Insbesondere die Stadt Schlieren hat sich mit ihren Clustern an der Wagi-, der Rüti und der Brandstrasse als Wirtschaftsstandort auf solche Firmen ausgerichtet – und sich damit in ein Haifischbecken begeben.

Denn die sogenannten Spin-offs ehemaliger Studenten der Universität Zürich oder der ETH, die sich hier angesiedelt haben, werden von ausländischen Standortförderern etwa aus Deutschland, England oder auch Kanada umworben. Die vielversprechenden Jungunternehmer sollen ihren Hauptsitz in einen Cluster in ihrem Land verschieben, um diesen aufzuwerten und zur Wertschöpfung am Standort beizutragen.

Einer der Unternehmer, die bereits Erfahrungen mit Anfragen ausländischer Behörden gemacht haben, ist Michael Salzmann, Manager des Life-ScienceUnternehmens Neurimmune im Schlieremer Bio-Technopark. Meist stehe das Management eines ausländischen Technoparks hinter solchen Abwerbungsversuchen, sagt er.

«Wir wurden aber auch schon zu Special-Events in Botschaften in Bern eingeladen, wo uns die wirtschaftlichen Vorteile dieser Länder angepriesen wurden», so Salzmann. Die Abwerber locken gemäss seinen Erfahrungen mit tieferen regulatorischen Auflagen bei der Produkte-Entwicklung, mit Kontakten zu Investoren oder auch mit Steuererleichterungen.

Gian Reto à Porta, der zusammen mit zwei Co-Gründern das erfolgreiche Finanz-Software-Unternehmen Contovista an der Schlieremer Rütistrasse aufgebaut hat, wurde an einem Networking-Anlass in London von einem walisischen Standortförderer umworben.

Dieser habe etwa versprochen, dass die Regierung des angepriesenen Standorts einen grossen Teil der Mietkosten übernehme, wenn seine Firma sich dort niederlassen würde, sagt à Porta. Meist argumentierten ausländische Behörden aber vor allem mit tieferen Lohn- oder Betriebskosten.

Bis zu drei Anfragen pro Jahr

Laut Salzmann und à Porta sind solche Abwerbungsversuche keine Seltenheit: «Wir haben zwei- bis dreimal pro Jahr solche Kontakte», sagt Salzmann. Und Christian Zahnd vom börsenquotierten Krebsmedikamenten-Hersteller Molecular Partners bestätigt, dass «regelmässig» Anfragen von Standortförderern eingehen würden. «Als aggressiv würde ich die Werbung aber nicht bezeichnen», sagt er.

Anders sieht dies offenbar der Zürcher Regierungsrat. In einer Antwort auf eine Anfrage von FDP-Kantonsrat Beat Habegger erklärt er, dass sich der internationale Standortwettbewerb in den letzten zehn Jahren zugespitzt habe und «das Vorgehen der Förderagenturen bedeutend aggressiver» geworden sei.

Der Kanton Zürich weise im Vergleich zu anderen Standorten ein hohes Kostenniveau auf und leiste auch keine Subventionen an Start-ups. «Für eine breite Ansiedlung von Start-ups sind die Rahmenbedingungen deshalb meistens nicht geeignet», schreibt der Regierungsrat.

Ein gewisses Potenzial verortet er aber in der sogenannten «Präzisionsgüterindustrie», also etwa bei Unternehmen der Life-Sciences-, High- oder Medtech-Branche. Der Kanton Zürich versucht seinerseits, über die Standortmarketing-Organisation Greater Zurich Area AG (GZA) Technologiefirmen und andere innovative Unternehmen aus dem Ausland dazu zu bewegen, sich im Grossraum Zürich anzusiedeln.

Lukas Huber, der stellvertretende Geschäftsführer der GZA, hat zwar Kenntnis davon, dass ausländische Clusterförderer Spin-offs der ETH und der Uni umgarnen. Er sagt aber, es gehe zu weit, von «systematischen Abwerbeversuchen» zu reden. Solche Start-ups werden für Standortförderer erst interessant, wenn sie kurz davor stehen, ihr Produkt zu kommerzialisieren, wie er sagt: «Etwa, wenn ein Wirkstoff in einer fortgeschrittenen Testphase steht.»

Start-up-Exodus folgt eher nicht

Und davon gibt es im Limmattal einige. Muss die Region also um ihre erfolgreichen Start-ups bangen? Die Gefahr eines Exodus besteht allem Anschein nach zumindest nicht. Selbst das Institut für Jungunternehmer (IFJ) mit Sitzen in St. Gallen, Lausanne und Schlieren, das seit über 25 Jahren Firmengründer berät und insbesondere die Internationalisierung von Start-ups unterstützt, erklärt auf Anfrage, dass in der Schweiz gegründete Unternehmen ihren Hauptsitz nur sehr selten ins Ausland verlegen würden.

«Und wenn, dann meist nur, weil dies ein Investor oder ein Industriepartner als Bedingung für die Zusammenarbeit stellt», sagt Simon May, Mitglied der Geschäftsleitung beim IFJ.

Von den angefragten Schlieremer Firmen plant derzeit keine einen Wegzug. «Einsparungen bei Personal und anderen Betriebskosten sind nicht alles», erklärt etwa Jan Lichtenberg, CEO der Mikroorgan-Entwicklerin Insphero. Er wie auch Zahnd von Molecular Partners verweisen darauf, dass ihre Mitarbeiter ihren Lebensmittelpunkt in der Schweiz hätten und man mit einem Standortwechsel ins Ausland riskiere, diese angeworbenen Talente wieder zu verlieren.

Mietkonditionen als Anreiz

Neben der menschlichen Komponente spricht aber laut Lichtenberg auch das «Gesamtpaket» bei den Clustern im Limmattal gegen einen Wegzug: «Mit der Nähe zu den Talentschmieden Uni und ETH, zu den Investoren und über den Flughafen auch zu Partnern in Übersee ist der Standort im Bio-Technopark für uns ideal.»

Für Gian Reto à Porta von Contovista ist neben der Nähe zur Stadt Zürich auch die Schlieremer Willkommenskultur gegenüber Start-ups ausschlaggebend dafür, dass seine Firma auf Abwerbeversuche aus dem Ausland bisher nicht eingegangen ist. «Wir haben an der Rütistrasse günstige Mietkonditionen vorgefunden und schätzen die Möglichkeit, im selben Gebäude wachsen zu können», sagt er.

Genau hierin sieht der Schlieremer Standortförderer Albert Schweizer den Hauptfaktor dafür, dass sich die Stadt zu einem Hotspot für Start-ups in der Schweiz entwickelt konnte: «Wir wollen den Firmengründern als Standort bei der Infrastruktur und den Mietbedingungen Hand bieten.»

Weil dies in der Vergangenheit gut funktioniert habe, konnten sich Cluster entwickeln, die Synergien zwischen den Unternehmen ermöglichten und so ein Umfeld bildeten, das eine hohe Anziehungskraft auf neue Start-ups ausübe. Und diese Strategie scheint aufzugehen.