Für die einen geht es um «die letzten Altläufe der Limmat», wie Rosmarie Joss (SP, Dietikon) gestern im Kantonsrat sagte; um eine Gegend, in der Eisvogel, Pirol und andere seltenen Tiere ihre Heimat haben – hart an der Grenze zum Industriegebiet. Für die anderen geht es um ein Entwicklungsgebiet, dessen wirtschaftliches Potenzial seit Jahren ausgebremst wird. Die Rede ist vom Dietiker Gebiet Silbern/Lerzen/ Stierenmatt (SLS).

Gestern erklärte der Kantonsrat ein Postulat dazu für erledigt. Die beiden SP-Kantonsrätinnen Joss und Sabine Ziegler (Zürich) hatten damit den Regierungsrat vor sechs Jahren aufgefordert, endlich die längst fällige Moorschutzverordnung für das Flachmoor im Gebiet SLS zu erstellen.

Nahezu einstimmig hatte der Kantonsrat ihre Forderung 2014 unterstützt. 2017 legte der Regierungsrat die verlangte Schutzverordnung vor. Eigentlich wäre sie gemäss Vorgaben des Bundes schon 1997 fällig gewesen. «Von diesen 20 Jahren Verspätung gingen mindestens 15 Jahre auf das Konto ‹Untätigkeit der Behörden›», sagte Ruedi Lais (SP, Wallisellen) gestern rückblickend. «Der Regierungsrat hat mit seinem langen Nichtstun nicht nur dem Naturschutz, sondern auch den Dietikern einen Bärendienst erwiesen», doppelte Thomas Forrer (Grüne, Erlenbach) nach.

Doch auch nach dem Erlass der Moorschutzverordnung ging der Streit weiter: Naturschutzverbände gingen gegen die ihrer Meinung nach zu lasche Verordnung vor Gericht, blitzten dort jedoch ab. Somit liege jetzt eine rechtskräftige Moorschutzverordnung vor; das Postulat könne daher als erledigt abgeschrieben werden, sagte Joss gestern im Kantonsrat. Dem widersprach niemand. Formell ist das Thema Moorschutz im Gebiet SLS damit erledigt.

«Ein Armutszeugnis»

Das heisst aber nicht, dass der von der Stadt Dietikon bereits 2012 per Volksabstimmung beschlossene Plan für die Entwicklung des Gebiets SLS mit 6000 zusätzlichen Arbeitsplätzen und Wohnraum für 3000 Leute nun rasch umgesetzt werden kann. Inzwischen hat nämlich der Bund die Limmat-Altläufe im Gebiet SLS in sein Inventar der zu schützenden Auen aufgenommen. Nun muss der Kanton für die Umsetzung des Auenschutzes sorgen.

Für die Planungsvorhaben der Stadt Dietikon könnte dies nochmals Verzögerungen mit sich bringen, wie Martin Haab (SVP, Mettmenstetten) sagte. Naturschützer wittern Morgenluft: Mit der aktuellen Moorschutzverordnung gebe es eine viel zu schmale Pufferzone zum Industriegebiet hin, sagte Forrer. Weiter erklärte der Kantonsrat der Grünen: «Teils sind es nur zehn Meter, und dann nisten dort schon die Vögel.» Wann der Dietiker Gestaltungsplan in Kraft treten könne, sei wegen der Aufnahme ins Auenschutz-Inventar jedenfalls weiterhin unklar.

Josef Wiederkehr (CVP, Dietikon) machte seinem Ärger darüber Luft: Die jahrelange Planungsunsicherheit für die Bauherren sei «ein Armutszeugnis für unseren Kanton». Offenbar seien Frösche wichtiger als das im SLS-Gebiet geplante Schulhaus, die Arbeitsplätze, der Wohnraum und die Weiterentwicklung der Kehrichtverbrennungs- und der Abwasserreinigungsanlage der Limeco. Nun gehe es also um den Auenschutz. «Wir warten gespannt, was die Behörden sonst noch im Köcher haben, um die Limmattaler zu schikanieren», sagte Wiederkehr.

«Es ist einzigartig, dass sich Industrie und Natur so nahe kommen», gab Manuel Kampus (Grüne, Schlieren) zu bedenken. «Ich hätte mir eine schärfere Schutzverordnung mit grösseren Pufferzonen zum Industriegebiet hin gewünscht.» Doch jetzt sei die Rechtslage punkto Moorschutz klar. «Ich hoffe, dass es das nächste Mal schneller vorwärtsgeht für die Natur und die Bevölkerung», sagte Kampus.

Regierungsrat Martin Neukom (Grüne), der Anfang Mai das Erbe von Markus Kägi (SVP) als kantonaler Baudirektor und Umweltminister antrat, ist nun auch für die Umsetzung des vom Bund verlangten Auenschutzes an den Limmat-Altläufen mitverantwortlich. «Wir sind dran», versicherte er gestern im Parlament. Und fügte an: «Ich hoffe, dass es so schnell wie möglich Rechtssicherheit gibt.»