Weiningen
Auf Wunsch der Witwe: Gemeindepräsident erweckt Leo Nigglis Dorfchronik zu neuem Leben

Der Weininger Gemeindepräsident Mario Okle liess die Chronik des 2018 verstorbenen Leo Niggli digitalisieren und neu auflegen. 100 Exemplare sind in der Gemeindebibliothek erhältlich.

Sibylle Egloff
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Die lange Zeit vergriffene Weininger Dorfchronik ist wieder erhältlich. Gemeindepräsident Mario Okle liess sie auf eigene Kosten nachdrucken.

Die lange Zeit vergriffene Weininger Dorfchronik ist wieder erhältlich. Gemeindepräsident Mario Okle liess sie auf eigene Kosten nachdrucken.

Alex Spichale

Wie ein Schatz hält Mario Okle das 305-seitige Buch in den Händen. «Es ist ein tolles Nachschlagewerk. Ich stöbere ab und zu mal in der Dorfchronik», sagt der Weininger Gemeindepräsident. Leo Nigglis Chronik fasst 3500 Jahre Weininger Geschichte zusammen. Sie ist das Vermächtnis des 2018 verstorbenen Journalisten und Alt-Gemeinderats, der durch seine Liebe zur Geschichte seines Wohnorts allseits bekannt war. 2005 stellte Niggli das Werk nach 20 Jahren Arbeit fertig. Die Vernissage im Dezember 2005 bezeichnete er als einen der Höhepunkte in seinem Leben. Damals wurden rund 100 Exemplare gedruckt. Das Interesse war gross, sodass die Bücher bald vergriffen waren.

Der Weininger Gemeindepräsident liefert nun 15 Jahre nach Erstveröffentlichung Nachschub. Er liess das Werk digitalisieren und 100 Stück nachdrucken. «Leo Nigglis Witwe Alice besuchte mich vor einem halben Jahr in einer Sprechstunde und fragte mich, ob es möglich wäre, die Chronik ihres Ehemannes nachzudrucken. Es gäbe Bekannte, die gerne ein Exemplar davon hätten», erzählt Okle. Als er habe wissen wollen, um wie viele Stücke es sich handle, habe Alice Niggli die Zahl Drei genannt. «Ich musste schmunzeln, weil sich ein Nachdruck für nur drei Exemplare wirklich nicht lohnt», sagt Okle. Nichtsdestotrotz konnte er Niggli die Bitte nicht abschlagen.

Neuauflage aus dem eigenen Portemonnaie bezahlt

Als Mitglied des Rotary Clubs Zürich Dietikon kam er mit Rotarierin Caroline Hüsler ins Gespräch. Die Inhaberin der Druckerei Albisrieden willigte ein, die Chronik neu aufzulegen. «Sie hat das zu einem absolut sensationellen Freundschaftspreis gemacht», sagt Okle. Für die Digitalisierung der Seiten, den Druck und das Binden zahlte er 7800 Franken aus dem privaten Portemonnaie. «Ich habe das Geld sozusagen vorgeschossen. Das Buch wird für 100 Franken pro Exemplar verkauft. Wenn die hundert Stück wegkommen, sind die Kosten für die Neuauflage und den Aufwand genau gedeckt.»

Chronik 3500 Jahre Weiningen

Das Buch ist für 100 Franken in der Gemeindebibliothek Weiningen erhältlich und kann bestellt werden unter bibliothek.weiningen@bluewin.ch.

Der Gemeindepräsident hat keine Bedenken, dass er auf den Büchern sitzen bleiben wird. «Die Chronik ist besonders spannend für Neuzuzüger und Jungbürger. Ich bin mir sicher, dass sie sich damit eindecken werden.» Und für den Fall, dass die 100 neu gedruckten Exemplare auch wieder so schnell wegkommen wie bei der ersten Auflage, ist ebenso gesorgt. «Da das Werk digitalisiert wurde, stellt der Nachdruck nun kein Problem mehr dar», sagt Okle.

