Limmattal

Als der Pöstler auch Wirt war

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Vor 175 Jahen wurden im Limmattal die ersten Poststellen eröffnet.

Das arme und unbedeutende Limmattal lag abseits, als im 16. Jahrhundert erste grössere Postverbindungen in der Schweiz unterhalten wurden. Lediglich in Dietikon, in der Taverne zur Krone, machten die Boten halt, um die Pferde zu wechseln. Daran sollte sich lange nichts ändern. 1842, vor 175 Jahren, fasste die Post im Limmattal Fuss. An Neujahr wurde die Poststelle Dietikon eröffnet. Es war der Startschuss für eine eigentliche Postgeschichte im Limmattal. Denn noch im selben Jahr erhielten Schlieren, das damals noch eigenständige Höngg, Engstringen, Weiningen und Geroldswil ihre eigenen Poststellen. Rechts der Limmat ging diese Welle an Eröffnungen mit der Inbetriebnahme des Postkutschenkurses von Zürich über Weiningen nach Baden einher.

Abseitsstehen wollte man nun nicht mehr, wie das Beispiel Geroldswil zeigt. Dort bemühte sich der Gemeinderat mit einem Schreiben an das Postamt Zürich um eine eigene Station. Denn «so könnte am nämlichen Abend, an welchem die Post die Briefe bringt, dieselben noch vertragen und ebenso die, welche morgens darauf wieder auf die Post gethan werden sollen, leicht auf die Ablage gethan werden», heisst es im Gesuch, dem schliesslich stattgegeben wurde.

Kantone hatten zuerst das Sagen

Die Hoheit über die Post übte damals noch der Kanton aus. Deshalb richteten die Geroldswiler ihr Begehren auch nach Zürich. Noch wenige Jahre zuvor sollte das Postwesen in der Schweiz unter der französischen Besatzung verstaatlicht werden. 1798 wollte die Helvetische Republik die Postorganisation und -tarife vereinheitlichen. Dazu war eine Zentralverwaltung geplant. Allerdings fehlten die Mittel. Mit der Auflösung der Helvetischen Republik wurde 1803 die Zentralisierung des Postwesens wieder aufgehoben und das Postregal, also das Postrecht, den Kantonen überlassen.

Obschon im Limmattal zu Beginn des
19. Jahrhunderts noch keine Poststellen existierten, waren schon seit geraumer Zeit Boten unterwegs, die in der Stadt Postsachen holten und in den Nachbargemeinden verteilten oder sie von dort nach Zürich brachten. Regelmässig wurde schon um 1702 die Strecke Urdorf–Altstetten–Zürich bedient. Dies lag daran, dass das Urdorfer Bad zu jener Zeit seine Hochblüte erlebte und es viele Städter in die Nachbargemeinde zog.

Der Botendienst war eine anstrengende Angelegenheit. Das zeigt das Beispiel von Rudolf Spillmann aus Oberurdorf. Er übernahm 1843 diese Aufgabe. In Zürich wechselte er die Postsachen aus und verteilte sie am Montag, Mittwoch und Freitag in den Gemeinden Uitikon, Birmensdorf, Aesch, Altenberg, Mittel- und Unterreppischtal sowie in Nieder- und Oberurdorf. Jedes Mal legte er eine Strecke von mehr als 20 Kilometer zurück. Entschädigt wurde er mit Fr. 54.60 pro Quartal. Spillmann wurde später auch zum ersten Posthalter in Oberurdorf, denn 1848 eröffnete die Kantonspost dort eine Poststelle.

Erste Briefmarken in Zürich

Als Spillmann sein Amt antrat, da waren in der Schweiz bereits die ersten Briefmarken im Umlauf – in Zürich, Genf und Basel-Stadt. Die drei Kantone übernahmen eine Erfindung aus England. Dort wurden 1840 die ersten Briefmarken eingeführt, die sogenannte Penny black (ein Penny) und die Penny blue (zwei Pence).

Die Grundidee bestand darin, das Briefporto nicht mehr wie bis anhin vom Empfänger einziehen zu lassen, sondern vom Absender. Zudem wurden mit der Briefmarke auch die Gebühren gesenkt, sodass ein Briefwechsel nicht mehr nur reichen Personen vorbehalten war. Die guten Erfahrungen, die in England gemacht wurden, bewogen den Kanton Zürich dazu, die Erfindung seinerseits aufzugreifen.

