Weiningen
Auf dem Pferderücken wieder gesund werden

Im Verein Hippotherapie Raum Zürich wird mit Pferden gegen Bewegungsstörungen vorgegangen. Auch in Weiningen werden Stunden angeboten. Menschen mit Bewegungsstörung können sich hier mit der Hippotherapie auf eine besondere Art behandeln lassen.

Christoph Merki
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Hippotherapeutin Lea Sbalzarini (l.) überprüft die Bewegungen von Patient Bruno Rüegg (Mitte), während Daniela Donn (r.) Pferd Mosi führt.

Hippotherapeutin Lea Sbalzarini (l.) überprüft die Bewegungen von Patient Bruno Rüegg (Mitte), während Daniela Donn (r.) Pferd Mosi führt.

Christoph Merki

Gemütlich, als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen, trottet der achtjährige Islandwallach Mosi durch den herbstlich gefärbten Weininger Wald. Für heute ist es sein letzter Ausritt, bevor er wieder in seinen Stall auf dem Anwesen von Walter Haug zurück darf. Auch wenn das amtsjunge Pferd wohl kaum ins Schwitzen kommt, seine Dienste werden von Bruno Rüegg sehr geschätzt. Unter den wachsamen Augen der Hippotherapeutin Lea Sbalzarini versucht dieser, die Bewegungen des Pferdes aufzunehmen und dabei aufrecht im Sattel sitzen zu bleiben. «Durch die dreidimensionalen Bewegungen des Pferdes muss der Reiter stets reaktiv agieren, um seine Haltung zu bewahren», erklärt Sbalzarini. «Dabei wird automatisch die Rumpfmuskulatur gestärkt. Durch die Haltung der Arme kann dies noch verstärkt werden.»

Doch nicht nur der Rumpfstabilität zuliebe reitet Rüegg einmal pro Woche aus. Der Gangrhythmus des Pferdes ähnelt in der Geschwindigkeit dem eines Menschen. So können die für die Bewegung verantwortlichen Nerven den Rhythmus aufnehmen und diese programmähnlich speichern. Bewegt sich der Mensch dann selbstständig, können die Bewegungszentren auf diese passiv gelernten «Programme» zurückgreifen. «Wir behandeln hier nicht die Krankheit selbst, sondern die Symptome», erklärt die ausgebildete Hippotherapeutin. Ziel der Therapie ist es dann auch nicht, den Verlauf der Krankheit aufzuhalten, sondern dem Patienten zu ermöglichen, trotz der Krankheit die alltäglichen Tätigkeiten zu verrichten.

Eine Begleiterscheinung der Multiplen Sklerose sind Spastiken – also krampfähnliche, unwillkürliche Muskelkontraktionen. Diese können zu unnatürlich scheinenden Körperhaltungen führen und dem Patienten das Gehen erschweren. Bruno Rüegg ist von der Wirksamkeit seiner Reitausflüge überzeugt: «Dank der Hippotherapie ist die Spastik in meinen Beinen gesunken», sagt er. Zwar kann die Wissenschaft noch nicht ganz genau sagen, warum die Hippotherapie diese positiven Auswirkungen hat. Therapeuten und Patienten jedoch sprechen von zum Teil markanten Besserungen nach einer Therapiesitzung.

In modern ausgestatteten Therapiestätten sind heute auch schon Geräte vorhanden, die versuchen, diese Gehimpulse maschinell zu erzeugen. Sbalzarini jedoch ist skeptisch, was den Vergleich mit einem lebenden Pferd anbelangt. «Diese komplizierten Bewegungsabläufe, welchen der Patient auf dem Pferderücken ausgesetzt ist, können von einem technischen Gerät kaum simuliert werden», erklärt die auch als Tierphysiotherapeutin arbeitende Spezialistin.

Hinzu kommt sicherlich auch der Kontakt zum Tier. Zwar ist dies wissenschaftlich kaum feststellbar, doch Sbalzarini ist überzeugt, dass der enge Kontakt von Pferd und Reiter auch auf psychischem Weg zur physischen Besserung beitragen kann. Nicht zuletzt deshalb werden die Therapiestunden ganzjährlich angeboten: «Da muss man sich halt ein bisschen wärmer anziehen im Winter.»

Seit knapp zehn Jahren schon nimmt der in Dällikon wohnende Rüegg die Dienste vom Verein Hippotherapie Raum Zürich in Anspruch. Dieser wurde 1994 von Beatrix Markwalder als «Ein- Frau-Betrieb» gestartet. Mittlerweile gehören zwei Therapeutinnen, Lea Sbalzarini und Barbara Schubiger, sowie vier Islandpferde zur Ausstattung des Vereins.

Langweilig oder gar stier ist keine der Therapiestunden. Es wird gelacht, ein Spässchen gemacht oder ein wenig Tratsch ausgetauscht. Für Bruno Rüegg wurde die Hippotherapie fast schon zu einem Lebensinhalt. Zur Vorbereitung gehört für ihn auch das Zurechtmachen eines kleinen «Zvieri» für sein Pferd. «Ich habe Freude an den Isländern», sagt er und ist überzeugt: «Es ist auch wichtig, dass man es lustig hat während des Ausreitens.» So ist es das Gesamtpaket von Pferd, Physiotherapeutin und Pferdeführerin, welches dem Patienten hilft, mit seiner Krankheit besser umzugehen.

Vom Nutzen der Hippotherapie sind auch die Krankenkassen überzeugt. «Sie bezahlen solche Therapiestunden jedoch nur an Multipler Sklerose erkrankten Erwachsenen – bei Kindern, welche an einer zerebralen Bewegungsstörung leiden, übernimmt die IV die Kosten», erklärt Sbalzarini.

Zwar hat sie selbst keinen direkten Einfluss auf die Patienten, jedoch trägt als Pferdeführerin auch Daniela Donn einen grossen Anteil an einer erfolgreichen Therapie. Sie holt das Pferd aus dem Stall und führt es während der Therapie am Halfter. Seit zwölf Jahren schon verhilft sie so den Patienten zu mehr Lebensqualität. «Es tut auch mir gut, man ist draussen und bewegt sich», sagt sie lachend. Es sei aber nicht immer einfach, merkt sie an. «Ich rede mit den Patienten, kenne zum Teil ihr ganzes Leben. Da beschäftigt einen schon, was mit ihnen passiert», sagt sie nachdenklich.

Sie seien immer wieder auf der Suche nach volljährigen Pferdeführern, erklärt Sbalzarini nach getaner Arbeit – und mit dem Wissen, einem Menschen geholfen zu haben, mit seiner Krankheit ein klein wenig besser klarzukommen.

Infos unter: www.vereinhippotherapie.ch