Spaziert man durch das Dietiker Weinberg-Quartier, dominieren die Wahlplakate der FDP und der CVP das Strassenbild. Im einzigen Haus, vor welchem ein Plakat von Stadtpräsidiumskandidat Anton Kiwic (SP) angebracht ist, wohnt dieser selbst.

Herr Kiwic, vor 28 Jahren wurde mit Markus Notter letztmals ein Sozialdemokrat ins Dietiker Stadtpräsidium gewählt. Was können Sie von ihm abschauen?

Anton Kiwic: Könnte ich sein rhetorisches Talent stehlen, würde ich das tun. Er konnte zudem im Rahmen seiner politischen Arbeit in Dietikon beinahe alle, weit über die Grenzen der SP hinaus, für seine Ideen begeistern. Er präsidiert ja mein Unterstützungskomitee, was mir eine grosse Ehre ist.

Sie sagen, die Stadt habe unter der bürgerlich dominierten Führung gelitten. Was meinen Sie damit konkret?

Zur Beantwortung dieser Frage kann man x-verschiedene Aspekte beleuchten. Beispielsweise war der Stadtrat schwach im Silbern-Lerzen-Stierenmatt-Dossier. Die Unternehmer und Landbesitzer dort sind durch den sistierten Gestaltungsplan seit Jahren komplett blockiert, weil der Stadtrat den Hals nicht voll genug kriegen konnte und die Tier- und Naturschützer links liegenliess.

Als Stadtpräsident würden Sie besser zwischen Wirtschafts-, Naturschutz- und Kantonsvertretern vermitteln? Stellen Sie sich dies nicht zu einfach vor?

Überhaupt nicht. Mit den Interessenvertretern kann ich als Stadtpräsident ein konstruktives Gespräch führen, weil ich nicht Otto Müller bin. Wechselt das Personal, ändert der Dialog. So könnte man den Unternehmern in der Silbern etwa eine Kompensation für ihren Verzicht in Sachen Ausnützung zugunsten des Naturschutzes bieten.

Sie positionieren sich als Mann der Wirtschaft, sind aber auch Sozialdemokrat. Irritiert das viele Wähler?

Ja. Ich bin zwar in der SP, jedoch fahre ich einen Mercedes, wohne in einem schönen Einfamilienhaus und bin Mitglied im Golfclub. Für viele Menschen passt dies nicht zusammen. Ich finde, es soll auch in der Sozialdemokratie erlaubt sein, dass man zuerst für die Gesellschaft schaut und dann auch selber vorwärtskommt, wenn man noch Kapazitäten hat. Mir geht es also darum, eine Balance zwischen den Ansprüchen der Gesellschaft und jenen der Unternehmer zu finden.

Würden Sie sich somit als wirtschaftsfreundlicher als mancher Bürgerliche bezeichnen?

Ich denke ja. Das Bild vom Unternehmerschreck SP ist zwar veraltet, jedoch noch immer in den Köpfen der Menschen. Ich fragte etwa bei der Industrie- und Handelskammer und beim Gewerbeverein an, ob ich vorstellig werden dürfe. Man sagte Nein, weil ich als SPler wohl nicht in ihr Schema passe. Schade.

Woher wissen Sie, dass Sie in den Stadtrat passen und die Wünsche des Stimmvolkes umsetzen? Ihre prominenteste Vorlage, die Sanierung des Kirchhalde-Parks, erlitt an der Urne Schiffbruch.

Zur Präzisierung: Ich stiess die Sanierung an, der Stadtrat arbeitete die Vorlage aus und verloren haben wir alle zusammen. Darüber hinaus kann ich den Entscheid der Bürger nachvollziehen. Sagt die Stadtregierung über 20 Jahre hinweg, dass man arm ist wie eine Kirchenmaus, dann darf man nicht ein Ja zu einem Millionenkredit für eine Park-Aufwertung erwarten. Darin sehe ich übrigens eine weitere Aufgabe für mich als Stadtpräsident: Wieder Hoffnung verbreiten.

