Oetwil
Aus dem trübem Tümpel in Oetwil wurde eine Idylle

Ein Jahr nach der Renaturierung des Limmatufers haben sich viele bedrohte Arten angesiedelt. Zwei Bänke und eine Feuerstelle laden zudem junge Familien oder Spaziergänger und Hündeler zum Verweilen ein.

Gioia Lenggenhager
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Letzten Frühling wurde das Limmatufer auf Oetwiler Gemeindegebiet einer Renaturierung unterzogen. Das Ufer wurde abgeflacht, der Zu- und Abfluss des Binzerliweihers neu gestaltet und ein alter Limmatarm wieder ausgehoben, sodass drei kleine Inseln entstanden sind. Heute, rund ein Jahr nach Abschluss der Renaturierungsarbeiten, ist eine der Inseln zum gemütlichen Treffpunkt geworden. Zwei Bänke und eine Feuerstelle laden junge Familien oder Spaziergänger zum Verweilen ein.
Die beiden anderen Inseln sind für Menschen nicht zugänglich. Sie sind jetzt das Reich einer Gartengrasmücke, einem geschützten Singvogel, die ihr Lied in den Nachmittag zwitschert. «Auch Enten nisten hier gerne», sagt der Ökologe Tobias Liechti, der das Renaturierungsprojekt betreute. Katzen und Füchse seien auf der Insel keine Gefahr für die frisch geschlüpften Küken. Zusätzlich würden in den Sommermonaten auch Erpel auf den Inseln Schutz finden. «Wenn ein Erpel im Sommer mausert, kann er nicht mehr fliegen, weil er fast sein ganzes Federkleid auf einmal ablegt», erklärt Liechti und beobachtet glänzende Prachtlibellen, die einer Kolbenente um den Kopf schwirren. Über den Baumkronen segelt eine Weisskopfmöve stolz durch die Luft.
Binzerliweiher wurde Augenweide
Idyllische Bilder zeigen sich auch einige Meter flussaufwärts: Am Ufer des Binzerliweihers stehen Silberweiden, darunter blühen gelbe Wasserkressen. Schilfpappel-Samen wirbeln durch die Luft, als wären es Schneeflocken. Ein Entenpaar und eine Schwanenfamilie stecken abwechslungsweise die Köpfe ins Wasser. Ein Blässhuhn, auch «Taucherli» genannt, stochert mit dem Schnabel in dem Nest, das es auf den Seerosen gebaut hat. Daneben flattert ein Schmetterling scheinbar orientierungslos durch die Luft. «Das ist ein Kohlweissling», sagt Liechti bestimmt, bückt sich über das Holzgeländer und schneidet einen Gartenbrombeerstrauch ab. «Diese Pflanze wächst sehr schnell; sie würde die Sumpfpflanzen vom Greifensee verdrängen, die wir hier angesiedelt haben.»
Dann schiesst ein kleiner blauer Vogel pfeilschnell über den Teich. «Dieser Eisvogel hatte Glück. Rund 70 Prozent der Population ist im Winter verhungert oder erfroren, weil die Gewässer lange zugefroren waren. Darum hat den Eisvögeln der Zugang zu ihrer Nahrungsquelle - den Fischen - über lange Zeit gefehlt», erklärt Liechti. Den Ökologen freut, dass innerhalb nur eines Jahres viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten in der renaturierten Zone Platz gefunden haben. Auch Rolf Pfenninger, Projektleiter der EWZ, die mit ihrem «naturemade star»-Fonds das Umgestaltungsprojekt finanzierte, ist zufrieden: «Die Renaturierung ist sehr gelungen - der Einsatz hat sich gelohnt.» Rund 1.3 Millionen habe der Fonds am Limmatufer investiert, sagt Pfenninger und lässt den Blick über den Weiher schweifen. «Früher war das Wasser trüb. Der Teich wirkte beinahe unheimlich. Heute kann man die Steine auf dem Grund sehen.»
Wie auf Kommando durchbricht ein Fisch die spiegelglatte Wasseroberfläche. Ob es ein Karpfen, ein Hecht, ein Alet oder eine Nase war? Liechti ist sich nicht sicher. Er hofft, die Nasen würden sich in den nächsten Jahren vermehrt im Binzerliweiher ansiedeln. Die Bestände der einst häufigen Fischart seien in den letzten Jahrzehnten stark geschrumpft, weil viele Flusskraftwerke die Wanderung der Fische durchschnitten. In der Limmat seien allerdings immer noch Nasen unterwegs. «Das Limmattal hat sogar seine eigene Nasenspezies. Die Gene der Fische hier unterscheiden sich von anderen Nasen in der Schweiz», erklärt Liechti.
Amerikanische Rotwangenschildkröten strecken indes ihre eigenen Nasen in die Höhe. Wie versteinert geniessen sie die Wärme der Sonne. Die schmucken Tiere sind Liechti aber ein Dorn im Auge. «Eigentlich gehören sie nicht hierhin. Sie wurden einst als Haustiere gehalten und hier freigelassen», erklärt er. Die Fleischfresser seien eine grosse Bedrohung für einheimische Ringelnattern. Glücklicherweise könnten sich die ausgewilderten Tiere nicht vermehren - es sei zu kalt. Trotzdem appelliert Liechti an Schildkrötenhalter: «Es gibt extra Auffangstationen. Hier, in der freien Natur, gefährden sie das Ökosystem.