Die Fotografien der heimischen Insekten von Hans Boss aus Schlieren fallen auf. Sie stechen ins Auge und geben Einblick in die Welt der Kleinlebewesen, die von blossem Auge so nicht sichtbar ist. Für das perfekte Bild wartet er stundenlang auf den idealen Moment, das rechte Licht, um dann im passenden Augenblick, meist im Bruchteil einer Sekunde, in Serie abzudrücken, damit ein Foto entsteht, welches an Professionalität schwer zu überbieten ist.

Nur so sieht man auf den Bildern all die feinen Linien der schimmernden Flügel verschiedenster Bienenarten, oder sieht die spezielle Form eines winzigen Insekts, welches bei Betrachtung seiner Bilder eine ganz neue Dimension erhält. So etwa jene Momente, in denen er einem Spargelkäfer auflauert oder in Grossaufnahme eine spezielle Fliege zeigt, die ihren langen Stachel am Hinterleib, so fein wie ein Haar, zur Eierablage aufspaltet und in ein Holzstück eindringt. «Um die ganze Schönheit des Insekts zu sehen, muss das gesamte Tier gestochen scharf sein», sagt Hans Boss und führt gemeinsam mit seiner Frau Charlotte durch den eigenen Schrebergarten im Betschenrohr direkt an der Limmat in Schlieren.

Ein kleiner natürlicher Zoo im eigenen Garten

Seit 28 Jahren pflegen die beiden gemeinsam mit den Nachbarn Richard Oesterreicher und seiner Frau ein kleines Naturjuwel. Rund 750 Quadratmeter Fläche stehen durch die fliessenden Übergänge der Grundstücke zur Verfügung. Während in den Nachbarsgarten links und rechts das gewohnte Bild einer grünen Rasenfläche und in den Beeten die Aneinanderreihung von Gemüsesorten dominiert, ist dieser Garten ganz anders: Hier ein mit Laub gefüllter und zugedeckter Holzstapel als Zufluchtsort für die heimische Ringelnatter und die Eidechse, da der Teich, wo diverse Libellenarten herumfliegen und Frösche ins Wasser springen. Unzählige Bienen- und Insektenarten schwirren umher und suchen auf den für sie geeigneten Pflanzenarten Platz. Dazwischen schlängelt sich ein schmaler Weg durch Himbeerstauden, Erdbeeren, Kartoffeln und Salate: «Schlicht kein Einheitsbrei, nicht nur braun und grün, sondern Vielfalt», bringt es Charlotte Boss auf den Punkt. «Man braucht nicht unbedingt in den Zoo zu gehen, um verschiedene Tiere zu sehen, wenn man eine gewisse Diversität im Garten zulässt.»

Eine Baumhummel im Naturgarten im Schlieremer Betschenrohr.

Eine Baumhummel im Naturgarten im Schlieremer Betschenrohr.

Manchmal werde sie auch mit der Frage konfrontiert, ob sie das Jäten satt habe. Im Frühling und Herbst habe sie im Garten jeweils viel zu tun, aber nun stehe der Juli vor der Tür und auf den freue sie sich: «Es ist der Monat, wo sehr vieles auf einmal blüht», sagt sie. Ihre eigene Faszination liege besonders bei den Pflanzen und bei den Vögeln.

Auch Ferien im Ausland sind über die wärmeren Monate für das Ehepaar, das seit rund 40 Jahren in Schlieren wohnt, kein Thema. «Mag sein, dass wir im Vergleich zu den anderen Gärten als Spinner gelten und der Ertrag bei uns nicht so hoch ist, aber für die Natur ist es umso besser», sagt Hans Boss. Im Garten werde kein Gift benutzt und die Fläche für den Rasenmäher sei begrenzt. Es sind jene Schrebergärten, die in wenigen Jahren zwecks Renaturierung in Schlieren weichen sollen, erzählen die beiden mit etwas Wehmut. Wohin also mit all den Pflanzen und Tieren, die sich während Jahren angesiedelt haben und durchs Jahr kommen und gehen? Was konkret aus all dem Platz wird, wissen sie noch nicht, aber auch sie werden dann ihren Garten aufgeben müssen.

Mehrere Stunden für das richtige Foto

Rund achtzig Prozent der Fotografien nimmt Hans Boss in eben diesem Gartenparadies auf: «Ich empfinde eine grosse Freude, wenn ich sehe, was hier fliegt und lebt», sagt er. Er kenne viele Insekten, wie und wann sie sich wo aufhalten. «Für die Bilder verbringe ich im Durchschnitt fünf Stunden am Tag mit Warten und Beobachten.» Manchmal sei er von 9 Uhr bis 16 Uhr an Ort und Stelle in der Sonne und spüre abends die Arme nicht mehr, habe Schmerzen vom Halten der Kamera und von den seltsamen Bewegungen, die es für ein Foto brauche. «Die Insekten sind so lebendig und haben keine Zeit, um kurz für ein Foto hinzuhalten», sagt er scherzend. Seine Geduld wurde schon oft auf die Probe gestellt: «Ich habe auch schon mehrere Jahre gewartet, bis ein bestimmtes Insekt vor die Linse kam.»

Eine Heide-Blattschneiderbiene, ebenfalls im Naturgarten.

Eine Heide-Blattschneiderbiene, ebenfalls im Naturgarten.

In seine Leidenschaft als Hobbyfotograf floss für die professionellen Bilder aber auch sehr viel Geld in die Kameraausrüstung. Dazu kommen der Zeitaufwand für die korrekte Beschriftung, denn Hans Boss führt Listen, wann und wo das Insekt entdeckt wurde und versieht seine Fotografien mit einem kurzen Steckbrief zum Lebewesen. «Ich bin sehr aktiv auch als Musiker auf Bühnen unterwegs und wenn ich 90 Jahre alt werden darf, dann kann ich vielleicht rumsitzen und nichts mehr tun», sagt er über sich selbst.

Es ist keineswegs eine Veröffentlichung der Bilder, die ihm am Herzen liegt: «Das, was mir mit meinen Bildern wichtig ist, ist, meinen Enkeln zu zeigen, was es gibt und irgendwann wird es heissen, was es hier einmal gab. Es gilt zu sensibilisieren für die Schönheit des Lebens, wenn man sich Zeit nimmt», sagt er. Die Vielfalt und die Kleinlebewesen würden langsam aussterben, was man auch daran sehe, wie wenig noch herumfliege oder wie wenig Insekten im Gegensatz zu früher bei einer Autofahrt beispielsweise mit der Frontscheibe kollidieren.

«Langsam findet ein Umdenken statt, aber dieser Prozess geht viel zu langsam vor sich», ist sich Hans Boss sicher. Die Menschheit habe noch nicht begriffen, was ein Rückgang bedeutet: Ohne Insekten keine Vögel, und ohne Insekten keine Bestäubung. Es sei an der jungen Generation, dies zu sehen und sich im Leben dann für die Natur zu entscheiden, sagen die beiden.