Monrovia
"Aus dem Nichts kommt ein Mob" – Wie ein Zürcher Kantonspolizist in Liberia Aufbauarbeit leistete

Der Zürcher Kantonspolizist Hartmann spricht über seine Erfahrungen auf UN-Mission in Liberia. Ein Jahr lang war er in beratender Funktion für die Polizei von Monrovia tätig.

Matthias Scharrer
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«Wenn das Volk redet, weiss jeder alles von jedem. Es gibt keine Privatsphäre», sagt Hartmann über seine Polizeierfahrungen in Westafrika.

«Wenn das Volk redet, weiss jeder alles von jedem. Es gibt keine Privatsphäre», sagt Hartmann über seine Polizeierfahrungen in Westafrika.

SEVERIN BIGLER

4 Jahre nach dem blutigen Bürgerkrieg ist das westafrikanische Land Liberia aus den hiesigen Schlagzeilen verschwunden. Jetzt soll dort der erste demokratische Machtwechsel nach dem Krieg gelingen. Allerdings wurde die Stichwahl für die Nachfolge der ersten afrikanischen Staatspräsidentin und Friedensnobelpreisträgerin, Ellen Johnson Sirleaf, anfang November vom Obersten Gericht Liberias verschoben. Als Grund dafür nannte das Gericht Einsprachen wegen Verdachts auf Wahlbetrug im ersten Wahlgang.

Dass nach der blutigen Herrschaft des Kriegsverbrechers Charles Taylor überhaupt wieder staatliche, demokratische Strukturen aufgebaut wurden, ist auch ein Resultat der 14-jährigen Mission der Vereinten Nationen in Liberia (Unmil). Und daran waren auch Schweizer beteiligt. Zum Beispiel der Zürcher Kantonspolizist Hartmann. Von März 2016 an war Hartmann, der seinen Vornamen nicht in der Zeitung lesen will, ein Jahr lang als Polizeiberater im Hauptquartier der liberianischen Polizei in Monrovia tätig.

 Der Zürcher Kantonspolizist Hartmann leistete ein Jahr lang Aufbau-Arbeit für die Polizei in Liberia.
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 Die Vereinten Nationen unterstützen das Land beim Wiederaufbau von staatlichen, demokratischen Strukturen. Mit dabei: der Zürcher Kantonspolizist Hartmann.
 Von März 2016 an war er ein Jahr lang als Polizeiberater im Hauptquartier der liberianischen Polizei in Monrovia tätig.
 Hartmann: "Wir gingen mit den liberianischen Polizisten ihre Fälle durch, machten Workshops – kurz: wir versuchten, unter widrigen Umständen gute Polizeiarbeit zu vermitteln."
 In Liberia fehlte es an vielem, was in der Schweiz selbstverständlich ist. Die Polizisten mussten Kugelschreiber selber kaufen oder aus der eigenen Tasche ein Taxi bezahlen, um an einen Tatort zu kommen.

Der Zürcher Kantonspolizist Hartmann leistete ein Jahr lang Aufbau-Arbeit für die Polizei in Liberia.

zvg

Wir treffen ihn im Hauptquartier der Kantonspolizei in Zürich, beim Kasernenareal an der Sihl. Hartmann, 35 Jahre alt, stahlblaue Augen, fester Blick, kurze, nach hinten gestrählte Haare, erzählt von seiner Zeit in Liberia: «Wir gingen mit den liberianischen Polizisten ihre Fälle durch, machten Workshops – kurz: Wir versuchten, unter widrigen Umständen gute Polizeiarbeit zu vermitteln», umreisst er seine damaligen Aufgaben.

Es habe an vielem gefehlt, was hierzulande selbstverständlich ist: Mal wurden die Löhne der liberianischen Polizisten monatelang nicht ausbezahlt, mal fiel der Strom aus oder es gab kein fliessendes Wasser. Polizisten mussten Kugelschreiber selber kaufen oder aus der eigenen Tasche ein Taxi bezahlen, um an einen Tatort zu kommen. «Wir selber hatten ein bis zwei Autos für das Team, je nachdem, ob gerade eins kaputt war», sagt Hartmann. So habe der Tag jeweils damit begonnen, dass ein Polizist mit dem Auto die anderen Teammitglieder abholte.

