Aesch
Aufräumen, bevor der Borkenkäfer kommt: «Es tut mir weh, was hier passiert ist»

Auch zwei Monate nach dem Sturm Burglind dauern die Aufräumarbeiten immer noch an. In Aesch hat der verheerende Sturm zur Folge, dass entlang des Chürzibachs viele gesunde Bäume gerodet werden müssen. Warum, erklärt der Limmattaler Revierförster Roland Helfenberger.

David Egger
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Waldschäden Burglind Aesch
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 «Es tut weh»: Revierförster Roland Helfenberger blickt auf das Hauptschadengebiet Zwischen den Häuen.
 Zwischen den Häuen blieben nur einige junge Laubbäume stehen. Schon vor rund 50 Jahren stürmte es hier gewaltig.
 Muss noch abtransportiert werden: Der Wintersturm Burglind hinterliess in Aesch viel Schadholz, total 6000 Kubikmeter.
 Beim Chürzibach am östlichen Aescher Dorfrand müssen aus Sicherheitsgründen fast alle Bäume weg.
 Diese Spezialmaschine kann bestens Bäume heben.
 Es wird noch lange dauern, bis der Wald beim Chürzibach wieder so schön aussieht wie vor dem Sturm Burglind.

Waldschäden Burglind Aesch

Alex Spichale

Über die oft matschige Waldstrasse führt Roland Helfenberger den Geländewagen mit ruhiger Hand, bis er den Motor abstellt. Sein Blick geht zur Linken, wo die Fichten zuhauf auf dem Boden liegen. Es ist Natur, massakriert von Naturgewalt. Hier auf 615 Metern über Meer, im Aescher Waldgebiet Seegaden, am südlichsten Punkt des Bezirks Dietikon, kann schnell das Gefühl aufkommen, der Wintersturm Burglind sei gestern gewesen. Helfenberger verlässt den Wagen und stapft los.

Noch bevor er bei den mächtigen Holzstämmen angekommen ist, hält er inne und klaubt ein kleines Pflänzchen mit langem Wurzelstiel aus der Erde. «Ich muss rasch diesen Neophyten ausreissen. Das ist ein Kirschlorbeer, der ist hier nicht heimisch», sagt er. Und stapft weiter. Seinem Auge entgeht nichts. Denn wenn der Mann mit der leuchtgelb-roten Jacke so etwas nicht sähe, sähe es wohl niemand. Das gilt auch für manche Schäden, die Burglind verursacht hat.

«Man fängt wieder bei Null an»

Ein Grossteil der Bevölkerung nehme die Schäden nicht wahr, sagt der Revierförster. Ausgenommen ein paar Hündeler und Spaziergänger. «Es tut mir weh, was hier passiert ist», sagt er weiter. Es sind kurze Worte für ein langes Leid. Bis auch die Fichten im Seegaden weggeräumt und damit vor dem Borkenkäfer gerettet werden, dauert es noch eine Weile. Auch jetzt, zwei Monate nach dem Sturm. Denn die Maschinen der Forstunternehmen sind ausgelastet. Jeder Förster muss warten, bis er zum Zug kommt. Und gerade in Aesch gibt es viel zu tun. 6000 Kubikmeter Holz hat der Sturm hier zu Boden geknallt. Zum Vergleich: Helfenbergers Zehn-Jahres-Plan erlaubt das Fällen von 1350 Kubikmetern Holz in Aesch pro Jahr. Mehr als den vierfachen Jahresertrag hat Burglind hier also über den Haufen geworfen. «Man fängt wieder bei Null an. Aber das ist die Natur und damit lebe ich», sagt Helfenberger. «In Aesch hatten wir jetzt mehr Schaden, als der Sturm Lothar im Dezember 1999 angerichtet hatte.»

An Lothar erinnert sich der Förster noch gut, begann er doch im September 1999 seine Karriere, als Gemeindeförster von Aesch. Heute ist er Revierförster für Aesch, Birmensdorf, Urdorf und Schlieren – und Uitikon, das seit 2018 auch zum Revier Limmattal-Süd gehört. Sturm Burglind traf keine Gemeinde im Revier so hart wie Aesch. Es ist eines der Hauptschadengebiete im Kanton Zürich.

Manche Bäume sind mitsamt dem Wurzelstock umgefallen, während andere nur einen oder mehrere Brüche aufweisen. «Das hat mit den Bodenverhältnissen zu tun. Wo es nass ist, fallen die Bäume mit den Wurzeln aus der Erde. Auf trockenen Böden brechen sie eher ein paar Meter über dem Boden ab.» Bäume mit Brüchen werden gefällt, aus Sicherheitsgründen.

Der Seegaden ist nicht das am stärksten betroffene Gebiet. Aber es ist jenes, wo die kaputten Bäume noch herumliegen. Sorgen, dass sie zu Spottpreisen verkauft werden müssen, macht sich Helfenberger keine: «Bisher ist der Holzpreis noch nicht zusammengebrochen.»
Die Sägereien haben viel zu tun im Moment. Während die ganz umgefallenen Bäume als normales Bauholz verkauft werden, gelangen gebrochene Bäume eher als Energieholz auf den Markt.