Per 1. März 1843 beschloss er die Einführung von zwei Marken. Die eine hatte den Wert von vier, die andere von sechs Rappen. Mit Ersterer wurde der Stadtposttarif, mit Letzterer eine Sendung innerhalb des Kantons bezahlt. Noch im gleichen Jahr gab der Kanton Genf die sogenannte Doppelgenf heraus. Zwei Jahre später folgte der Kanton Basel-Stadt mit dem Basler Dybli.

Die Eisenbahn bringt Wandel

Nicht nur die Briefmarke sorgte im Postwesen für grosse Veränderungen, sondern auch die Eisenbahn. Als die «Spanisch-Brötli-Bahn» 1847 ihren Betrieb zwischen Zürich und Baden aufnahm, hatte die täglich verkehrende Postkutsche auf der rechten Limmatseite kaum noch Gäste. In Zürich fuhr sie jeweils um vier Uhr nachmittags ab, in Baden um fünf Uhr morgens. Infolge des Rückgangs an Passagieren musste der Kurs jedoch bereits 1848 eingestellt werden. Ersetzt wurde er durch einen Fussboten, der zwischen Zürich und Geroldswil unterwegs war.

1855 fuhr dann wieder eine Kutsche, von Zürich über Weiningen nach Baden. Dieses Mal war es nicht mehr ein Zwei- sondern ein Einspänner. Sukzessive wurde die Strecke jedoch in den folgenden Jahren wieder verkürzt. Ab 1877 fuhr die Kutsche noch bis Würenlos, ab 1890 bis Weiningen. Die Taxe für die Strecke von Zürich nach Geroldswil belief sich auf Fr. 1.90, jene für Zürich–Weiningen auf Fr. 1.65. 1898 wurde der Kutschenbetrieb ganz eingestellt.

Keinen Einfluss hatte die Eisenbahn zunächst auf den Postkutschenbetrieb von Dietikon nach Bremgarten. Verantwortlich dafür zeichnete Jakob Christoph Peter, der erste Posthalter des heutigen Bezirkshauptortes. Er war eine illustre Persönlichkeit, die neben der Sicherstellung des Postbetriebs auch eine Wirtschaft führte. Zu jener Zeit war das nicht unüblich. Noch heute zeugen Restaurantnamen wie «Zur Post» oder «Alte Post» von solchen Verbindungen. Andernorts, etwa in Oberengstringen, wurde die Verteilung der Post zu Beginn in die Hände des Lehrers gelegt. Die Poststelle war dementsprechend bei ihm zu Hause einquartiert.

Erste Angestellte in Dietikon

Während in Oberengstringen der Poststellenhalter auch einmal täglich die Post vertragen musste, konnte Peter in Dietikon bereits auf Angestellte zählen. Allerdings hatte er es nicht immer einfach mit ihnen. So unterschlug einer der Postillons die Fahrtaxe einer Passagierin in der Höhe von 90 Rappen. Auch sein Nachfolger, sein Sohn Heinrich, der die Stelle 1876 antrat, sah sich gezwungen, hin und wieder durchzugreifen. So entliess er einen Postillon wegen Trunkenheit. Bei der Abfahrt mit seiner Kutsche war dieser zwei Mal vom Bock gefallen und musste schliesslich seinen Posten einem Kollegen überlassen.

In Schlieren brennt Posthaus nieder

Wenig Glück war auch dem Schlieremer Posthalter Jakob Bräm beschieden. Er erlebte eines der einschneidendsten Erlebnisse in der Postgeschichte seines Dorfes. In der Nacht vom 28. auf den 29. Dezember 1879 brannte das alte Posthaus an der Zürcherstrasse 1 vollständig nieder. Ein Teil des Barbestandes, 249 Franken, fielen den Flammen zum Opfer. Weil Bräm aber «nachgewiesenermassen sein Möglichstes zur Rettung der Postsachen getan hatte und auch die übrigen Wertsachen in Sicherheit bringen konnte», übernahm die Postkasse den Verlust. Zu diesem Zeitpunkt verfügten weitere Gemeinden im Limmattal über eine eigene Poststelle. Etwa Uitikon. Damit stand die Region nun nicht mehr abseits.

Quellen: Urdorf in der Geschichte; Chronik 3500 Jahre Weiningen; Jahrheft Schlieren 2010, Neujahrsblatt von Dietikon 1950; Halt auf Verlangen, Oberengstringen.

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