Dass sich Kantonsräte am Sechseläuten-Montag in einer Zunft-Uniform im Zürcher Rathaus zeigen, ist nicht ungewöhnlich – solange es sich um FDPler oder SVPler handelt. Doch ich traute meinen Augen kaum, als GLP-Kantonsrat Cyrill von Planta in der altertümlichen Uniform der Zunft zur Waag erschien. Ausgerechnet ein Vertreter jener hippen, jungen Partei, die bei den Wahlen kürzlich abräumte und sich im Wahlkampf immer wieder von den «Altbürgerlichen» abgegrenzt hatte! Das Wort «altbürgerlich» verwendeten GLPler dabei gerne, wenn sie über FDPler oder SVPler sprachen, denen sie ihre althergebrachte Machposition streitig machten.

Und nun zeigte sich also dieser GLP-Mann mit Jahrgang 1976 gleichsam altbürgerlich, indem er ins symbolträchtige Outfit traditioneller Zürcher Machtzirkel gestiegen war. Ich sprach ihn darauf an und sagte, dass ich nicht ganz verstehen könne, warum er diese Verkleidung trage. Es mache einfach Spass, antwortete von Planta – und fügte an, er füge sich damit auch in die Zürcher Tradition ein. Erstaunlich, welche Sogkraft manche Traditionen haben.

Draussen ertönte der Sechseläuten-Marsch. Immer mehr Zünftler in altertümlichen Kleidern trafen ein. Zwei junge Männer standen am Strassenrand, wobei der eine dem anderen zu erklären versuchte, was es mit dem seltsamen Treiben auf sich habe: «Ein Mittelalter-Fest», hörte ich ihn sagen. Entstanden ist es im 19. Jahrhundert; also in jener Zeit, als die moderne Demokratie mittelalterliche Machtstrukturen auch in Zürich so gaaaanz allmählich ablöste.