Die Fahrleitungen knistern, als die S14 im Bahnhof Weihermatt in Urdorf einfährt. Eine Gruppe von Menschen blickt zu einer 15 Meter hohen Antenne, die neben dem Gleis 1 aus dem Boden ragt. «Hier kommt die neue Mobilfunkanlage hin, 27 Meter hoch und 30 Meter entfernt von unserer Siedlung», sagt ein Mann und zeigt auf ein Rasenstück neben der Anlage. Er und einige seiner Nachbarn, die sich an diesem Mittag am Bahnhof einfinden, bevorzugen es, anonym zu bleiben. Sie alle leben unweit entfernt in der Überbauung Mühlebächli und sie alle stören sich am gemeinsamen Bauvorhaben der SBB und des Mobilfunkbetreibers Salt vor ihrer Haustüre.

Die Nachbarn haben sich deshalb zu einer Gruppe formiert und setzen sich gegen den Bau der Antenne ein. «Was aus der amtlichen Bekanntmachung am 31. Mai in der Limmattaler Zeitung nicht klar wird, ist, dass es sich dabei um eine 5G-Antenne handelt», sagt ein Anwohner. Die Strahlung an den höchstbelasteten Orten bei einzelnen Wohnhäusern und beim rund 150 Meter entfernten Spielplatz liege bei 96 beziehungsweise bei 86 Prozent.

Angst und Verunsicherung wegen Baugesuch

Die Angst vor der Strahlung ist dementsprechend gross. «In unserer Siedlung hat es 220 Wohnungen, darin leben viele Familien mit kleinen Kindern. Vor allem für die Kleinen sind die Strahlen besonders gefährlich», sagt eine Anwohnerin. Ihre Nachbarin nickt. «Ich habe selbst drei Kinder und das Baugesuch verunsichert mich, weil ich nicht weiss, welche Auswirkungen die Strahlen von 5G auf unsere Gesundheit haben.» Es gebe noch keine Langzeitstudien, die Klarheit schaffen würden. «Wir fordern die Gemeinde dazu auf, das Bauprojekt zu sistieren, solange nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass elektromagnetische Strahlung der 5G-Antennen gesundheitlich bedenkenlos ist», sagt eine Anwohnerin. Solche Moratorien gebe es bereits in einigen Kantonen der Romandie.

Zudem sei ein 5G-Netz gar nicht nötig, findet eine Nachbarin. «Ich habe mit IT-Fachleuten gesprochen und alle haben mir versichert, dass 4G für die Bedürfnisse von Privaten völlig ausreicht.» Die Vertreter der Gruppe betonen jedoch: «Wir sind keine Gegner des technischen Fortschritts. Schliesslich nutzen wir alle auch Handys. Doch das liegt in der Eigenverantwortung. Wir können selber bestimmen, wie lange wir das Handy benutzen und ob wir das W-Lan ausschalten, wenn wir es nicht brauchen.» Dieser geplanten Antenne sei man jedoch täglich 24 Stunden lang ausgesetzt.

Um ihrer Forderung Gewicht zu verleihen, sammelte die Gruppe im Gebiet Weihermatt 203 Unterschriften und übergab diese dem Gemeinderat mit der Bitte, das Baugesuch abzulehnen. Die Gruppe meldete zudem an, dass sie über den baurechtlichen Entscheid informiert werden will. «Nur so ist es uns möglich, Rekurs beim Baurekursgericht einzureichen», sagt ein Anwohner. Mit ihrem Engagement wollen sie auch weitere Urdorferinnen und Urdorfer dazu anregen, genauer hinzuschauen und sich über das Thema zu informieren. «Wir hoffen, dass wir in der Gemeinde so eine Diskussion über 5G-Antennen und deren elektromagnetische Strahlung anstossen können, damit sich die Bevölkerung der Vor- und Nachteile bewusst wird», sagt ein Anwohner. Doch nicht nur dies: «Wir wollen mit unserer Aktion der Bevölkerung Mut machen, bei weiteren 5G-Baugesuchen aktiv zu werden.» Begrüssen würde man zudem, wenn man im Umgang mit Funkgerätschaften wie Computern und Smartphones umfassend aufgeklärt werden würde, sodass man möglichst gut geschützt sei. Die Gruppe setzt auf die Unterstützung der Gemeinde: «Wir wünschen uns, dass der Urdorfer Gemeinderat sich für das Wohl und die Gesundheit der Bewohner tatkräftig engagiert und wenn nötig einen Vorstoss für 5G-Moratorien im Kanton einreicht.»

Nicht nur die Gruppe, sondern auch 14 weitere Einwohner verlangen von der Gemeinde den baurechtlichen Entscheid, wie die Bauabteilung der Gemeinde Urdorf auf Anfrage mitteilt. Sie bestätigt, dass es sich bei dem Baugesuch um den Umbau der bestehenden Anlage der SBB und neu um die Mitbenutzung eines privaten Mobilfunkbetreibers handelt. Dass es definitiv eine 5G-Antenne wird, sei den Baugesuchunterlagen jedoch nicht zu entnehmen. «Eine Bewilligung wird nicht auf die Technologie, sondern aufgrund der Frequenzbänder erteilt. Die Bauherrin muss nicht offenlegen, ob es um eine 4G- oder 5G-Antenne geht», heisst es. Von der Frequenzstärke sei eine 5G-Antenne durchaus möglich. «Es ist anzunehmen, dass eine solche gebaut wird angesichts der derzeitigen Aufrüstung der Mobilfunknetzbetreiber», so die Bauabteilung. Es wäre die erste Antenne mit neuem Mobilfunkstandard in Urdorf. Insgesamt stehen in der Gemeinde aktuell deren zwölf. Eine davon ist die bereits bestehende der SBB am Bahnhof Weihermatt, eine 2G-Antenne. Geplant sei, dass diese zurückgebaut werde, sobald die neue Antenne errichtet sei, heisst es von der Bauabteilung.

Dass die Handy-Antenne in der Landwirtschaftszone entstehen soll, sei nicht üblich, aber möglich. «Solange die Betreiber erklären können, warum dieser Standort geeigneter ist als andere, kann eine Bewilligung erteilt werden», so die Bauabteilung. Nicht nur sie hat über das Baugesuch zu befinden, sondern auch der Kanton. Er gibt am Ende die Bewilligung für den Standort ausserhalb der Bauzone. Das Thema Mobilfunkanlagen beschäftigte auch den Urdorfer Gemeinderat an seiner letzten Sitzung. «Der Gemeinderat hat von den an ihn herangetragenen Bedenken betreffend Mobilfunkanlagen Kenntnis genommen», sagt Patrick Müller, Leiter Stab der Gemeinde Urdorf. Aktuell prüfe er, inwiefern eine politische Einflussnahme gerechtfertigt und möglich sei.