Zu lange Haftzeiten

Ein Hauptziel der Unmil-Polizeiarbeit habe darin bestanden, gegen zu lange Haftzeiten anzugehen. Während in der Schweiz maximal 24 Stunden Polizeihaft erlaubt sind, beträgt der zulässige Höchstwert in Liberia 48 Stunden. Fielen beim Durchsehen der Haftlisten längere Haftzeiten auf, fragte Hartmann nach. «So konnten wir Einfluss nehmen.» Bisweilen hätten zu lange Haftzeiten aber auch daher gerührt, dass die Justiz die Fälle nicht rechtzeitig von der Polizei übernommen habe. Ein weiteres grosses Thema sei Selbstjustiz durch die Bevölkerung – besonders bei Sexualdelikten. «Morgens liegt dann an einer Kreuzung ein nicht identifizierbarer Körper», erzählt Hartmann.

Überhaupt hat der Zürcher Polizist bei seiner Arbeit im bürgerkriegsversehrten Liberia festgestellt: «Der Mensch ist explosiver dort. Es gibt schneller Tote bei einem Streit – und Gewaltdelikte en masse.» Auch als Polizist komme man dabei manchmal in brenzlige Situationen. Hartmann spielt auf seinem Handy ein Video von einem Tatort ab: Auf staubigem Boden ist ein bäuchlings liegender Toter mit nacktem Oberkörper zu sehen. Viele Menschen eilen herum. Dann rücken sie näher. Sprechgesänge sind zu hören.

Tipps am Tatort

«Man merkt, wenn man gehen muss», sagt Hartmann. «Es wird laut, die Leute rücken näher, werden aggressiver, äussern Rachegefühle – und aus dem Nichts kommt ein Mob.» In solchen Situationen sei solide Polizeiarbeit, zum Beispiel Spurenauswertung, kaum machbar. Andererseits: «Wenn das Volk redet, dann weiss jeder alles von jedem. Es gibt keine Privatsphäre.» Wenn das Volk rede, lasse sich ein Täter innert Stunden ermitteln.

Im Rahmen der UN-Mission war Hartmann beratend im Einsatz, ohne Exekutivfunktion. Er gab beispielsweise bei der Tatortbearbeitung Tipps zum Fotografieren. Tipps wie: «Mach Übersichts- und Nahaufnahmen.» Und er stellte den Polizisten Fragen wie: «Hast du alle befragt? Hast du alles, was du brauchst?» Mit anderen Worten: Es ging um Grundlagen der Polizeiarbeit.

Nun ist Hartmann zurück in der Schweiz. Am Flughafen Zürich arbeitet er für die Kantonspolizei in der Ermittlungsabteilung Ausländerrecht, mit Themen wie Menschenschmuggel und Scheinehen.

Würde er wieder nach Liberia? «Ja», sagt der 35-Jährige. Allerdings werde die UN-Mission dort in ein bis zwei Monaten beendet. Was hat sie gebracht? «In Liberia herrschte 13 Jahre lang Krieg. Seit 2003 ist Frieden. Man baut auf», sagt der Zürcher Polizist. Dazu habe er einen Beitrag geleistet.

Wie weit die Unmil-Inputs von der liberianischen Polizei umgesetzt würden, sei ein anderes Thema. Zum einen, weil in Liberia oft die Mittel für gute Polizeiarbeit fehlten. Zum anderen, weil man als Aussenstehender interne Machtstrukturen nicht immer durchschaue.

In verschiedenen Welten

Ein Aussenstehender blieb er in seinem Jahr in Liberia: «Man lebt in verschiedenen Welten», sagt Hartmann. Nur schon materiell: Der Polizist aus Zürich wohnte in Monrovia in einem Einzimmer-Appartement in einer ummauerten, bewachten Siedlung, mit Stromgenerator, für 1500 Franken im Monat. Seine Miete entsprach dem Zehnfachen eines liberianischen Polizistenlohns. Hartmann ist bewusst, dass derartige Privilegien auch Kritik hervorrufen. Man brauche aber im Rahmen einer UN-Mission solche Inseln, auf die man sich zurückziehen könne. «Sonst würde man krank und müsste allenfalls nach kurzer Zeit wieder abreisen.»