Zürich
Andres Türler prägte die Stadt 16 Jahre lang nachhaltig – jetzt ist Schluss

Zürichs dienstältester Stadtrat Andres Türler tritt bei den Wahlen im Frühjahr 2018 nicht mehr an. Eine Bilanz.

Matthias Scharrer
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Einer der seltenen öffentlichen Auftritte von FDP-Stadtrat Andres Türler in letzter Zeit: Bierfass anzapfen am Oktoberfest auf dem Zürcher Bauschänzli.

Einer der seltenen öffentlichen Auftritte von FDP-Stadtrat Andres Türler in letzter Zeit: Bierfass anzapfen am Oktoberfest auf dem Zürcher Bauschänzli.

Zur Verfügung gestellt

Während manch anderer Zürcher Stadtrat im beginnenden Wahlkampf bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auftaucht, macht Andres Türler (FDP) sich rar. Lediglich als Bierfass-Anzapfer am Oktoberfest auf dem Bauschänzli trat er kürzlich öffentlich in Erscheinung.

Wahlkampf hat Türler nicht mehr nötig: Zu den Wahlen im kommenden März tritt der knapp 60-Jährige nicht mehr an. 16 Jahre gehörte der Freisinnige dem rot-grün dominierten Zürcher Stadtrat an – eine lange Zeit mit wichtigen Weichenstellungen. Türler nahm dabei teils vorweg, was die ab 2004 entstandenen Grünliberalen dann zu ihrem Parteiprogramm machten.

Zum Teil war der vormalige FDP-Stadtparteipräsident durch die politischen Mehrheitsverhältnisse in Zürich zu einer stark ökologisch ausgerichteten Politik gezwungen. Doch langjährige Beobachter und Weggefährten aus verschiedenen Lagern sind sich einig: Er tat es auch aus Überzeugung. Anders hätte Türler es kaum so lange im umweltpolitisch zentralen Departement der Industriellen Betriebe ausgehalten, zu dem das Elektrizitätswerk (EWZ), die Verkehrsbetriebe (VBZ) und die Wasserversorgung zählen.

Eine gewisse Amtsmüdigkeit dürfte bei seinem Rücktritt gleichwohl mitspielen, obwohl er dies abstritt. Zuletzt musste Türler nämlich empfindliche politische Niederlagen einstecken. So beschloss das Stimmvolk, dass Zürich den Atomausstieg schneller vollziehen soll, als Türler es sinnvoll findet. Und: Der Gemeinderat lehnte die Vorlage des FDP-Stadtrats für eine Umwandlung des Elektrizitätswerks Zürich (EWZ) in eine selbstständige öffentlich-rechtliche Anstalt ab.

Doch Türler, den ein Militärkommandant einst mit einem jungen Bernhardiner verglich, der mit dem Kopf in die Wand rennt, sich schüttelt und dann seinen Weg erneut sucht, wirbt bereits für die nächste Abstimmung am 26. November: «Mit Rahmenkrediten soll das EWZ konkurrenzfähig werden», heisst es auf seiner Stadtrats-Website.

Stadtrat der Energiewende ...

Andres Türler dürfte als Stadtrat der Energiewende in Zürichs Geschichte eingehen: In seine Amtszeit fielen die Stadtzürcher Volksentscheide für die 2000-Watt-Gesellschaft, für den Ausstieg aus der Beteiligung an Atomkraftwerken bis 2034 und für eine Reduktion des Anteils des motorisierten Individualverkehrs am Gesamtverkehr um zehn Prozentpunkte. Entscheide, die nicht gerade den FDP-Kernthemen entsprachen. Türler hatte sie als Stadtrat dennoch umzusetzen. Wurde der Freisinnige so ein Grüner wider Willen? SP-Gemeinderat Joe Manser, der die 2002 begonnene Amtszeit des nun scheidenden FDP-Stadtrats von Anfang an im Stadtparlament miterlebte, verneint: «Nicht wider Willen. Er ist ein Realo-Grüner, der lieber den pragmatischen Weg begeht.» Manser weiter: «Die vom Volk beschlossene Energiewende musste er mittragen. Aber er hat im Stadtrat oft aufseiten der Grünen mitgestimmt.»

In seiner eigenen Partei trug ihm dies bisweilen Kritik ein. Doch Türler, ein Mann der Mitte zwischen Wirtschaftsfreisinn und Ökofundis, setzte sich konsequent für eine pragmatische ökologische Politik ein. Um neue Energiequellen zu erschliessen, nahm er auch das Risiko des Scheiterns in Kauf. So etwa bei den Tiefenbohrungen für Erdwärme im Triemliquartier, die sich als weniger ergiebig als erhofft erwiesen. Gleichzeitig sorgte er in seiner Amtszeit mit dafür, dass das EWZ Beteiligungen an Wind- und Solarkraftwerken primär dort erwarb, wo sie am ergiebigsten sind: Beim Wind sind dies Küstengegenden im Norden Europas; und die Sonne scheint für Zürichs Ökostrom am intensivsten im Süden Spaniens.

... und des Trambaus

Lokalhistorische Dimensionen hat auch ein verkehrspolitisches Ergebnis von Türlers Amtszeit: In seiner Zeit als Zürichs oberster Trämler wuchs das Tramnetz wie zuvor jahrzehntelang nicht mehr. Auf Stadtzürcher Boden entstanden zwei neue Tramlinien: jene vom Escher-Wyss-Platz zum Bahnhof Altstetten und jene über die Hardbrücke, die im kommenden Dezember eröffnet wird. Beides sind Beispiele einer Verkehrspolitik, die ein Nebeneinander von öffentlichem Verkehr (öV) und motorisiertem Individualverkehr anpeilt.

Gleichzeitig wurde damit der öV in Zürich ausgebaut und das Bevölkerungs- und Verkehrswachstum umweltverträglicher gestaltet. Dies und das allmähliche Umpolen des EWZ auf immer mehr Ökostrom sind bleibende Leistungen aus Türlers Amtszeit.

Und noch eine Mobilitätswende

Laut Manser mindestens ebenso wichtig wie die ersten Schritte in Richtung Energiewende war eine Mobilitätswende, die Türler durchzusetzen half: «Tram und Bus sind heute zugänglich für alle», so der SP-Gemeinderat. Und weiter: «Dass die öffentlichen Verkehrsmittel in Zürich konsequent behindertengerecht umgestaltet wurden, hat auch damit zu tun, dass Türler fand: ‹Das brauchts.› Heute profitieren alle davon, auch Kinderwagen- und Rollatorbenutzer.»

Fragt man beim dienstältesten FDP-Gemeinderat nach, rückt ein anderes Vermächtnis des dienstältesten Zürcher Stadtrats in den Vordergrund: «Türler hat frühzeitig die Bedeutung eines Glasfasernetzes erkannt», sagt Hauseigentümerverbandschef Albert Leiser. Der Bau des Glasfasernetzes habe mit dazu beigetragen, dass Zürich für ein Unternehmen wie Google zu einem wichtigen Standort wurde.

Fazit: Auch wenn er zuletzt politische Niederlagen einstecken musste, hat Türler Zürich in den Jahren nach der Jahrtausendwende nachhaltig geprägt, und das in mehrfacher Hinsicht. Darauf kann man schon mal anstossen.