Zurück ins Auto: Vom Seegaden geht es zum Gebiet Zwischen den Häuen, vorbei an etwas mehr als mannshohen Waldstücken. Das sind jene Gebiete, die einst Lothar zerstört hat.
Zwischen den Häuen ist nichts mehr, wie es war. Aus dem Wald, der hier in rund einem halben Jahrhundert neu entstand, nachdem ein Sturm den Vorgängerwald kahlrasiert hatte, ist eine erdige Fläche geworden, bedeckt mit kleineren Fichtenzweigen. «Nach 50 Jahren Wachstum hätten diese Bäume langsam Ertrag abgeworfen. Stattdessen liegt jetzt wieder alles am Boden», sagt Helfenberger und lässt den Blick über das rund drei Hektaren grosse Areal schweifen, auf dem nur ein paar dünne, jüngere Laubbäume standgehalten haben. Bald sollen neue Bäume gesetzt werden: «Die Pflanzen sind bestellt. Vor allem Eichen und Ahorn wollen wir hier», sagt Helfenberger.

Weiter müssen noch die restlichen grossen Holzhaufen weggeräumt werden. «Theoretisch könnte man sie auch chemisch behandeln, um sie länger hier stehen zu lassen, aber wir sind hier im Quellschutzgebiet.»

Es fehlten nur wenige Meter

Nun fährt er zurück ins Dorf, vorbei am Restaurant Landhus. Beim Volg biegt er rechts ab, vorbei an der Bibliothek geht es die Haldenstrasse und die Grossacherstrasse den Berg hinauf. Am Rand des Siedlungsgebiets der nächste Halt. Beim Chürzibach hat es auch einige Bäume umgeworfen. Einer davon knallte auf die Terrasse eines Einfamilienhauses. Wenige Meter fehlten und das Haus wäre kaputt gegangen.

Noch schlimmer ist aber, dass die wenigen Bäume hier, die den Sturm überlebt haben, auch noch gefällt werden müssen. Zum einen aus Sicherheitsgründen, weil jetzt die Erde wegen der gefallenen Bäume weniger stabil ist und zum anderen, weil sich die Bäume, die noch stehen, Schatten gewöhnt sind. «Wenn sie einen Sonnenbrand bekommen, ist das zu gefährlich, sie könnten auch noch brechen.»

Nur ein paar kleine Exemplare dürfen stehen bleiben. Während sich die einen Nachbarn über mehr Sonne im Garten freuen, ärgern sich die anderen darüber, dass es hier keinen Wald mehr hat. «Mir passt es auch nicht, es ist ein krasser Eingriff. Aber es ist nötig und das wollte ich erklären», sagt Helfenberger. «Wir werden hier Eichen, Ahorn, Buche und Kirschbäume pflanzen. Das wird irgendwann wieder schön aussehen. Aber wir erleben das nicht mehr.»

Etwas weiter oben am Chürzibach rattert eine Spezialmaschine eines Forstunternehmens und räumt die gefällten Bäume weg.

52,2 Badi-Becken voll Schadholz

Im ganzen Kanton Zürich haben der Sturm Burglind und die Stürme danach eine Schadholzmenge von 120 000 Kubikmetern hinterlassen. Zum Vergleich: Das ist etwa 52,2-mal so viel, wie das grosse Becken des Urdorfer Freibads Weihermatt umfasst – es wird jeweils mit rund 2300 Kubikmetern Wasser gefüllt.

Auf einer Karte, die die Verteilung der Sturmschäden im Kanton aufzeigt, ist zu sehen, dass vor allem die Bezirke Dietikon und Affoltern die leidtragenden waren. Im Forstrevier Limmattal-Süd schädigte der Sturm 7290 Kubikmeter Holz.

Zu den 6000 Kubikmetern in Aesch kamen also nur je ein paar hundert Kubikmeter Holz in Birmensdorf, Uitikon, Urdorf und Schlieren hinzu.

Für das Forstrevier der Stadt Dietikon werden rund 400 Kubikmeter angegeben. Im Revier Ober- und Unterengstringen kamen etwas weniger als 200 Kubikmeter zusammen. Im Forstrevier Limmattal-Nord – dieses umfasst Oetwil, Geroldswil und Weiningen – wurden rund 700 Kubikmeter gezählt. Macht alles zusammen im Bezirk Dietikon über 8500 Kubikmeter, was etwas mehr als sieben Prozent des Gesamtschadens im Kanton Zürich entspricht – oder gut 3,72-mal dem Urdorfer Badi-Becken.

In den Forstrevieren des Bezirks Affoltern wurden insgesamt Schäden von etwas mehr als 23 000 Kubikmetern gezählt, die sich auf 14 Gemeinden aufteilen. Weitere Gebiete im Kanton Zürich, die stark getroffen wurden, waren insbesondere der südliche Pfannenstiel, das Rafzerfeld und das Weinland, wie Kantonsforstingenieur Konrad Noetzli in der Fachzeitschrift «Zürcher Wald» berichtete.

Kaum Schäden zu verzeichnen waren in den benachbarten Forstrevieren des Aargauer Limmattals. Im Revier Heitersberg, zu dem unter anderem Spreitenbach und Killwangen gehören, wurden gerade mal 600 Kubikmeter gezählt. Und im Revier Wettingen, von dem Bergdietikon ein Teil ist, waren es gerade mal 200 bis 300 Kubikmeter. Zum einen war der Sturm dort weniger stark. Zum anderen wurden dort nach dem Sturm Lothar 1999 viele Fichten durch robusteres Laubholz ersetzt.

Grösser waren die Schäden im Nachbarkanton bei den Gemeinden, die gleich neben Aesch liegen. Im Forstrevier von Arni, Islisberg, Oberlunkhofen und Jonen wird die Schadenmenge auf 4200 bis 8000 Kubikmeter geschätzt.

Neben den Kantonen Zürich und Aargau traf der Sturm vor allem die Kantone Solothurn, Luzern und Bern. Landesweit gab es rund 1,3 Millionen Kubikmeter Schadholz, was 565,2 Badi-Becken entspricht.