürich

Für Fussgängerinnen und Fussgänger gibt es ab Dezember einen neuen, direkten Weg zwischen den Zürcher Stadtkreisen 4 und 5. Der Negrellisteg, der das Gleisfeld vor dem HB überspannt, wird bei laufendem Bahnbetrieb gebaut. Er könnte verkehrspolitisch wegweisend werden.

Matthias Scharrer
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100 Meter der 160 Meter langen Fussgängerbrücke über das Gleisfeld beim Hauptbahnhof Zürich sind bereits gebaut.

100 Meter der 160 Meter langen Fussgängerbrücke über das Gleisfeld beim Hauptbahnhof Zürich sind bereits gebaut.

Matthias Scharrer

Das Gleisfeld vor dem Hauptbahnhof Zürich durchtrennt die Stadt. Nur wenige Über- und Unterquerungen existieren. So richtig fussgängerfreundlich ist keine davon: weder die Langstrassen-Unterführung, noch die Hard- oder die Europabrücke. Doch eine attraktive Alternative nimmt jetzt Gestalt an: der Negrellisteg. Auf einer Länge von 161 Metern soll er zwischen Hauptbahnhof und Langstrasse schon bald das Gleisfeld überqueren. Bereits 100 Meter der Fussgängerbrücke sind gebaut. Bis Ende Juli sollen die letzten stählernen Brückenelemente eingeschoben und verschweisst werden. Ab Mitte November könne der Steg in Betrieb genommen werden, sagte SBB-Projektleiter Benedikt Ronner gestern bei einer Baustellenbegehung. Da die SBB wegen der Coronakrise auf ihren Grossbaustellen die Arbeiten unterbrachen, ergibt sich eine Verzögerung von zwei Monaten. Doch warum ist der Steg wichtig?

Auf Veloverbindung wurde verzichtet
«Der Fussverkehr hat im dicht besiedelten Gebiet eine besondere Bedeutung», betonte Daniel Wyss vom städtischen Tiefbauamt, das mit den SBB die Bauherrschaft bildet. «Er ist neben dem Velo- und öffentlichen Verkehr das stadt- und umweltverträglichste Verkehrsmittel.» Und dicht besiedelt ist das Gebiet wahrlich: Mit der Europaallee haben die SBB hier in den letzten Jahren einen neuen Stadtteil gebaut. Jenseits der Gleise entstand eine Genossenschaftssiedlung. Nun werden die beiden Gebiete verbunden. Der Spaziergang in zehn Metern Höhe über die Gleise eröffnet neue Perspektiven. Von einem künftigen Wahrzeichen der Stadt war bei der gestrigen Begehung die Rede.

Zürich wird dadurch jedenfalls ein Stück weit fussgängerfreundlicher. Ursprünglich hätte der Negrellisteg auch für den Veloverkehr dienen sollen. Ein entsprechendes Projekt lag vor zehn Jahren vor. Doch die Umsetzung wurde gestoppt und das Projekt abgespeckt. Statt 30 Millionen kostet es nun 11 Millionen Franken, wobei sich Stadt und SBB die Kosten teilen. Und statt einer velotauglichen Rampe werden nun zwei Türme platzsparend die Enden des Negrellistegs bilden, mit Liften und Wendeltreppen.

Mehr Platz für Velofahrer, die das Gleisfeld queren wollen, sollen ab nächstem Jahr zusätzliche Velospuren in der Langstrassenunterführung schaffen, wie Wyss sagte. Zudem sei ab 2024 der Ausbau des Stadttunnels unter dem Hauptbahnhof als Velotunnel geplant.

Benannt ist der Negrellisteg übrigens nach Alois von Negrelli, der im 19. Jahrhundert die Projektleitung für die erste Schweizer Eisenbahn von Zürich nach Baden innehatte. Ob der neue Steg wegweisend für die fussgängerfreundliche Umgestaltung der Stadt wird, bleibt abzuwarten.

Fussgängerfreundlichkeit: Zürich liegt auf Platz drei

Eine gestern veröffentlichte Studie zeigt auf, wie fussgängerfreundlich Schweizer Städte sind. Untersucht wurden 16 Städte, darunter alle Schweizer Grossstädte sowie Städte aus allen Sprachregionen des Landes. Insgesamt schnitten dabei Basel und Bern am besten ab, gefolgt von Zürich und Neuenburg. Am wenigsten fussgängerfreundlich ist demnach Lugano.

In der Studie wurden drei Schwerpunktthemen einbezogen: Ein Fussverkehrstest, die Planungspraxis sowie anhand von insgesamt gut 4000 ausgefüllten Fragebögen die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Fussgängersituation.

Im Fussverkehrstest erreichte Aarau die besten Werte, gefolgt von Zürich und den gleichauf liegenden Städten Lausanne, Bern und St. Gallen. Am zufriedensten punkto Fussverkehr zeigten sich die Befragten in Chur, gefolgt von Winterthur. Punkto Planungspraxis schnitten Basel und Bern klar am besten ab. Die von der Umweltorganisation Umverkehr, dem Verband Fussverkehrs Schweiz und der Hochschule für Technik Rapperswil erstellte Studie zeigt auch auf, wo Fussgänger am sichersten unterwegs sind: Chur, Bern und Aarau haben mit 1,6 Fussgängerunfällen pro 10000 Einwohner und Beschäftige die beste Quote. Auch Winterthur ist mit einer Quote von 1,9 ein eher sicheres Pflaster für Fussgänger. Zürich hingegen verzeichnet 2,7 Fussgängerunfälle pro 10000 Einwohner und Beschäftigte, Schlusslicht Locarno gar 3,3. (mts)