Wer in der Nähe einer Kirche wohnt und nicht mit einem tiefen Schlaf gesegnet ist, kennt das Problem: Viertelstündlich erklingen die Glockenschläge. Ist man einmal erwacht, lassen sie einen kaum mehr einschlafen. Mit der erholsamen Nachtruhe ist es damit vorbei.

Schlaflose Schlieremer müssen sich über das Kirchengeläut vielleicht bald nicht mehr ärgern: Einige Anwohner richteten an die reformierte Kirchenpflege den Antrag, nachts die Glockenschläge abzuschalten. Nun befindet die Kirchgemeindeversammlung am 27. November darüber, ob die viertelstündlichen und die Stundenschläge zwischen 22 Uhr und 7 Uhr ausbleiben sollen.

Die Glocken der katholischen Kirche St. Josef in Schlieren schlagen bereits heute in der Nacht nicht mehr. Stimmt die reformierte Kirchgemeindeversammlung der Vorlage der Kirchenpflege zu, so wäre Schlieren also bereits die sechste Gemeinde im Bezirk Dietikon, in der des Nachts kein Geläut erklingt (siehe Tabelle). Aufseiten der katholischen Kirchen in der Region schlagen zwischen 22 und 6 Uhr nur noch die Glocken der St. Agatha in Dietikon, wie eine Umfrage bei den Kirchenpflegen zeigt. Die meisten anderen Gotteshäuser verzichten auf Zeitschläge und setzen ihr Geläut nur an zwei bis drei festgelegten Zeiten pro Tag sowie bei Gottesdiensten ein. Anders sieht es bei den Reformierten aus: In Urdorf, Uitikon, Birmensdorf, Weiningen und Dietikon erklingen die Glocken mindestens jede halbe Stunde, meist aber im Viertelstundentakt – auch die Nacht hindurch.

Tradition versus Lebensqualität

Die meisten Kirchenpflegen der Region, die an nächtlichen Zeitschlägen festhalten, begründen dies damit, dass es bisher noch zu keinen Reklamationen gekommen sei. Einige verweisen jedoch auch auf die traditionelle Bedeutung der Kirchenglocken. Carl Schnetzer von der reformierten Kirchgemeinde Birmensdorf-Aesch betont etwa, dass der Glockenschlag noch heute vielen Menschen den Lebensrhythmus vorgebe und ein Gefühl von Geborgenheit vermittle. Er glaubt, dass der Grund für die Kritik am Kirchengeläut oft in anderen Befindlichkeiten liegt: «Darin können sich generelle Antipathien gegenüber der Kirche widerspiegeln.» Andere Lärmquellen wie Nachtbaustellen oder Strassen seien für Viele störender.

Zu einem anderen Schluss kamen die ETH und die Empa 2011 in einer Studie zu den Auswirkungen von Glockengeläut auf den Schlaf: Die Forscher untersuchten dabei 27 Personen in der Umgebung von neun Kirchen im Kanton Zürich. Sie massen in ihren Schlafzimmern die Lautstärke des Kirchengeläuts und analysierten dann den Schlaf der Probanden. Behörden und Gerichte gingen bei der Beurteilung von Kirchenglockenlärm zuvor davon aus, dass Schlafende erst ab einem Pegel von 60 Dezibel aufwachen. Die Studie zeigte jedoch, dass schon bei einer deutlich geringeren Lautstärke mit einer Störung des Schlafs gerechnet werden muss. Bis zu einem Abstand von etwa 150 Metern von Kirchen ist statistisch mit einer oder mehr Aufwachreaktionen pro Nacht zu rechnen. Ob sich vermehrtes Erwachen längerfristig negativ auf die Gesundheit auswirkt, ist aber unklar.

Weiningen sagte Nein

Dass die Frage der Nachtruhe auch in der Region für Kontroversen sorgt, zeigte sich bereits 2009. Infolge einer Beschwerde führte die reformierte Kirchgemeinde Weiningen, die auch die Gemeinden Unterengstringen, Oetwil und Geroldswil umfasst, eine Umfrage durch. Sie wollte herausfinden, ob die Bevölkerung einer nächtlichen Abschaltung des Glockenschlags bei der Weininger Kirche zustimmen würde. Damals sprachen sich 13 Prozent der Befragten dafür aus, 84 Prozent wollten, dass alles so bleibt, wie es ist.

Ein zeitweiliges Aussetzen der Zeitschläge ist aber nicht die einzige Lösung, um die Nachtruhe der Anwohner einer Kirche zu gewährleisten. Die zweite bestünde in baulichen Massnahmen am Glockenstuhl, mit denen die Lautstärke im direkten Umfeld gesenkt wird. Für die Kirchenpflege der Schlieremer Reformierten ist dies aber keine Option, wie Liegenschaftsvorstand Perrin sagt: «Den Lärm zu dämmen würde sich ganztags weitherum spürbar auswirken, den Direktbetroffenen aber nachts trotz des erheblichen Aufwandes kaum etwas bringen.» Man müsse diese Frage deshalb grundsätzlich und auf die polizeilich angeordnete Nachtruhe bezogen angehen. Diese dauert von 22 bis 7 Uhr.

Stimmt die Kirchgemeindeversammlung am 27. November für die Glockenpause in der Nacht, so muss sie auch darüber entscheiden, wie viel diese kosten darf: Die Kirchenpflege holte Offerten für ein elektronisches Schlagschaltwerk ein. Damit könnten die Glockenschläge per Computer programmiert werden. Kostenpunkt für eine solche Anlage: 23 000 Franken. Es gäbe auch günstigere Lösungen, wie Perrin sagt: «Der Vorteil der elektronischen Steuerung ist, dass sie um weitere Module für das Raumklima, die Tonanlage oder die Beleuchtung erweitert werden kann.»

Umfrage: Praktisch oder störend: Sollen die Kirchenglocken nachts abgestellt werden?