Die neue Ausstellung «Zürich 1218 – Auftakt zur Selbstständigkeit» beginnt nicht vor 800 Jahren, sondern viel früher – nämlich am 2. Februar 388. Auf diesen Tag ist das erste sogenannte Lebensbild datiert. Darauf ist eine Rekonstruktion des römischen Kastells zu sehen, das auf dem Zürcher Lindenhof stand. Auf der winterlichen Szene legen Boote am Ufer der Limmat an und im Hintergrund erkennt man den Tempel auf dem Hügel der heutigen Kirche St. Peter.

Vier solche Lebensbilder hängen vom 13. März bis 15. Mai im Haus zum Rech am Neumarkt. Sie zeigen die Bauten der Macht auf dem Lindenhof und bilden den ersten, archäologischen Teil der Ausstellung, wie Andreas Motschi von der Zürcher Stadtarchäologie gestern vor den Medien sagte. Vor den Bildern informieren kurze Texte, Illustrationen, Grundrisse und Fundstücke über die Epoche in Zürich.

Im römischen Zürich ist etwa die Grabinschrift von Lucius Aelius Ubicus, dem eineinhalbjährigen Sohn des Zollvorstehers, zu sehen. Die Grabinschrift erinnert nicht nur an den «süssesten Sohn», sondern ist auch der erste schriftliche Beleg von Zürichs lateinischem Namen Turicum.

Geschichte der Pfalz

Auf dem nächsten beiden Bildern ist dargestellt, wie die Karolinger Pfalz im 9. Jahrhundert und deren vergrösserter Neubau im 11. Jahrhundert ausgesehen haben könnten. Eine Pfalz ist ein Palastbau, der Königen und Kaisern als temporäre Residenz diente. Wichtiger Bestandteil war der Saal für Empfänge und politische Geschäfte. 1055 feierte Heinrich III, König und Kaiser des römisch-deutschen Reiches, in Zürich Weihnachten und gab die Verlobung seines fünfjährigen Sohnes mit einer vierjährigen italienischen Prinzessin bekannt.

Die Pfalz wurde später zur Stadtburg umgebaut, wo die Fürstengeschlechter der Lenzburger und Zähringer als Vögte über Zürich herrschten. Die grossen Eingangstüren der Pfalz wurden geschlossen, und die Burg erhielt einen Graben und schloss an die Stadtmauer an. So ist sie zu sehen auf dem Lebensbild vom 25. Mai 1217.

Zeitalter der Selbstständigkeit

Das imposante Zentrum der Macht thronte auf dem Lindenhof-Hügel bis vor 800 Jahren. 1218 markiert den Wendepunkt, als mit Berthold V der letzte Zähringer starb. «In Zürich entstand ein Machtvakuum, da keine der Bürgerfamilien wichtig genug war, die Nachfolge der Zähringer anzutreten», sagte Tobias Hodel vom kantonalen Staatsarchiv, das die Ausstellungen zusammen mit der Stadtarchäologie und dem Münzkabinett Winterthur realisiert hat. Ab 1218 wechselt die Farbe auf den Info-Tischen von blau zu grün: Das Zeitalter der Selbstständigkeit – und der historische Ausstellungsteil – beginnt.

Die Zürcher Bürgerfamilien ergriffen die Chance und beanspruchten die Selbstbestimmung für sich. Sie gründeten den Zürcher Rat und tarierten ihre Rechte aus im Gefüge der Abteien des Gross- und des Fraumünsters. 1262 schliesslich, erhielt die Reichsstadt Zürich alle Rechte bestätigt. Davon zeugen Urkunden und Herrschaftszeichen wie Münzen und Siegel. Die Stadtsiegel, die als 3-D-Replika ausgestellt sind, dokumentieren auch den Aufstieg von Exuperantius zum dritten Schutzpatron Zürichs. Obwohl Felix’ und Regulas Diener in der ursprünglichen Legende nicht erwähnt wird, taucht er im Siegel der Bürger plötzlich auf.

Dem neuen Selbstbewusstsein der Zürcher musste auch die markante Stadtburg weichen. 1218 gilt als wahrscheinlichster Zeitpunkt der Zerstörung der letzten Bebauung des Lindenhofs. Um 1300 wurde schliesslich im «Richtebrief» festgehalten, dass der Platz auf dem Hügel freigelassen werden muss. Kein Herrscher sollte mehr über Zürich thronen können.