Wenn die Wände des Gebäudes an der Morgartenstrasse 5 in Zürich sprechen könnten, dann hätten sie einige Anekdoten, aus ihrer 112-jährigen Bestehenszeit zu berichten. Bei der nun vom Zürcher Stadtrat unter Denkmalschutz gestellten Liegenschaft «Alte Stadthalle» handelt es sich um eines der ersten öffentlichen Veranstaltungslokale der Schweiz.

Unternehmer Karl Eser liess die Halle 1906 erbauen. Damit wurde das damalige Arbeiterviertel Aussersihl zu einem Dreh- und Angelpunkt für Auftritte von Gesangs- und Turnvereinen, den Kämpfen des Zürcher Boxklubs, dem jährlichen «Armenessen» der Heilsarmee, aber auch Maskenbällen, Autosalons sowie Velobörsen.

Genutzt wurde der Saal auch für Treffen von Studentenvereinen sowie italienischen Migranten und für politische Veranstaltungen. Diese sollen auch von der deutschen Revolutionärin Rosa Luxemburg und dem russische Revolutionär Lenin besucht worden sein. Einer der letzten grossen Anlässe fand 1938 statt. Damals wurde das erste Schweizer Ländlermusik-Wettspiel in der Stadthalle ausgetragen.

Bekannt wurde das Lokal aber schon vier Jahre zuvor durch den «Stadthallen-Krawall». Die nationalsozialistischen «Fröntler» – eine Parallelbewegung der Schweiz zum Nationalsozialismus im Deutschen Reich und zum Faschismus in Italien – luden zu einer Kundgebung unter dem Motto «Der jüdische Marxismus muss ausgerottet werden». Eine solche Veranstaltung in ihrem Wohnquartier liessen sich die Arbeiterorganisationen nicht gefallen. Obwohl der damalige sozialdemokratische Polizeivorstand die «rote» Gegendemonstration verbieten wollte, kam es zu einer Saalschlacht.

Dann kam die Konkurrenz

Mit dem 1928 eröffneten Volkshaus mit seinen 1200 Plätzen bekam die Stadthalle 1939 mit der Eröffnung des Hallenstadtions und des Kongresshauses am Seebecken weitere Konkurrenz. Die Stadthalle, die bereits als altmodischer Saal galt, verlor an Bedeutung. Eser reagierte 1949 darauf, indem das bisherige Veranstaltungslokal zu einer Autogarage umbaute. Der bis dahin säulenfreie Saal wurde mit zwei Betondecken zugezogen. Über einen Autolift sind die drei Stockwerke noch heute miteinander verbunden.

Erste Ende 2016 verkauften die Kinder des Unternehmers das Gebäude an die Hess Investment AG, die das Gebäude nun für den Mieter Schweiz Tourismus bis Mitte 2019 bezugsbereit machen will. In der Zwischenzeit wird das Lokal zwar noch als Pop-up-Restaurant genutzt. Noch bis Ende Februar bewirten Sommelier Patrick Schindler, der bereits das Pop-up-Restaurant Soi Thai in der alten Seilerei in der Rämistrasse mitgeführt hatte und der «Gault Millau»-Koch des Jahres 2016, Nenad Mlinarevic, in der ehemaligen Werkstatt ihre Gäste.

Der Blick soll zur Decke reichen

Danach sollen im Zuge des Umbaus ein Grossteil der Betonböden weichen, damit der Blick durchgehend vom Parterre bis zum Deckengewölbe hoch möglich ist. Unter den noch vorhandenen vier originalen Oberlichtern in der Kuppel des Gebäudes sollen auf Galeriegeschossen die einzelnen Büros von Schweiz Tourismus eingerichtet werden.