Die Qualität der Bilder sicherzustellen, war aufwendig

Ein paar Herausforderungen bei der Neuauflage habe es aber gegeben. «Es war schwierig, die Schärfe der Bilder und Texte sicherzustellen.» Die Bilder seien mithilfe eines Druckrasters erzeugt worden und hätten mit einem Filter bearbeitet müssen, um eine Überlagerung und Verschlechterung der Bildqualität auszuschliessen. «Da die Chronik viele Bilder beinhaltet, war das eine aufwendige Arbeit», sagt Okle. Umso erfreuter ist er nun beim Durchblättern des Buchs. «Der Inhalt ist auch nach 15 Jahren noch spannend. Ob Rationierungsmärkli zur Kriegszeit, archäologische Funde oder historische Erklärungen über die räumliche Entwicklung, dieses Buch bildet die Geschichte unseres Dorfes mittels verschiedener Blickwinkel auf die Gesellschaft ab», sagt Okle. Er hofft, durch die Neuauflage die Einwohner wieder etwas mehr für die Vergangenheit ihres Dorfes sensibilisieren zu können.

Das Gedächtnis von Weiningen

Mit Sicherheit ist die über 300 Seiten umfassende «Chronik 3500 Jahre Weiningen» das grösste Werk von Leo Niggli. Er hat der Gemeinde Weiningen aber noch viel mehr hinterlassen, unter anderem als Verfasser unzähliger Vereinsberichte und Festschriften etwa über den Frauenverein, die Holzkorporation, den Musikverein oder das Schlössli. Während mehr als fünf Jahrzehnte war Leo Niggli zudem journalistisch für diese Zeitung sowie für den «Tages-Anzeiger» und die «NZZ» tätig. Seinen ersten Artikel verfasste er über die Weininger Gemeindeversammlung vom 14. Januar 1956. Erschienen ist er vier Tage später. Dies nachdem er im Jahr zuvor am Knabenschiessen den damaligen Redaktor des «Limmattaler Tagblatts», Fritz Egli, kennenlernte. Leo Niggli war am Zürcher Traditionsanlass Chef des Schiessbüros und musste in dieser Funktion Presseleute über das Schiessen orientieren. Damit startete eine journalistische Karriere, in deren Verlauf 6450 Zeitungsartikel mit 3200 Bildern entstanden sind, darunter auch unzählige für die «Winiger Ziitig». Das daraus entstandene, 50 Ordner und 12 Schachteln umfassende, Archiv befindet sich mittlerweile im Besitz der Gemeinde Weiningen. Leo Niggli hatte es ihr 2012 vermacht. Neben seiner schreiberischen Tätigkeit hat sich der 1914 im solothurnischen Balsthal geborene und ab 1953 bis zu seinem Tod 2018 in Weiningen wohnhafte Niggli auch in verschiedenen Funktionen in seiner Gemeinde engagiert. So war er zwischen 1955 und 1970 als Parteiloser im Weininger Gemeinderat tätig. Auch in verschiedenen Vereinen engagierte sich der gelernte Mechaniker, der die Technikerschule besuchte und später bei der Firma Telefunken (danach Albiswerke und dann Siemens) arbeitete. Beim Musikverein Weiningen, der heutigen Kreismusik Limmattal, schlug er die Pauke, war mehrere Jahre Präsident und wurde dafür zum Ehrenpräsidenten ernannt. Auch bei der Schützengesellschaft der Stadt Zürich und beim Frauenverein Weiningen war er Ehrenmitglied – als einziger Mann. Seinen unermüdlichen Einsatz verdankte ihm die Gemeinde, indem sie den Steig, der von der Kirchstrasse zu seinem Haus führt, in Leo-Niggli-Steig umbenannte. Von der Holzkorporation erhielt er lebenslang Holz für seinen Ofen. (zim)