Sie wuchsen im Sonnenhof – sie nennen es die schönste Ecke der Stadt – auf, der kürzlich abgerissen wurde. Im Herbst gibt es dort Neubau-Wohnungen zur Miete. Schmerzt Sie das?

Nicht grundsätzlich. Mich schmerzt eher, dass die Stadt nicht auf den Bauherr zugegangen ist und ihm einen Deal angeboten hat. Etwa eine höhere Ausnützung, wenn er dafür einen gewissen Anteil günstigeren Wohnraum erstellt. Es kann nicht angehen, dass die weniger Verdienenden immer weiter nach Westen in den Aargau verdrängt werden.

Rund 40 Prozent der Einwohner Dietikons dürfen nicht wählen und abstimmen. Ist das ein Problem?

Ich denke ja. Überall auf der Welt findet gesellschaftliche wie auch politische Integration über Partizipation statt.

Sie stammen aus bescheidenen Verhältnissen. Nun sind Sie selbstständig und leben im eigenen Haus. Ist ein Werdegang wie Ihrer heute überhaupt noch möglich?

Rein statistisch gesehen, wird nur eines meiner vier Kinder – sie sind alle gescheit und studieren – einen vergleichbaren Weg machen. Die schulische Ausbildung ist zentral für den Lebensweg jedes Einzelnen. Daher schmerzen mich auch die Attacken auf unser Bildungssystem. Das geht von einer mangelhaften Bausubstanz bei unseren Schulhäusern bis hin zu Kürzungen bei der Schulsozialarbeit.

Wenn Sie Stadtpräsident würden, müsste das Gremium sechs Mal im Jahr auf dem Markt auftreten und fürs Volk ansprechbar sein, schreiben Sie auf Ihrer Website. Ist die heutige Exekutive abgehoben?

Allen, die einen Stadtrat treffen und mit ihm oder ihr sprechen möchten, wird dies gelingen. Doch gibt es durchaus Hürden und Berührungsängste, die es zu überwinden gibt. Daher sollte man eine Niederschwelligkeit anstreben.

Würde man Stadtratsmitglieder fragen, wie sie Sie einschätzen, was würden sie wohl sagen?

Ich bin für sie wohl schwer fassbar und damit schwierig einzuschätzen. Das hat damit zu tun, dass ich im täglichen Geschäft des Gemeinderates kein Wortführer war.

Voraussichtlich Ende Jahr stimmen die Zürcher über die Initiative «Stoppt die Limmattalbahn – ab Schlieren» ab. Was wäre die Rolle von Stadtpräsident Kiwic im Abstimmungskampf?

Die Bahn ist ein essenziell wichtiges Projekt für unser Tal. Davon bin ich überzeugt. Als Stadtpräsident werde ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, dass alle Parteien nach Uster, Wetzikon, Winterthur, Dübendorf, Meilen, Stäfa gehen, um ihren Leuten klarzumachen: Sagt Ja zur Limmattalbahn.

Sie sind vorbestraft, weil Sie eine Sans-Papiers nicht abgewiesen haben und gehen offen damit um. Was ist geschehen?

Etwa zur Jahrtausendwende kam eine Nanny zu uns ins Haus, zu der wir schnell eine sehr freundschaftliche Beziehung aufbauten. Sie ist Peruanerin und verfügte über ein einjähriges Visum. Als dieses ablief, brachte ich sie zum Flughafen, doch am Abend stand sie wieder vor unserer Tür. Anstellen konnten wir sie natürlich nicht, doch brachten wir es auch nicht übers Herz, ihr ein Bett zum Schlafen zu verwehren. Während ein paar Monaten verbrachte sie etwa alle zwei Wochen eine Nacht bei uns, bis man sie erwischte. Sie gab uns als ihren Wohnsitz an, was mir eine Geldstrafe von 3500 Franken einbrachte. Aber: Ich bereue diese Straftat nicht. Unsere Ex-Nanny ist und bleibt für unsere Familie ein wertvoller Mensch.