Der Pfarrer erhielt eine bedingte Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je 250 Franken. Die Probezeit beträgt zwei Jahre. Seine ebenfalls angeklagte Ehefrau, selber Theologin, aber nie offiziell in der Strafanstalt Thorberg angestellt, wurde freigesprochen. Sie hatte zwar Kontakt zum Ex-Häftling, aber nur als Privatperson.

Der Richter sah es als erwiesen an, dass der Pfarrer ganz bewusst Geheimnisse ausgeplaudert hatte. Dessen Begründung, dass er ja schon lange pensioniert sei, ändere daran nichts. "Die Geheimnispflicht endet nicht mit der Pensionierung, sondern erst mit dem Tod."

Das Verhalten des Pfarrers sei eine "aufgedrängte Wohltat" gewesen, die im Ergebnis missraten sei. Das Paar nahm die Sache einigermassen gelassen. "Das Verhalten war offensichtlich falsch", sagte der Pfarrer während des Prozesses. "Nun denn, werde ich halt bestraft." Vor ihrem Gewissen würden sie noch einmal genau gleich handeln.

Frau in ihrer eigenen Wohnung überfallen

Die Verletzung des Amts- und Berufsgeheimnisses, für die der Theologe bestraft wurde, passierte im Mai 2017, als die Zürcher Kantonspolizei nach einem 54-jährigen Räuber fahndete.

Dieser hatte eine Frau in ihrer Wohnung gefesselt und ausgeraubt. Die Polizei kannte die Identität des Mannes und veröffentlichte ein Bild von ihm. Gleichzeitig warnte sie die Bevölkerung, ihn anzusprechen. Er sei wahrscheinlich bewaffnet und gefährlich.

Kurz darauf klingelte bei den Seelsorgern in Thun das Telefon. Die Kantonspolizei Zürich wusste, dass die beiden den Mann während einer Freiheitsstrafe in Thorberg und auch danach betreut hatten. Die Polizei erkundigte sich deshalb, ob er bei ihnen in Thun sei.

Im Haus des Paars war der Gesuchte nicht. Doch der ehemalige Gefängnisseelsorger zeigte sich bereit, Informationen herauszugeben. Der Pfarrer wusste zwar um seine Schweigepflicht und dass er sich davon entbinden lassen müsste. Allerdings tat er dies erst einige Wochen später - und "im Nachhinein" gilt juristisch nicht.

Gelöschtes Sexualdelikt verraten

Die Informationen halfen zwar nicht, den Mann dingfest zu machen, da er auch ohne diese Hilfe verhaftet werden konnte. Der Pfarrer verriet aber den Inhalt eines alten psychiatrischen Gutachtens, das nach einem Sexualdelikt in den 1980er-Jahren erstellt worden war.

Dieses Sexualdelikt war - weil über 20 Jahre her - längst aus dem Strafregister gelöscht worden. Die Zürcher Polizei erfuhr also nur wegen des Pfarrers von dieser frühen Tat im Kanton Bern.

Wichtige Vertrauensperson

Dies könnte nun den bevorstehenden Zürcher Prozess gegen den Mann beeinflussen. Wann dieser stattfindet, ist noch unklar. Sein Anwalt stellte aber bereits eine "hohe Genugtuungsforderung" in Aussicht, weil seinem Mandanten schon jetzt Nachteile erwachsen seien.

Sexualstraftäter seien im Gefängnis oft zuunterst in der Hierarchie, sagte der Anwalt. Sie hätten innerhalb und ausserhalb der Mauern wenig Freunde. "Der Pfarrer ist gerade für diese Menschen eine wichtige Vertrauensperson." Der Geheimnisverrat dann umso schlimmer.

Dass das Paar angeklagt wurde, lag am Kriminellen selber. Er zeigte seine Vertrauenspersonen, mit denen er sogar Weihnachten feierte, wegen des Vertrauensbruchs an. Am Mittwoch sass er als Privatkläger ebenfalls im Gerichtssaal, bewacht von der Polizei.